Nacktprotest

Auf dem Schweizer Aletschgletscher formierten sich kürzlich 600 unbekleidete Menschen, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Der Künstler Spencer Tunick, berühmt durch seine Massenarrangements, hatte die Menschenmenge fotografiert. Wieder einmal war ein solches Bild also überall in den Medien zu sehen: eine Gruppe von Nackten, die sich zu einer Protestaktion zusammenfand. Die Popularität dieses Ereignistyps ist schlagend; in den letzten Jahren haben Menschen die verschiedensten Zwecke zum Anlass genommen, um sich ihrer Kleidung zu entledigen. Nackt demonstriert man gegen Umweltverschmutzung und Rassismus, gegen Tierhaltung und Globalisierung, gegen Stierkampf, Atommüll und Studiengebühren.

Worin genau liegt der Unterschied zwischen bekleideten und unbekleideten Protestveranstaltungen? Welche Aussage ist mit den Nacktdemonstrationen verbunden? Zunächst sind sie als Radikalisierung des politischen Anliegens zu verstehen: Einerseits brechen die Teilnehmer das gesellschaftliche Tabu, sich nicht unbekleidet in der Öffentlichkeit zu zeigen; andererseits harren sie, wie auf dem Aletschgletscher, bei widrigen Temperaturen aus. Körperliches Opfer und kulturelle Übertretung sollen die Wahrhaftigkeit des Protests verstärken. Gleichzeitig weist der natürliche, unbedeckte Körper besonders anschaulich auf jene prekären Entwicklungen der Zivilisation hin, gegen die demonstriert wird. Es ist das bare Leben, das in Frage steht.

Der Nacktprotest ist in dieser Hinsicht vielleicht ein aktionistischer Ausläufer jener Freikörperkultur, wie sie um 1900 als alternative Lebensform entstand. Wenn man schließlich bedenkt, dass das Ritual der Demonstration von jeher auf die Einheitlichkeit der Teilnehmer setzt (gemeinsame Lieder, Buttons, Spruchbänder), um die Ungerechtigkeiten der Welt zu kritisieren, dann ist in der Nacktheit ultimative Uniformität möglich. Die homogenste Masse ist die unbekleidete Masse.

Auffällig an den meisten Nacktprotesten ist ihre sorgfältige Choreografie. Bei einer Demonstration von Bekleideten spielt es kaum eine Rolle, welche Foto- oder Fernsehaufnahmen aus dem Ereignis hervorgehen. Die Inszenierung der nackten Körper scheint dagegen auf die eine offizielle Abbildung ausgerichtet zu sein; die ganze Kraft der Aktion speist sich aus dem richtigen Standort des Fotografen. Nicht umsonst ist die Grenze zwischen Protestveranstaltung und Kunstwerk bei Nacktdemonstrationen so oft unklar. Spencer Tunick bezeichnet seine Arrangements von Hunderten von Nackten als »Skulpturen«; andererseits sind sie regelmäßig auch als politische Aktionen deklariert, wie in der Schweiz gegen die Erderwärmung oder 2004 in New York gegen die nachlassende Aufmerksamkeit gegenüber Aids.

Künstlerisches Gelingen und öffentliche Wirksamkeit des Nacktprotests sind aber untrennbar mit der Menge der beteiligten Körper verbunden. Tunick etwa ließ im Vorfeld der Schweizer Veranstaltung die aufschlussreiche Bemerkung fallen, dass es nach oben hin keine Teilnehmergrenze gebe, »50 aber das Minimum« sei. Warum ist die schiere Anzahl der Menschen bei Nacktdemonstrationen so unerlässlich, stärker noch als bei gewöhnlichen? Eine bekleidete Kleinstgruppe Demonstranten, wie Jahr für Jahr auf den Ostermärschen, wirkt zwar trostlos, aber bei Weitem nicht so verloren wie einzelne Nackte, die sich während eines Staatsaktes ausziehen und durchs Bild laufen. Der versprengte Nacktdemonstrant in der Öffentlichkeit erscheint als bloßer pathologischer Fall, ist ein Exhibitionist, ein verwirrter »Flitzer«, wie man ihn aus Fußballstadien kennt.

Im Knäuel der unentwirrbaren, eng beieinanderstehenden oder sogar ineinander verkeilten Leiber dagegen verschwindet der individuelle Skandal der Nacktheit. Zudem offenbart dieses Knäuel eine Dringlichkeit, die dem politischen Anliegen der Veranstalter nutzt. Denn es ruft beim Betrachter womöglich tief eingebrannte Bilder hervor, von kaum bekleideten Häftlingen hinter Stacheldraht, von übereinandergestapelten Menschenhaufen. Es bleibt die Frage, ob die Anliegen heutiger Klima- oder Tierschützer diese drastischen Assoziationen rechtfertigen können.

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