Fehlgriff in der Nasszelle

Dank Airbnb ist man öfter zu Gast in fremden Badezimmern. Was aber, wenn unter der Dusche plötzlich der nötige Durchblick fehlt?

Was schmier ich mir da gerade ins Haar? Shampoo oder doch Rasierschaum?

Foto: Artursfoto/Fotolia.de

Du hast es geschafft, du bist rausgekommen. In ein Hotel, eine fremde Wohnung, zu einem Lover, in die große, weite Welt. Vielleicht hast du sogar eine dieser schnuckeligen Airbnb-Butzen ergattert, mitten im Zentrum gelegen, aber gar nicht so teuer, wo man das extra-native Olivenöl und das Himalaya-Salz des Besitzers mitbenutzen darf und allen anderen Kram, der sonst noch rumsteht, auch im Badezimmer. Du fühlst dich jung (obwohl du es nicht mehr bist), du fühlst dich wild. Du willst frisch sein und tirilieren: Jetzt! Unter der Dusche! Prickelnd! Das Wasser läuft dir übers Gesicht, du kneifst die Augen zusammen, deine Hand tastet nach dem Shampoo. Du nimmst einen satten Klacks, du reibst es in die Haare – uätsch, fühlt sich aber schmierig an. Das ist kein Schampoo. Ist das Conditioner? Magic Elixir Hair Restructuring Concentrate with Rosemary Leaf and Avocado? Sunflower Color Preserving Deep Recovery Pak? Bergamot Bodywash? - Wash? Body? Haar? Pak? What the fuck!

Du hast dich, wenn du ehrlich bist, schon oft mit Rasierschaum eingerieben. Flüssigseife ins Haar massiert, die ölige. Den Conditioner mit der Seife verwechselt und immer wieder vor einer Batterie von Behältnissen, Dosen, Tuben und Plastikflaschen gestanden – und nichts erkannt: nur tanzenden, tropfenden Buchstabensalat. Konntest nicht ermitteln, ob auf den identischen Fläschchen im Hotel Shampoo, Bodylotion, Creme, Conditioner oder am besten von allem etwas ist. Und erst recht nicht, was die »full ingredients list« des superschicken, 5-punkt kleinen Fließtexts mit Thomas-Mann-Hypotaxen-Anmutung auf dem hippen apothekenartigen Behältnis zu bedeuten haben könnte, die vor deinen Augen zu einem barcodeartigen Textblock verschwimmt: Aqua|Water|Eau, Glycerin, Ammonium Lauryl Sulfate, Sodium Laureth Sulfate, Cocamide MIPA, Hydroxyethylcellulose, Polyquaternium-7, Citric Acid, Sodium Benzoate, Sodium Citrate, Potassium Sorbate, Eucalyptus Globulus Leaf Oil, Eucalyptus Globulus Leaf Extract, Disodium EDTA, Citrus Aurantium Dulcis (Orange) Fruit Extract, Citrus Limon (Lemon) Fruit Extract, Phenoxyethanol, Alanine, Arginine, Betaine, Glutamic Acid, Glycine, Lysine, Proline, Serine, Sodium PCA, Sorbitol, Threonine. Alles klar?

Du bist nämlich nicht mehr ganz so jung wie du dich gerade fühlst. Du bist in dem Alter, in dem man eine Lesebrille bräuchte. Und eigentlich auch hat. Allerdings nicht unter der Dusche. Und du magst jetzt nicht wieder, ist schon vorgekommen, raushüpfen und alles nass machen, um dann wie ein Trottel mit beschlagener Brille unter der Dusche nach den Inhaltsstoffen von Shampoo oder Seife zu forschen. Du willst Jetzt! Einfach! Schnell! Was! Reinreiben!

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Die Nasszelle ist, darauf muss an dieser Stelle aufmerksam gemacht werden, eines der letzten Reservate, das diesbezüglich noch nicht optimiert wurde. Alles ist mittlerweile overdesignt. Jede Wurst hat einen eigenen Schriftzug. Gut lesbar, für jung und alt und mittelalt. Denn, Leute, man kann Schriften vergrößern, auf digitalen Gadgets sowieso, und ebenso im Gedruckten! Deshalb an dieser Stelle drei Vorschläge:

  • Vergrößerung der Schrifttypen auf Nasszellenprodukten auf mind. 20-Punkt.
  • Vereinfachung der Nasszellenproduktlyrik auf verständliche und wiedererkennbare Termini wie Shampoo, Seife und Conditioner.
  • Falls, wie beispielsweise in der Autoindustrie, keine freiwillige Selbstverpflichtung der Nasszellenproduktindustrie zu gesteigerter Verbraucherfreundlichkeit zu erwirken ist, Petition und nachfolgende EU-Standardisierung auf DIN-Namen in Großbuchstaben, extra fett!

Damit wir Ü45-Rumtreiber uns so fühlen können, wie es uns gebührt: wild und spritzig und frei!

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