Draußen Eis und Schnee, ein Gemälde aus Weiß- und Blautönen, drinnen der goldgelbe Schein der beheizten Stube. In diesem essenziellen Farbkontrast liegt eine ursprüngliche Definition bürgerlicher Sicherheit. Ein romantisches Bild – aber nur, wenn der Betrachter den beheizten Raum, der auf ihn selbst wartet, dabei immer mitdenkt: Ist er noch draußen in der Kälte, freut er sich darauf, ihn bald zu erreichen – und die Gewissheit, dort Wärme und Geborgenheit zu finden, ist ein selbstverständliches Ideal modernen Lebens. Die Vorstellung dagegen, dieser Zufluchtsort könnte einmal fehlen, so dass es kein Entkommen aus dem Winter gibt – das ist, zum Beispiel in Andersens herzergreifend trauriger Geschichte vom Mädchen mit den Schwefelhölzern, eines der klassischen Horrorszenarien überhaupt. Es geht zurück bis zu den verschlossenen Türen von Bethlehem.Ein lange vergessener Horror, eingeschläfert von den selbstverständlichen Bequemlichkeiten unseres Lebens. Und doch nicht völlig verdrängt: Verfolgt man die aktuelle Diskussion um steigende Öl- und Gaspreise und die allgegenwärtige Erwartung, dass die Heizkosten in diesem Winter »explodieren« werden, so ist ein Unterton von Panik herauszuhören, der sich nicht allein finanziell erklären lässt. »Der Winter 2005 droht der teuerste in der Nachkriegsgeschichte zu werden«, warnt etwa der Deutsche Mieterbund in einer Pressemitteilung. »Viele Mieter werden in diesem Winter frieren; sie sind nicht in der Lage, die Mehrkosten für die Heizung aufzubringen.« Allein das Wort »Nachkriegsgeschichte« ist sicher nicht zufällig gewählt. Es ruft sofort die Erzählungen der Großeltern wach, die in zerbombten Ruinen um ihr Leben zitterten, während die Amtsstuben der Besatzungsoffiziere hemmungslos überheizt waren. Deutlicher konnte der Unterschied zwischen Siegern und Besiegten, Arm und Reich, Zivilisation und Barbarei nicht markiert werden.Glaubt man den Warnungen des Mieterbunds, droht eine ähnliche Spaltung der Gesellschaft nun erneut – ein Szenario, das relativ unvorstellbar erscheint und doch gleichzeitig sehr virulent. Wer das Geld dafür hat, kann sich bewusst für die Ignoranz entscheiden: Einfach voll aufdrehen und weiterhin im T-Shirt durch die Wohnung laufen, das müsste genügen, um die Angst symbolisch zu bannen – auf anderen Gebieten funktioniert diese Taktik bereits sehr gut. Der Welterfolg jener überdimensionierten, Sprit vernichtenden Geländewagen der Sport-Utility-Klasse zeugt von nichts anderem als von dieser Technik der angewandten Selbstüberlistung. Das Gegenmodell wäre eine neue Härte: Was mich nicht tötet, bringt mich nicht um, die gut beheizte Stube ist sowieso ein Ideal für Warmduscher und die Widerstandskraft des menschlichen Körpers wird total unterschätzt. In dieser Hinsicht können wir noch viel von den Südländern lernen, die angesichts nicht existierender Heizungssysteme oft nur mit ihrem Machismo durch den Winter kommen.Immer dann, wenn der Druck der Zentralheizung in meinem Haus nicht mehr bis in den fünften Stock reicht, ereilt mich eine Ahnung dieser Zukunft. Dann muss erst der Hausmeister kommen und im Keller Wasser nachfüllen, anders geht es nicht, und in diesen durchfrorenen Stunden, manchmal auch Tagen, finde ich Trost in einer alten Eskimogeschichte: Sie handelt davon, wie die Eskimos reagieren, wenn sie im schlimmsten Schneesturm kein Brennmaterial mehr haben. Anscheinend bauen sie sich winzige Schneelöcher, gerade groß genug für ihre zusammengerollten Körper, ziehen sich darin splitternackt aus und versiegeln die Innenseite mit ihrer Körperwärme, indem sie eine Schicht aus aufgetautem und wieder gefrorenem Schnee erzeugen. In diesem Kokon können sie überleben. Der Mensch als stabiles selbstheizendes System in der feindlichsten Umgebung – das macht Mut, da können die Ölvorräte der Erde auch gleich ganz versiegen.Ob diese Technik wirklich funktioniert? Wenn die Zeit kommt, wenn der Öltank im Keller von Mad Max-Banden geplündert ist und der Hausmeister an der marokkanischen Grenze um Asyl bittet, werde ich es ausprobieren.

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