Entmannt

Warum muss der Mann verschwinden? Die neue Sprache der  Gleichberechtigung soll ohne Geschlecht auskommen. Wie unmenschlich.

Die erste Welle der Erneuerung haben wir Männer ganz gut überstanden. Als es vor rund 25 Jahren erstmals darum ging, die männliche Vorherrschaft in der Sprache zu beenden, gab es ein paar Neuerungen wie das sogenannte Binnen-I, das in Wörtern wie LehrerInnen auftauchte. Und Politiker (beiderlei Geschlechts) sprechen seither die lieben »Bürgerinnen und Bürger« an. Dass im Plural »die Bürger« sowohl die Bürgerin als auch der Bürger bereits enthalten sind – geschenkt, wenn es der guten Sache dient, nämlich einer Sprache, die nicht diskriminiert.

Mittlerweile bekommt die Sache allerdings eine neue Qualität. Bereits seit 2009 gibt es in der Schweiz einen neuen »Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren«, in dem sich der bürokratische Wahnsinn ungehemmt Bahn bricht. Denn dieser Leitfaden hat wenig mit Gleichberechtigung und viel mit  der Abschaffung des Mannes zu tun.

Der Begriff »Vater« zum Beispiel weist, wie die Schweizer bemerkt haben, auf das Geschlecht hin. Empfohlen werden deshalb die Bezeichnungen »Elternteil« oder »Elter« (wohl am besten durch Zahlen unterschieden: Elter 1 und Elter 2; die Frage, wer welche Nummer bekommt, klammert der Leitfaden leider aus). Es finden sich in dem 192 Seiten umfassenden Werk weitere Vorschläge, die Fußgängerzone soll zur Flanierzone werden, das Lehrerzimmer zum Pausenzimmer und die Mannschaft, tja, die Personenschaft ist den Schweizern noch nicht ins Hirn geweht, sie schlagen vor: Gruppe. Kann uns egal sein? Nicht ganz. Vor Kurzem hat auch der Europarat seinen 47 Mitgliedsstaaten im Dokument 12267 empfohlen, die Verwendung von »nicht-sexistischer Sprache« voranzutreiben.
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Das Schweizer Verständnis dieser Art von Sprache wäre keines über den Spott hinausgehenden Gedankens würdig, wenn sich in seinem Kern nicht eine interessante Verwechslung zu verbergen schiene: Bedeutet Gleichberechtigung denn tatsächlich Geschlechtslosigkeit? Während es zunächst darum ging, dass die Frau gleichberechtigt neben dem Mann in der Sprache erscheint, soll nun das Geschlecht aus Sprache und Alltag herausoperiert werden. Die gleiche Verwechslung liegt einer Initiative der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zugrunde, an der sich fünf große Firmen beteiligen: Sie testen ein Bewerbungsverfahren ohne Foto, Name oder Angaben über Alter und Geschlecht. Ist das nicht eine wahnwitzige Verneinung der Realität?

Sich daran zu stören hat nichts mit Chauvinismus zu tun. Für Gleichberechtigung ist jeder denkende und fühlende Mann, aber dass manche Bürokraten glauben, der Weg dahin führe über eine Sprache der Entmenschlichung, ist in Wahrheit gar nicht so lustig, sondern ernsthaft beängstigend.

Foto: Olivia Fremineau