Die Angst vor dem Schluss

Friends, Gilmore Girls, Harry Potter und jetzt auch noch die Buchreihe von Elena Ferrante: Wann immer eine Geschichte endet, fühlt sich unsere Autorin, als müsste sie eine Trennung durchstehen. Aus gutem Grund.

Ich habe seit drei Tagen ein dumpfes Gefühl im Brustkorb. Denn ich musste eine Freundschaft beenden. Von Elena und Lina, meinen genialen Freundinnen, die ich manchmal schütteln wollte (du hast mit Nino geschlafen, ernsthaft?) und mit denen ich trotzdem am liebsten meine Abende verbracht habe. Mit denen ich auf meinem Sofa saß, eingewickelt in eine Decke, das schwere Buch auf dem Bauch. Aber jetzt habe ich die letzte Seite in der Reihe von Elena Ferrante gelesen. Die Hauptfigur Elena ist weg und Lina sowieso.

Ich hasse die Enden von Büchern, Filmen und Serien. Denn sie bedeuten immer auch den Abschied von Figuren, die man mag. Und das fühlt sich an wie eine sehr einseitige Trennung im echten Leben. Als hätte man gemeinsam bunte, warme, schöne Tage erlebt (mit schrägem Sonnenlicht an einem Sommerabend, da kann man so schön im Park sitzen). Und trotzdem sagt der Bekannte danach: »Hey, war nett, aber rufe mich lieber nicht mehr an.« Großes Unverständnis in meiner Herzregion.

Wie sehr ich unter dem Abschied leide, hängt eng damit zusammen, wie viel Zeit ich mit den Figuren verbracht habe. Ich bin mit Harry, Ron und Hermine nach Hogwarts gegangen, habe heißes Butterbier getrunken, die Gänge des Schlosses erkundet, saß bei McGonagall im Unterricht und habe mich in der Pause an Hermines handflächengroßen Feuern gewärmt. Dann waren die drei komisch gealtert und winkten ihren Kindern im Zug nach Hogwarts nach. Aua.

Oder nehmen wir das Ende der Serie »Friends«, an dem die Kamera durch Monicas leere Wohnung schwenkt. In dem Moment wurde mir klar, dass all die Nachmittage vorbei sind, an denen ich mit den Sechs im »Central Perk« sitzen und Kaffee trinken konnte.

Falls Sie sich Sorgen um meinen Geisteszustand machen: Mir war und ist bewusst, dass all diese Figuren ausgedacht sind. Allein deswegen, weil sie in einer Stadt wie New York immer das große Sofa in einem Café gekriegt haben oder sich beim Frühstück bei Harry Potter das Essen wieder aufgefüllt hat. Aber ich saß da und weinte. Und ging danach zwei Tage lang etwas benommen durch mein echtes Leben.

Wenn ich eine Figur nur ungern aufgebe, liegt das daran, dass die Autoren der Bücher oder Serien ihren Job gut gemacht haben. Sie haben es geschafft, einer Figur so viel Leben zuzuschreiben, dass ich mit ihr befreundet sein möchte – oder mich sogar in sie verknalle (an dieser Stelle liebe Grüße an Sherlock).

Mein Bauchgefühl ist in der Medienwissenschaft schon länger bekannt. 1956 beschrieben es die Autoren Donald Horton und Richard Wohl mit dem Begriff »Parasoziale Interaktion« als eine imaginäre, sehr einseitige Beziehung zu einer Figur aus Film oder Radio. Wie armselig das klingt: einseitig. Danke auch.

Aber ich kann nachvollziehen, warum ich diese Gefühle entwickle. Die schönsten Stunden meines Tages verbringe ich mit echten Freunden – oder eben mit Büchern und Serien. Es sind Momente, in denen ich alles ausblende, was ich in den Stunden zuvor erlebt habe: den Kollegen, der mir in der Kantine nicht zurückgewunken hat (urpeinlich), den kalten Wind, der mir ins Gesicht bläst, wenn die U-Bahn einfährt und die menschliche Kälte, die mir dann vom Sitznachbarn entgegenschlägt. Alles weg, sobald ich eine Serie anschalte oder das Buch aufschlage. Ich fahre nur noch mit den Augen über die Zeilen, Buchstabe für Buchstabe, es ist wundervoll.

Bis das Ende näher rückt. Dann lese ich immer langsamer und rechne die Zahl der Seiten aus, die mir noch bleibt.

42 Seiten: Ok, weitermachen, alles gut.
18 Seiten: Aaah, mittelgut.
4 Seiten: Oh nein.
2 Seiten: Aaaaaaaah.

Aber Geschichten müssen ein Ende haben. Und deswegen habe ich nach Wegen gesucht, besser damit umzugehen und das dumpfe Gefühl etwas abzumildern. Bis jetzt habe ich nur einen Trick gefunden, den vielleicht nicht alle hören möchte: Ich spoilere mich selber. Bei Büchern lese ich die letzten Seiten gleich zu Beginn, bei Serien schaue ich im Internet nach, wie es ausgeht. Das Buch zu lesen oder die Folgen der Serie zu schauen, ist dann nur noch eine Verarbeitung dieses unvermeidlichen Endes, das keinen Schrecken mehr besitzt, weil ich es schon kenne. Deswegen war ich wohl auch eine der Wenigen, die sich nicht auf das Netflix-Revival der Gilmore Girls gefreut haben. Ich hatte doch gerade erst das letzte Ende verarbeitet.

Normalerweise würde ich mit Freunden ausgehen, wenn ich mich schlecht fühle, oder mit ihnen in meinem Wohnzimmer versacken, zu viele Gläser Merlot trinken und jammern. Aber anders als bei einer realen Beziehung, die in die Brüche geht, kann ich mein dumpfes Bauchgefühl nach dem Ende einer Serie oder eines Buches schlecht mit ihnen besprechen. Angesichts der echten Probleme kommt mir mein emotionales Taumeln ganz schön lächerlich vor. Mit dir hat gerade dein Freund Schluss gemacht? Dann höre dir mal an, wie es mir geht: Ich muss den Abschied von einem Buch verkraften. Passt nicht.

Aber es gibt eine Sache, die mich tröstet: Ich kann mich in schlechten Momenten immer bei meinen Exfreunden melden, ohne schlechtes Gewissen. Dafür muss ich nur ein Buch aus meinem Regal ziehen. Oder Netflix aufrufen und auf Folge 1 klicken, um Joey, Chandler, Ross, Monica, Phoebe und Rachel wiederzusehen. Dann eben noch mal von vorne.

Fotos: Handout/suhrkamp/dpa und Robert Voets/Netflix/dpa

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