Idealgewicht

Gestern habe ich zum ersten Mal meinen Body-Mass-Index berechnet. Dieser sogenannte BMI gibt es dem modernen Menschen schwarz auf weiß, ob er nur schlank oder doch schon krankhaft dünn ist, nur wohlgenährt oder doch schon bedenklich fett. Glaubt man an den BMI, kann hier also jeder nachschauen, ob er halbwegs normal und gesellschaftlich noch tragbar funktioniert – oder ob ihn die Gesundheitspolitik bereits als Problemfall einstuft. Ein zu niedriger BMI, und man gehört zur gefährdeten Randgruppe in Sachen Anorexie und Bulimie. Zu hoch, und man ist Teil der schweigenden, aber eben deutlich zu dicken Mehrheit jener Deutschen, die mit ihrem Übergewicht die Volksgesundheit schädigen und die Krankenkassen pro Jahr um 70 Milliarden Euro erleichtern. Ich trug also meine Daten auf einer Website ein und erfuhr, dass ich einen BMI von 22,6 habe, dass meine erlaubten Werte zwischen 62 und 77 Kilo liegen und mein Gewicht, momentan zumindest, exakt in der Mitte.Uff! Ich war erleichtert. Ich weiß nun, dass ich an den Strand gehen kann, ohne dass mein Körper von böswilligen Pararazzi abgelichtet und von Boulevardreportern Rippe für Rippe analysiert wird: Ist er magersüchtig? Leidet er an Bulimie? Treibt sein Aussehen weibliche Teenager in den Tod, die verzweifelt versuchen, ihm nachzueifern? Meine Teilnahme an »Germany’s Next Topmodel«, meine Triumphe in Hollywood und auf internationalen Laufstegen können nun nicht mehr mit dem Vorwurf geschmälert werden, ich sei dem Diätwahn verfallen und propagiere ein krankhaftes Schönheitsideal. Aber auch auf der anderen Seite bin ich aus dem Schneider. Mit dem »Nationalen Aktionsplan zur Prävention von Fehlernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht« braucht man mir nicht zu kommen. Das können Horst Seehofer und meine übergewichtigen Landsleute unter sich ausmachen. Und wenn die Deutschen ingesamt, wie ich erfuhr, das fetteste Volk in Europa sind – dann bin ich an dieser Schande jedenfalls unbeteiligt. Früher, ich erinnere mich noch genau, war das mit dem Idealgewicht nicht so ein Ding. Da wurde weniger exakt gerechnet. Da gab es zwar den »Broca-Index« zur Berechnung der idealen Kilozahl, den aber niemand so nannte, weil sich dahinter einfach nur die Faustformel »Körpergröße in cm minus 100« verbarg. Mein Idealgewicht nach dieser alten Regel betrug 76 Kilogramm. Nun gut, so viel habe damals auch ich mal gewogen, nur ideal kam mir das nicht gerade vor – ich hatte eine deutliche Wampe. Das merkte dann irgendwann auch die Wissenschaft, und der Broca-Index wurde dadurch verfeinert, dass bei den Männern noch mal zehn, bei Frauen fünfzehn Prozent abgezogen wurden. Zehn Prozent, das klingt nicht so wild, aber bei jemandem wie mir macht das einen Unterschied von fast acht Kilo aus. Acht Kilo hin oder her, das ist, ehrlich gesagt, ein Hammer, das bedeutet beim Abspecken den Unterschied zwischen Triumph und Niederlage, das ist ein halbes Jahr Birchermüsli und Reiskekse und brutales Zurückzucken vor dem Schokoladestück. Wenn nun aber, historisch gesehen, irgendwelche Wissenschaftler und Gesundheitsminister und Essstörungs-Beauftragte am Idealgewicht so wild hin- oder herschrauben durften, während wir auf der Waage um jedes Kilo gekämpft haben – was heißt das dann? Dass wir selbst schuld sind, wenn wir ihrem Statistikkram und ihrer Normierungswut noch länger glauben? Dass wir dringend aufhören sollten, ständig Gewichts-polizei zu spielen, bei uns selbst, bei unseren Mitmenschen, bei unseren Stars? Dass jedes Ideal immer nur ein Vorschlag ist, von der griechischen Statue bis zur Taille von Penélope Cruz, und dass kein Vorschlag es wert ist, auch nur eine Minute dafür zu leiden? All das bedeutet es und noch ein bisschen mehr. Besonders wertvoll wäre es etwa, endlich das Konzept »prominentes Vorbild« zu begraben. Denn sonst müssten Franz Josef Strauß und Helmut Kohl qua medienträchtiger Leibesfülle endlich als Hauptverursacher für 67 Prozent übergewichtige Männer (Westdeutschland) benannt werden. Gleichzeitig verdiente jedes dürre Model wohlmöglich das Bundesverdienstkreuz dafür, Tausende von Moppel-Ichs gerade noch vor einer Hölle namens Diabetes bewahrt zu haben.