Es war einmal...

eine Buchbranche, der es glänzend ging. Aber jetzt hat sie ein Problem: Seit E-Books den Markt erobern, ist es so leicht geworden, Bücher kostenlos zu kopieren, dass man sie eigentlich gar nicht mehr kaufen muss. Raubkopierer bedrohen die heile Welt der Verlage.

Charlotte Roche ist nach zwei Tagen geknackt. Schoßgebete erscheint am Morgen des 10. August. Für alle, die auf Papier und zwei Buchdeckel keinen Wert mehr legen, gibt es von Anfang an auch eine digitale Version: Das E-Book ist vier Euro günstiger als die Printausgabe, das ist ungewöhnlich im Reich der strengen deutschen Buchpreisbindung, ein Bonus an die Netzwelt für gesparte Druckkosten und nicht gefällte Bäume. »Wir wollten zeigen, dass wir den Lesermarkt der Zukunft verstanden haben«, sagt die Sprecherin des Piper Verlags, in dem der Bestseller erschienen ist. Am 12. August um 18.24 Uhr taucht dann die erste digitale Raubkopie auf. Ein Buchpirat namens Tombe, der seine Einträge mit dem Bild eines grimmig blickenden Dr. House verziert, hat die E-Book-Version von Schoßgebete als »Spende« erhalten, mit Hackersoftware von ihrem Kopierschutz befreit und in einem Forum für alles Raubkopierte verlinkt, dessen Adresse im Karibikparadies Belize registriert ist. Wer auf derart exotische Orte ausweicht, scheut westliche Gesetze und Staatsanwälte, Gerichtsvorladungen und Kontrollen. In Deutschland steht das Forum dennoch auf Platz 118 (Stand 26. September 2011) der meistbesuchten Internetseiten, weit vorn ist das, knapp hinter MySpace und AOL.

In den folgenden Tagen dann taucht das Buch gleich in zwei Versionen in einer riesigen Digitalbibliothek auf, deren Adresse auf die Insel Niue im Südpazifik verweist, 2400 Kilometer nordöstlich von Neuseeland. Das Hörbuch bekommt man am einfachsten über ein Forum, das im benachbarten Westsamoa eingetragen ist, früher Insel der Kopfjäger. Weitere Fundstellen folgen, immer weniger versteckt. Ein besonders bequemer und übersichtlicher Raubkopier-Blog aus Deutschland hat sogar das Kürzel .org in seiner Internetadresse, offizieller und seriöser geht es nicht: Es klingt nicht nur nach gemeinnütziger Organisation, es ist eigentlich auch für nicht kommerzielle Projekte reserviert, zum Beispiel wikipedia.org.

Die Medienwelt staunt in diesen Tagen über die gedruckte Startauflage von Schoßgebete: 500 000 Exemplare. Die Vorgänge im Internet interessieren niemanden. Wenn sich Schlagzeilen, Untergangsszenarien, Durchsuchungsaktionen und Strafbefehle um Raubkopierer und illegale Downloader drehen, geht es fast immer nur um Musik, Software und Filme. Wenn ein illegales Angebot wie Kino.to abgeschaltet wird, ist das eine Spitzenmeldung. Von Büchern ist in solchen Zusammenhängen nicht die Rede. Und doch existiert da im Netz längst ein riesiges Schattenreich.

Die Menschen, die es erbaut haben, sind nicht besonders gesprächig: Die ersten sechs Buchpiraten reagieren auf E-Mails nicht. Nach ein paar Tagen antwortet endlich einer von der Westsamoa-Connection. Keine Namen, verlangt er, nicht einmal sein Internet-Pseudonym soll erwähnt werden, die Fragen bitte schriftlich. Die Antworten deponiert er als Textdatei in einem der großen, anonymen Datenlagerhäuser des Internets, den Zugang schützt er mit einem Passwort.

Der Pirat ist vorsichtig. Über sich selbst möchte er nur wenig erzählen: Zu Hause in Nordrhein-Westfalen, unter 50 Jahre alt, und ja, im Wohnzimmerschrank stehen auch noch gedruckte Bücher. Seit knapp zwei Jahren ist er aktiv, zuerst hat er nur heruntergeladen, dann auch selber angeboten, und gilt damit schon als Veteran – vor zwei Jahren war die Buchpiraterie noch in der Steinzeit. Für die ersten Raubkopien kaufte er seine Bücher noch auf dem Trödelmarkt, trennte die Buchrücken ab, entfernte den Kleber und scannte die einzelnen Seiten ein. Seit er ein elektronisches Lesegerät von Sony hat, arbeitet er nur noch mit digitalen Formaten. Statt des Klebers entfernt er nun den Kopierschutz von gekauften oder geliehenen E-Books und wandelt die Texte in verschiedene Formate um. Pro Woche kostet ihn das circa 20 Stunden. Inzwischen bietet er etwa 1700 Bücher in verschiedenen Foren zum Herunterladen an, schätzt er: Reiseführer, Computer-Handbücher, aber auch Romane von Walter Kempowski oder eine Merkel-Biografie. 3200 weitere Bücher liegen momentan noch auf seiner Festplatte, »unveröffentlicht«, die Sprache der Piraten und der Verlage unterscheidet sich nicht. Damit zählt er zu den Schwergewichten der Szene, die in Deutschland zurzeit noch recht überschaubar ist. Etwa zehn Leute veröffentlichen den Großteil des Angebots, schreibt er, zwanzig würde er als Mitläufer einstufen, er selbst stehe irgendwo dazwischen.

Gerade anfangs muss das Ganze reichlich mühsam gewesen sein. Was motiviert ihn? Vor allem die Unzufriedenheit mit dem digitalen Angebot der Verlage: »Viele wissen anscheinend nicht, wie man Programme für Rechtschreibung benutzt, denn ihre E-Books sind voll von Fehlern. Außerdem sind die Metadaten – Titel, Autor, Verlag, ISB-Nummer – bei gekauften E-Books oft leer, sodass man sie schlecht in eine Datenbank einpflegen kann. Und ich akzeptiere auch nicht die hohen Preise.« Gerade bei Neuerscheinungen sind deutsche E-Books gewöhnlich kaum günstiger als das gedruckte Buch.

Wie reagieren die Verlage auf die Piraten? Sehen sie diese Entwicklung mit Sorge, Wut oder Kampfgeist? Der härteste Indikator dafür ist die Zeit, die vergeht, bis illegale Dateien wieder gelöscht werden. Die exotischen Buchpiraten-Foren dienen ja nur der Weiterleitung, dort sind keine Dateien gespeichert, sondern nur Verweise. Am Ende landet man stets bei sogenannten Filehostern, Datenlagerhäusern des Internets. Ein Verlag, der dort sein raubkopiertes Buch entdeckt, kann einfach per E-Mail fordern, dass es sofort gelöscht wird. Und oft passiert das noch am selben Tag. Die Musikindustrie zum Beispiel macht davon viel Gebrauch, aktuelle Alben sind meist schneller wieder verschwunden, als man klicken kann. Aber wann und wo man auch nachschaut im Fall Charlotte Roche – niemand scheint diese Dateien zu beachten.

Die digitalen Schattenbibliotheken werden unaufhaltsam größer

Und das Problem wird wachsen – in dem Maße, wie sich das Leseverhalten der Welt gerade verändert. Denn E-Books und die elektronischen Lesegeräte, auf die man sie lädt, der Kindle von Amazon oder das iPad von Apple, sind längst mehr als Spielzeuge von Technik-Nerds; sie sind Massenware, werden millionenfach gekauft, vor allem in den USA. Dort gab Amazon im Mai bekannt, dass die Firma auf dem US-Markt inzwischen mehr E-Books als gedruckte Bücher absetzt – eine Zeitenwende, die wohl auch in Deutschland bevorsteht, denn Amerika ist wieder einmal voraus: Das Lesegerät Kindle zum Beispiel gibt es in den USA schon seit November 2007 zu kaufen, in Deutschland erst seit Oktober 2009. Vor einer Woche kündigte Amazon nun auch noch seine Kindle-Weiterentwicklung an, den sogenannten Fire, der mitten im Weihnachtsgeschäft erscheinen soll.

Sobald sich elektronische Lesegeräte durchgesetzt haben, fällt ein großes Ärgernis von raubkopierten Büchern weg: Bisher musste man sie entweder am Computerbildschirm lesen oder ausdrucken, was auf den Rücken und auf die Nerven geht. Nun kann man sie wie jedes gekaufte E-Book lässig in der U-Bahn lesen. Es ist auf einmal völlig egal, woher die E-Book-Datei stammt: von einem Händler oder einem Piraten.

So erklärt es sich, dass die digitalen Schattenbibliotheken unaufhaltsam größer werden. Das Westsamoa-Portal verweist inzwischen auf geschätzt 400 000 kostenlose Buchdateien, die Niue-Connection bietet zum Großteil dieselben Inhalte, aber an manchen Stellen dann noch wesentlich mehr. Aktuelle Bestseller sind da aufgereiht und sämtliche Krimi-, Fantasy- und Science-Fiction-Reihen des Universums – da frönt der klassische Computer-Nerd seinen Vorlieben. Vor allem aber geht es wohl um Sammelleidenschaft, denn diese Abertausende von Seiten bezwingt am Ende kein Leser mehr.

Dazu kommen fast vollständige Kataloge von amerikanischen und englischen Universitätsverlagen und Computerspezialisten, medizinische Fachpublikationen und vieles mehr. Bei wissenschaftlichen Büchern wird es besonders schmerzhaft für die Verlage, denn die Preise sind hoch und die Auflagen klein. Für Studenten und anspruchsvoll Recherchierende sind diese Schattenbibliotheken dagegen Fundgruben und Paradiese.

Wo sonst könnte man sich eine komplette Handbibliothek beschaffen, egal in welchem Fach, die man schwerelos per USB-Stick immer dabeihat, die man auf jedem Endgerät öffnen kann, die sich gleich über das Betriebssystem nach allen denkbaren Stichworten durchsuchen lässt, die Exzerpieren und direktes Kopieren in jede Seminararbeit erlaubt (ohne die Beschränkungen, die die Verlage zum Beispiel beim Amazon Kindle verlangt haben) und in der man jede einmal markierte Passage auch sicher wiederfindet? Generationen von Studenten und Wissenschaftlern hätten für solche Möglichkeiten fast jeden Preis bezahlt.

Heute bekommen sie es gratis, aber illegal. Kaufen kann man solch eine Handbibliothek nach wie vor nicht. Von vielen entscheidenden Werken fehlen einfach die legalen E-Book-Ausgaben, weshalb die Buchpiraten ihre Scanner anwerfen. Und selbst bei denen, die man regulär als E-Book kaufen kann, verhindern Kopierschutzmechanismen oft eine sinnvolle Weiterverwendung. Das Internet wird eben nicht nur von der bekannten Umsonst-Mentalität getrieben, sondern auch von einer gnadenlosen Bewegung hin zur Nützlichkeit. Wo beides zusammenkommt, da geraten Industrien ins Wanken.

Der zweite Buchpirat, der Auskunft gibt, betreibt ein eigenes kleines Angebot, eine deutschsprachige Internetseite – registriert in Tonga, ebenfalls tief in Polynesien. Vereinbart ist ein Telefongespräch via Skype, es meldet sich ein Mann mit feinem Wiener Dialekt. Keine Namen und Adressen, verlangt auch er – nicht nur wegen der Staatsanwälte, sondern auch weil mediale Selbstdarstellung in der Szene verpönt ist. Zuerst entschuldigt er sich für seine Katze, die gern am Mikrofonkabel seines Computers nagt, deshalb knarzt und rauscht es in der Leitung manchmal, dann für die Pornowerbung, die den Besucher auf seiner Seite überfällt. »Das ist mir zuwider, aber sex sells. Die Seite kostet ja auch was.«

Obwohl er nicht zu den Großen unter den Buchpiraten gehört, verzeichnet seine Seite nach eigenen Angaben derzeit 10 000 Besucher und 5000 Downloads am Tag, Monat für Monat werden es etwa ein Drittel mehr. Schoßgebete wurde bei ihm in der ersten Woche 500-mal geladen, er bietet aber auch Digitalversionen von Magazinen und Zeitungen an. Bild und Spiegel sind begehrt, den Focus dagegen will keiner haben, von der Süddeutschen wird öfter die Bayern- als die Bundesausgabe heruntergeladen.
Die Miete für die Server kostet ihn etwa 200 Euro im Monat, rechnet er vor, im selben Zeitraum nimmt er mit der Sexwerbung und den Downloads etwa 700 Euro ein, die 500 Euro, die übrig bleiben, teilt er sich mit einem Programmierer. »Davon werde ich nicht reich, davon gehe ich mit der Familie essen«, sagt er. Zwei bis drei Stunden pro Tag verbringt er vor dem Rechner, um neue Angebote ins Netz zu stellen. Viele der Bücher würde er selbst gar nicht lesen. »Diese Charlotte Roche, die macht für mich keine Literatur«, sagt er. Franz Werfel und Thomas Mann, das seien seine Lieblingsautoren. Schwierig zu lesen, aber lohnenswert, und je mehr er von ihnen schwärmt, desto stärker spürt man, wie wichtig es ihm ist, nicht in die Schmuddelecke des Illegalen und der Pornowerbung abgeschoben zu werden.

Warum er die Seite dann eigentlich betreibt? »Ich bin Frühpensionär, ich habe die Zeit«, sagt er, und dass er Jura studiert und anschließend im Marketing gearbeitet hat. Aber dann spielte sein Körper nicht mehr mit: »Ich bin ein sogenanntes Contergan-Kind.« Überhaupt seien in der Szene viele Frührentner unterwegs oder Arbeitslose, das merke man daran, dass ständig alle online sind.

Der Gedanke ist klar: Irgendwas muss der Mensch ja machen, den ganzen Tag. Unbezwingbare Freibeuter sehen anders aus. Könnten die Verlage diesem Treiben nicht stärker entgegentreten? Unbedingt, behaupten Andreas Schaale und Manuel Bonik. In einem Café am Berliner Zionskirchplatz bestellen sie Bier, der eine ein gemütlich wirkender Physiker mit Brille und kurzärmligem Oberhemd, der andere Kulturwissenschaftler, asketisch dünn, der unter einem blauen Tweedsakko ein T-Shirt trägt. Anfangs sind die beiden skeptisch: Sie wollen nicht wieder als schrullige IT-Nerds beschrieben werden. Ihre Studie Gutenberg 3.0 – Ebook-Piraterie in Deutschland hat sie letztes Jahr in den Medien zum Gesprächsthema gemacht. Kurz vor der Frankfurter Buchmesse legen die beiden jetzt ein Update vor. Ihre zentrale These: Die negativen Entwicklungen, die sich im ersten Halbjahr 2011 auf dem deutschen Buchmarkt messen ließen – 27 Prozent Umsatzrückgang bei den Top-3-Bestsellern, 29 Prozent bei den Top-30-Titeln –, haben einen simplen Grund: »Es gibt eine valide Grundlage, um anzunehmen, dass diese Umsatzverluste zumindest auch durch Piraterie bedingt sind.«

In der Buchbranche ist eine kollektive Verdrängung im Gange

Was aber tun? Bonik und Schaale wollen es zwar nicht laut aussprechen, aber im Grunde müssten sämtliche Verlage sofort ihre Kunden werden oder selbst ein paar IT-Profis einstellen. Denn die beiden Unternehmer sind eben nicht nur Autoren der Studie, sondern auch Piratenjäger. Ihr Service besteht darin, mit einem Team von etwa zehn freien Mitarbeitern alle bekannten Piraten-Websites ständig nach den Büchern der Auftraggeber abzusuchen. Massenhaft verschicken sie Aufforderungen, illegale Dateien zu löschen. »So bekämpfen wir nur die Symptome, nicht die Ursachen«, sagt Bonik. »Aber wir kaufen den Verlagen Zeit.« Internationale Fachverlage machen davon schon Gebrauch.

Insgesamt gesehen, sei die Branche aber viel zu verschlafen, lautet ihr vernichtendes Urteil: »Viele Verlage wissen gar nicht, dass ihre nicht mehr lieferbaren Bücher von Piraten längst wieder aufgelegt worden sind.« Überall in der Buchwelt seien noch »E-Mail-Ausdrucker« am Werk, die Medienfachanwälte, von denen die Verlage sich Schutz erhoffen, »haben von bestimmten Entwicklungen selbst keine Ahnung«, und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels fahre die »Vogel-Strauß-Methode« – Bonik und Schaale haben sich jetzt warm geredet, sie wirken wie zwei Informatikprofessoren, die sich in der Mittagspause über ihre Studenten lustig machen. Ihr Fazit: »In der Buchbranche ist eine kollektive Verdrängung im Gange. Es wird so laufen wie bei der Musikindustrie, nur viel schneller, weil die Piraten ja vorbereitet sind.«

Ganz und gar nicht, antwortet darauf Christian Sprang, der Justiziar des Börsenvereins und damit zuständig für die Rechte der gesamten deutschen Buchbranche. Die Namen der großen Schattenbibliotheken mit den Adressen in Niue oder Westsamoa gehen ihm flott über die Lippen, überraschend finde er diese Entwicklung nicht. »Es war klar, dass die E-Book-Piraterie mit der Verbreitung von massenmarkttauglichen Lesegeräten einen Aufschwung erfahren würde«, sagt er, »zusammen mit unseren ausländischen Kollegen beobachten wir das sehr genau. Wir stellen uns gerade in einer internationalen Allianz auf, um wirksame Gegenschläge führen zu können.«

Derzeit wähnten sich die Buchpiraten noch sicher, aber das werde sich ändern. »An die Seitenbetreiber und Uploader, die Raubkopien ins Netz stellen, kommen wir zivil- und strafrechtlich heran«, gibt Sprang sich zuversichtlich. Von der Organisation und Motivation der Piraten hat er inzwischen auch eine klare Vorstellung: »Verabschieden Sie sich bitte von der Idee, dass da romantische Bücherfreunde im stillen Kämmerlein operieren. Im Wesentlichen ist das knallhart organisierte Kriminalität. Eine deutsche Staatsanwaltschaft hat schon vor drei Jahren eine Bande festgesetzt, die Hochleistungs-Scanner im Dreischichtbetrieb fuhr, weil sie möglichst hohe Gewinne erzielen wollte. Unsere Strategie zielt deshalb auch darauf ab, Werbung auf solchen Seiten zu ächten – und die Finanzdienstleister, über die Zahlungen für Premiumaccounts und Werbung abgewickelt werden, zum Verzicht auf diese Geschäfte zu bewegen.«

Ein Buchpirat wie »papiertiger« lässt sich von diesem Säbelrasseln nicht beeindrucken. Er gibt sich als Idealist. »Ich wollte der Community etwas zurückgeben«, schreibt er im Chat mit dem SZ-Magazin. Während seines Studiums habe er sich in den Piratenforen Fachbücher besorgt, die in der Uni-Bibliothek ausgeliehen waren und im Buchhandel zu teuer. Als Dank und Gegenleistung bietet er seitdem die Zeit in dem Piratenforum an, dessen Adresse nach Belize verweist. Er selbst bezahle aber für die Zeitung, sei Abonnent.

Auf seiner Nutzerseite im Forum nennt er sich im Untertitel trotzdem »Zeitvernichter«. »Ist ironisch gemeint«, schreibt er, so wie der Name Piratenpartei, bei der er passives Mitglied ist. Sein großes Interesse sei die Netzpolitik. Immer wieder schockiere es ihn, dass das Internet in den Medien meistens nur für eine schlechte Nachricht gut ist: »Viren, Hacker, Phisher. Selbst WikiLeaks wurde immer als zwielichtig betrachtet.« Und auch die Kopierschutz-Strategie der Verlage hält er für völlig verfehlt. »Wissen und Information zirkulieren heute einfach anders. Wer die Zirkulation beschränken will, hat das Internet nicht verstanden. Ich sehe daher auch unser Gespräch als Möglichkeit und Aufgabe von uns ›Jüngeren‹, Ängste zu nehmen und Chancen aufzuzeigen.«

Ist das nur Rhetorik, um von den eigenen Vergehen abzulenken? Vielleicht. Die Rechtfertigungsmuster von Raubkopierern klingen immer recht ähnlich, egal ob es um Musik, Filme oder Bücher geht. Und doch: Wie organisierte Kriminelle wirken diese drei Buchpiraten nicht. Man spürt sie auch hier, die Kraft, die das Internet genauso antreibt wie der Wille zum Sparen: Nützliches zu finden, Nützliches an die Gemeinschaft zurückzugeben, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die der neuen Informationsgesellschaft im Weg stehen.

Die Anstrengung, sich dem jeweils nützlichsten Angebot entgegenzustemmen, hat die Musikindustrie in den letzten zehn Jahren viele Millionen Euro gekostet. Am Ende stand die Erkenntnis, dass jeder, der bezahlt, auch vollständig über ein Produkt verfügen will. Das Konzept des Kopierschutzes war damit nicht nur praktisch erledigt, sondern auch ideell. Der Vorteil der Verlage ist, dass es diese Erkenntnisse jetzt gibt. Die Frage bleibt, ob sie klug genug sind, daraus zu lernen.

Foto (1): Getty Images Creative – S. Mosse

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