Waren an der Müritz

Mit einem Freund in die Wildnis zu fahren, den man bisher nur aus der sicheren Umgebung von Kino und Kneipe kennt, ist ein Wagnis. Wir riskieren es auf halber Strecke zwischen Hamburg und Berlin in Waren an der Müritz. Hier am größten Gewässer der Mecklenburgischen Seenplatte rasten im Herbst Tausende Kraniche auf ihrem Weg nach Süden. Schon kurz vor WAREN begrüßt uns ein Kranichzug mit dem typischen Trompeten. Am Stadthafen wechseln wir aufs Schiff. Mit dem NATIONALPARK-TICKET dürfen wir mit den Schiffen der WEISSEN FLOTTE durch die Gegend fahren, so viel wir wollen. Wir strecken uns auf dem Sonnendeck aus und lassen uns vom Wind die Haare auf Wochenende frisieren. Nach anderthalb Stunden macht der Kapitän in BOEK fest und wir wandern weiter durchs ehemalige Jagdrevier des DDR-Staatsratsvorsitzenden Willi Stoph. Eine Ringelnatter kreuzt unseren Weg und mein Großstadtfreund entpuppt sich als Naturbursche, der seine Kindheit als Treiber bei der Jagd zugebracht hat. Auf Autofahrten mussten seine Eltern immer die Kassette mit den Vogelstimmen einlegen. Dafür erkennt er jetzt den Specht am Gelächter, weiß, wo sich die Sauen suhlen, und kommt nach einem Seitensprung ins Dickicht mit einer Handvoll Steinpilzen zurück. Um die ursprüngliche Atmosphäre abzurunden, braten wir am Abend im REUSENHUS selbst Wels und Zander auf dem heißen Stein am Tisch und trinken den Warener Kräuterschnaps WALDRAUSCH dazu. In der Sprache der slawischen Ur-Mecklenburger bedeutete Müritz KLEINES MEER. Unser Hotel gleichen Namens zeichnet sich durch besondere Liebe fürs Detail aus: Auf dem Kopfkissen wartet ein kleines Gedicht zur guten Nacht und sogar in der Sauna liegt Lyrik aus. Wir rufen die Bar an, heizen ein und rezitieren Schillers Ring des Polykrates in die sternklare Nacht über dem See. Der nächste Tag gehört den Seevögeln. Erst schauen wir in der NATIONALPARK-STATION in Federow den Fischadlern per Bildschirm live dabei zu, wie sie ihren Fischadler-Haushalt besorgen. Kurz vor der Dämmerung startet dann die KRANICH-TOUR zu den Beobachtungsplätzen am Ufer. Der Himmel ist noch rot von der Sonne, der Mond spiegelt sich schon im Wasser, ein Hirsch röhrt im Schilf, als die Vögel heranrauschen. Jedes Jahr gebe es einige Kranichpaare, denen es hier so gut gefällt, dass sie lieber frieren, als weiter nach Spanien oder Marokko zu fliegen, erzählt der Mecklenburger Ranger. Wer einmal hier war, versteht sie.WOHNEN Hotel Kleines Meer, Arrangement »Kranichzauber«, zwei Nächte, Drei-Gang-Menü und Nationalparkführer, 159 Euro, Tel. 03991/64 80, www.kleinesmeer.de. NATUR Müritz-Nationalpark-Ticket in Bussen und Hotels, Preis je nach Dauer des Aufenthalts; Nationalpark-Service in Federow Tel. 03991/66 88 49, Kranich-Ticket 7 Euro. ESSEN Altes Reusenhus, Schulstraße 7, 17192 Waren, Tel. 03991/66 68 97; Kräuterschnaps »Waldrausch«, Flasche 10 €.

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