Warum ich Michael Jackson nicht mehr höre

Was tun, wenn gegen Idole schwere Vorwürfe erhoben werden? Unser Autor setzt auf Entzug. Weil er Aufmerksamkeit als politisches Instrument begreifen möchte, das gesellschaftlichen Wandel bringt.

Im Lichte der HBO-Dokumentation Leaving Neverland, in der zwei Männer Missbrauchsvorwürfe gegen den »King of Pop« erheben, haben Radiosender, darunter BBC 2, erklärt, künftig auf Michael-Jackson-Songs in ihrem Programm zu verzichten.

Foto: dpa

Vor ein paar Wochen bin ich endlich dazu gekommen, auf Arte eine Doku zu schauen, die ich schon sehr lange sehen wollte. Jodorowsky’s Dune heißt sie, und sie handelt vom chilenischen Regisseur Alejandro Jodorowsky und seinem letztlich gescheiterten filmischen Großprojekt Dune. Jodorowsky erzählt, wie er den legendären Comiczeichner Moebius dafür gewann, wie er Mick Jagger, Orson Welles und Salvador Dalí als Schauspieler verpflichtete. Und wie am Ende kein Filmstudio der Welt sich traute, diesen Film zu finanzieren.

Die Heldengeschichten von Jodorowsky’s Dune sind eigentlich ein Traum für einen nerdigen Filmwissenschaftler wie mich. Und früher hätte ich dort, in der Wohnung voller Bücher, ein visionäres Genie gesehen. Heute aber sehe ich da nur noch einen alten, scheinbar wahnsinnigen Mann, der, wie in der Doku klar wird, seinen damals zwölfjährigen Sohn zwei Jahre lang täglich sechs Stunden Karate trainieren ließ, um ihn auf die Hauptrolle vorzubereiten. Und der darin die Verfilmung eines Romans mit der Vergewaltigung einer Frau vergleicht. »Wenn du sie respektierst, würdest du nie Kinder bekommen. Du musst ihr das Kleid aufreißen und sie vergewaltigen.« Nach diesem Satz ist die Doku für mich vorbei. Klick. Aus.

Als ich in den vergangen Tagen die vielen Texte zu Leaving Neverland gelesen habe, der Doku des US-amerikanischen Pay-Senders HBO über die Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson, musste ich immer wieder an diesen Moment mit Alejandro Jodorowsky zurückdenken. Nicht weil die Vorwürfe, die im Raum stehen, in irgendeiner Art vergleichbar sind. Jodorowsky mag ein rücksichtsloser Irrer sein, der die Menschen in seinem Leben für seine Kunst ausbeutete. Michael Jackson hingegen wird in Leaving Neverland von Wade Robson und James Safechuck, vorgeworfen, sie als Kinder jahrelang sexuell missbraucht zu haben. Das wäre ein anderes Kaliber, ganz klar. Aber das Problem, vor das mich Jodorowsky und Jackson stellen, ist das gleiche.

Meistgelesen diese Woche:

Juristisch sind die neuen Vorwürfe, die Safechuck und Robson vorbringen, nicht bewiesen. 2005 wurde Jackson vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs in einem anderen Fall freigesprochen – auch dank einer damals entlastenden Aussage von Wade Robson. Dennoch glaube ich den beiden Männern heute. Weil sie in meinen Augen nachvollziehbar erzählen, wie Jackson sie über Jahre manipuliert habe.

Wie geht man damit um, wenn einem Idol vorgeworfen wird, sich unverzeihlich verhalten zu haben? Jahrelang hat man eine Person verehrt, man hat sich ein Bild von ihr geschaffen, hat Kraft und Freude und Hilfe aus ihrer Kunst gezogen. Dann kommt der Moment, an dem man etwas Neues erfährt, was diese Person gesagt haben soll, was sie getan haben soll. Und es tut sich ein Zwiespalt auf: zwischen dem Fan, der man einmal war, und der Haltung, die man heute vertritt.

Die schweren Vorwürfe gegen Michael Jackson sind alt, aber der gesellschaftliche Umgang mit ihnen ist neu. Sie treffen auf eine Welt nach #MeToo. Einige finden diese Welt beängstigend. Sie sprechen von Prüderie, von der »Diktatur der politisch Korrekten«, von »Hexenjagden«. Die Wahrheit aber ist: Die Zeit, in der privilegierten Männern jedes Fehlverhalten durchzugehen schien, ist vorbei. Der Sockel, auf dem sich die über jeden Vorwurf erhabenen männlichen Genies eingerichtet haben, er gerät ins Wanken.

Gerade war die erste Folge von Leaving Neverland in den USA gelaufen, da kündigte der britische Radio-Sender BBC Radio 2 schon an, er wolle in Zukunft alle Songs von Michael Jackson aus seinem Programm verbannen. Nach der Doku Surviving R. Kelly führte eine Petition dazu, dass ein geplantes Deutschland-Konzert des Sängers abgesagt wurde. Und auch was mit Kevin Spacey infolge der gegen ihn laut gewordenen Vorwürfe der sexuellen Belästigung passierte, kennt man: Regisseur Ridley Scott schnitt ihn in einer Hauruck-Aktion aus seinem Film Alles Geld der Welt.

Die Reaktionen auf diese teils drastischen Schritte ähneln sich sehr. Was ist mit der Kunstfreiheit, fragt das Feuilleton. Was ist mit der Unschuldsvermutung, fragen die Juristen. Beides sind wichtige Diskussionsansätze – nur helfen sie bei der eigenen moralischen Standortbestimmung nicht weiter. Wie gehe ich mit dem Künstler um? Man könne Kunst und Person doch einfach trennen, sagen nun viele. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Nachdem die Debatte um R. Kelly im vergangenen Jahr wieder einmal hochgekocht war, verbannte Spotify den Künstler zunächst gänzlich aus seinem Programm. Weil dieses Vorgehen aber hart kritisiert wurde, machte der Streaminganbieter seine Entscheidung kurze Zeit später wieder rückgängig – und holte R. Kelly zurück. Im Zuge der neuen Doku Surviving R. Kelly gab es nun kürzlich etwas interessantes zu beobachten: Die Streamingzahlen für R. Kelly stiegen an. Die Doku, so kritisch sie auch war, verschaffte dem Sänger Aufmerksamkeit. Und diese Aufmerksamkeit schlug sich auf Spotify direkt in Tantiemen um.

Man kann am Fall R. Kelly etwas lernen: In Zeiten, in denen im großen Stil Nutzerdaten gesammelt und ausgewertet werden, in denen wir unser Konsumverhalten in Social Media verbreiten, hat jeder Klick Auswirkungen. Unsere Aufmerksamkeit ist zu einem politischen Gut geworden, mit dem wir unser Einverständnis mit bestehenden Strukturen ausdrücken können – aber auch subversiv auf deren Veränderung hinwirken können. Jeder und jedem von uns steht nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung, die er oder sie dem Konsum von Musik, Filmen, Serien oder Büchern widmen kann. Unser Aufmerksamkeit ist ein rares Gut, wir verteilen sie nicht willkürlich und sie bleibt nicht folgenlos. Deshalb müssen wir auch sehr gut darüber nachdenken, wie wir sie einsetzen.

Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, dass ich meine Lebenszeit nicht mehr verschwenden möchte. Nicht an die Maskulinisten-Propaganda von Michel Houellebecq. Und auch nicht an die kruden rechtspopulistischen Verschwörungstheorien von Morrissey. Ich vermisse einen mittelmäßigen Mann wie Kevin Spacey nicht, der sich erst unter großen Demutsbekundungen aus der Öffentlichkeit zurückzog und dann mit einer gruseligen Weihnachtsbotschaft (»Du willst es doch auch«) zurückkehrte. Und ich möchte nicht, dass R. Kelly oder Michael Jacksons Erben, die bis heute alles abstreiten und Klagen anstrengen, weiter an meinen Klicks Geld verdienen.

Es geht hier aber nur in dritter Linie um die Ausgestaltung meiner begrenzten Freizeit und in zweiter Linie um Geld. In erster Linie geht es darum, dass ich meine Aufmerksamkeit oder eben Nicht-Aufmerksamkeit als politischen Instrument verstehe, das gesellschaftlichen Wandel bringen kann. Der alte Kalender-Spruch »Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst«, er bekommt in unserer Aufmerksamkeitsökonomie ein ganz neues Gewicht.

Wenn ich mich in meinen Arbeitszimmer umschaue, sehe ich viele Bücher, Platten, Filme. Die meisten sind von und mit weißen Männern. Die meisten von ihnen sind harmlos, ein paar sind es nicht. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich verbringe die Zeit, die ich früher Alejandro Jodorowsky, Woody Allen, Roman Polanski, Morrissey, Kevin Spacey, David Foster Wallace, Ryan Adams oder all den anderen problematischen männlichen Genies geschenkt hätte, heute lieber mit Künstlerinnen und Künstlern, die mir neue spannende Perspektiven eröffnen. Mehr Frauen, mehr People of Color, mehr Transpersonen, mehr Queers, mehr nicht-binären Menschen. Ich halte das für einen guten Tausch. Und eine gute Antwort auf die Frage: Was macht man, wenn die alten Idole fallen? Klick. Aus. Zeit für neue Idole.

Hinweis 7.3.2019: Einige Passagen des Textes wurden gegenüber der ursprünglichen Fassung ergänzt bzw. präzisiert.

Artikel teilen: