Rollkoffer

Im einheitlichen Auftreten der Geschäftsreisenden konnte das Gepäckstück bis vor einiger Zeit noch als Fremdkörper erscheinen. Egal ob Handkoffer, Reisetasche oder Kleidersack: Das Gepäck wirkte wie ein ungewohnter Zusatz. Mit den schwarzen Nylon-Rollkoffern, wie sie seit zehn, 15 Jahren allgegenwärtig geworden sind, hat sich diese Bruchstelle geglättet: Die Standardisierung des Erscheinungsbildes schließt nun auch das Gepäck mit ein. Der Trolley ist weniger Aufbewahrungsort von Reisebedarf als Business-Accessoire, Teil der Geschäftskluft. Auf den Gängen der Flughäfen morgens um halb acht oder abends um sechs trifft man kaum noch auf ein anderes Ensemble als dunklen Anzug oder Kostüm und nachgezogenen Rollkoffer. Die rasch vorübereilende Silhouette aus Mensch und schräg gestelltem Gepäck bildet eine untrennbare Einheit; sie ist das Emblem des gegenwärtigen Flugbetriebs.Doch was besagt es, dass die meisten Koffer mittlerweile Rollen haben; welche Aussage wird von der Schar der Geschäftsreisenden formuliert, die ihr kleines Gefährt hinter sich herziehen? In erster Linie soll diese Bewegung veranschaulichen, dass mit dem Transport des eigenen Gepäcks keinerlei Beschwernis oder Einschränkung mehr verbunden ist. Durch die Mühelosigkeit, mit der der Rollkoffer gezogen wird, macht der Benutzer deutlich, welch selbstverständlichen Status das Reisen für ihn besitzt. In diesem Leben ist kaum noch eine Schwelle erkennbar zwischen dem Unterwegs- und dem Zu-Hause-Sein (in schroffer Abgrenzung etwa zu jenen Familien mit ihren wuchtigen, ausgebeulten Kunstlederkoffern, denen man die Ausnahmesituation der Flugreise so deutlich ansieht). Es gibt eine kleine Geste, in der diese Übergangslosigkeit, diese Demonstration routinierter Mobilität eingefasst ist: der Moment, in dem der Passagier nach der Ankunft des Fluges den Griff seines Rollkoffers auszieht und sich in Bewegung setzt. Man muss auf diese Geste achten, unmittelbar nach dem Aussteigen oder in der Halle mit dem Gepäckband, auf die betonte Beiläufigkeit, mit der sie sich vollzieht. Während die eine Hand bereits das Mobiltelefon bedient, wird der Griff, ohne zu stocken, ohne hinabzublicken aktiviert. Alles an diesem Bewegungsablauf führt vor, wie unerheblich die Zäsur des Ankommens ist. Wenn es so etwas wie ein Gestenreservoir der Gegenwart gibt, dann gehört dieser Handgriff zweifellos dazu.Dass sich in der Gestaltung von Gepäckstücken die gesellschaftliche Stellung ihrer Benutzer abbildet, hat in der Geschichte des Reisens immer Bestand gehabt – wer wäre jemals mit einem Schrankkoffer unterwegs gewesen außer denen, die ihn nicht selbst tragen mussten? Auch die Räder der Trolleys geben einen ähnlichen Hinweis: Sie besagen, dass der Koffer für Personen gedacht ist, die im Verlauf der Reise ausschließlich glatten Untergrund passieren. Vom Kunststoffboden des Flughafens über den Asphalt des Taxistands zum Teppich der Tagungszentren und Hotels führt der Weg des Rollkoffer-Benutzers.Dieses Leben kennt keine Unebenheiten, keine Unterbrechungen. So fugenlos wie die Bodenflächen, auf denen es sich abspielt, ist auch der Tagesablauf mit seinen rasch aufeinander folgenden Terminen. Der Rollkoffer ist der Navigator dieser gleitenden Existenz: Seine rasch blockierenden Räder bestimmen die in Frage kommenden Wege vor, machen eine Abzweigung in rissiges Terrain so gut wie unmöglich. Und wenn es doch einmal geschieht, verliert der Reisende augenblicklich seine Souveränität: kein unbeholfeneres Bild als ein Geschäftsmann auf den Straßen einer historischen Altstadt, der sich verirrt hat und sein Gefährt über das grobe Kopfsteinpflaster zu manövrieren versucht. Der ehemals träge Gegenstand »Koffer« ist also, mit Rädern versehen, selbst zu einer Art Verkehrsmittel geworden. Die Kräfteverhältnisse sind dabei unklar: Zieht der Reisende wirklich noch seinen Trolley oder schiebt der Koffer seinen Benutzer?

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