»Die IRA benutzte Patsy Gillespie als menschliche Kanone«

Peter Sheridan war während des Nordirlandkonflikts Polizist und erlebte hautnah mit, wie brutal dort damals gemordet wurde. Auch deshalb warnt er heute vor einer harten Grenze.

Patsy Gillespie war ans Lenkrad des Autos gefesselt, an dem eine Bombe angebracht war. Die IRA zwang ihn, zum Militärkontrollpunkt an der Grenze zwischen Irland und Nordirland zu fahren. Sechs Menschen starben, als die Bombe hochging.

Illustration: Lina Müller

SZ-Magazin: Die Polizisten waren während des Nordirlandkonflikts zur großen Mehrheit protestantisch. Warum wollten Sie als junger Katholik ausgerechnet Polizist werden?
Peter Sheridan (59): Die Idee kam von meinem Berufslehrer, einem katholischen Priester. Aus irgendeinem Grund überredete er mich, zur Polizei zu gehen. Entweder war er seiner Zeit voraus, was den Frieden zwischen Protestanten und Katholiken angeht, oder er wollte mich loswerden! Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Familie über die Gefahren sprach und meine Großmutter sagte: »Nun, wenn er geboren wurde, um erschossen zu werden, wird er nie ertrinken.« Das ist ein irisches Gefühl, das wir »faith or fatalism« nennen – Glaube oder Schicksal.

»Ich war 18 Jahre alt, als zum ersten Mal auf mich geschossen wurde«

Wie haben Sie den Konflikt damals erlebt?
Ich trat 1976 dem Polizeidienst bei, einem der schlimmsten Jahre des Nordirlandkonflikts. Knapp 300 Menschen starben, aber für mich war der Konflikt nicht wirklich sichtbar. Ich war 16 Jahre alt und interessierte mich für den Fußballstar George Best und die Mädchen von der Schule nebenan. Das änderte sich, als ich an der Grenze in Derry stationiert wurde. Ich war 18 Jahre alt, als zum ersten Mal auf mich geschossen wurde.

Was ist passiert?
Ein Schütze zielte auf das Polizeifahrzeug, in dem ich saß. Später hieß es, dass die IRA mich ermorden wollte, ich musste mit meiner Frau und meinen beiden Kindern umziehen. Ich denke oft, dass es für meine Frau schwieriger gewesen sein muss als für mich. Wenn ich zur Arbeit ging, wusste ich, was ich tat, aber meine Frau hörte im Radio von Angriffen auf die Polizei. Die Menschen, die in Ungewissheit warten, haben es schwerer als die, die mittendrin sind.

Von 1968 bis 1998 bekämpften sich in Nordirland militanten katholische Gruppen wie der Irish Republican Army (IRA) und protestantische Gruppen. Auch die britische Armee wurde Teil der Auseinandersetzung. Es gab Attentate und Straßenkämpfe, 3600 Menschen verloren ihr Leben.* In dem Konflikt ging es kaum um Religion, die Unterscheidung in katholisch und protestantisch war oft das einfachste Mittel, nationale Zugehörigkeiten zuzuschreiben. Während katholische, irischstämmige Gruppen eine Vereinigung mit der Republik Irland forderten, wollten britischstämmige protestantische Gruppen eine Union mit Großbritannien. *Quelle: Sutton Index of Deaths

Lassen Sie uns über den Fall Ihres Lebens sprechen. Was ist passiert?
Patsy Gillespie war ein normaler Mann. Ich kannte ihn als 42-jährigen Familienvater, der versuchte, in der Küche der Armeekaserne den Lebensunterhalt für seine Familie zu bestreiten. Aber die IRA sah ihn als Verräter, der die britische Armee unterstützte. Außerdem lebte Patsy Gillespie nahe der Grenze. Die IRA ging zu seinem Haus, entführte ihn und sagte seiner Frau, dass sie ihren Mann freilassen würde, wenn sie sich ruhig verhielte. Die IRA verließ Patsy Gillespies Familie mit der Hoffnung, dass er überleben würde, aber sie hatten eine Bombe in seinem Auto platziert. Ans Lenkrad gefesselt, zwangen sie ihn, zum Militärkontrollpunkt an der Grenze zu fahren. Er schrie, um die Soldaten an der Grenze zu warnen. Die Bombe tötete ihn und die fünf Soldaten um ihn herum. Die IRA benutzte Patsy Gillespie als menschliche Kanone.

Sie waren am Tatort vieler Morde. Wieso stach dieser Fall heraus?
Ich konnte die Brutalität und Unmenschlichkeit dieses Mordes nie begreifen. Durch Gespräche mit Menschen, die während des Konflikts getötet hatten, konnte ich fast verstehen, warum Menschen in einer Kampfsituation töten. Aber ich konnte nie nachvollziehen, wie jemand nachts aus seinem Bett steigen, eine Bombe unter das Auto einer anderen Person drapieren, und sich dann wieder ins Bett legen konnte.

Wie hat Sie dieser Fall beeinflusst?
Neben der Unmenschlichkeit zeigte dieser Fall auch Barmherzigkeit und Widerstandsfähigkeit – und zwar von Patsys Gillespies Frau Kathleen. Sie empfand keinen Hass. Sie sah trotz ihrer Trauer über den Konflikt hinaus und freundete sich später sogar mit einer Frau an, die Mitglied der IRA gewesen war.

Als Polizist an der Grenze kamen Sie in Kontakt mit Terrorismus, Mord und Gewalt. Wurden Sie zynisch?
Nein, ich will dem Tod eines Menschen niemals zynisch gegenüberstehen, egal ob es sich um Anhänger der IRA oder loyalistischen Paramilitärs handelt, einen Polizisten oder einen Zivilisten. Niemand hat es verdient, gewaltsam zu sterben.

»In Westminster und Brüssel denken sie, dass es bei der Grenze um Handel geht, aber hier geht es um Identität«

Wollten Sie nie hinschmeißen?
Mich hielt die Erfahrung am Laufen, dass ich für jeden Akt des Bösen tausend Akte des Guten fand. Menschen, die ihre Söhne, Töchter oder Ehemänner verloren hatten, erhielten Briefe von Fremden aus der ganzen Welt. Im Fernsehen oder in den Zeitungen hörte und las man nichts davon, aber die überwiegende Mehrheit der Menschen waren anständige, ehrenwerte Leute, die sich nach Frieden sehnten. Diese Güte hielt mich bei Verstand.

Nach 32 Jahren bei der Polizei wurden Sie Leiter der Organisation »Cooperation Ireland«.
Wir setzen uns für Friedensförderung und Versöhnung zwischen Irland und Großbritannien ein sowie innerhalb von Nordirland. Symbole sind so wichtig! Wir ermöglichten den ersten historischen Handschlag zwischen Martin McGuinness, einem ehemaligen Führer der IRA, und später Deputy First Minister von Nordirland und der Queen. Und wir arbeiten an der Basis. Wir müssen lernen, in unseren Nachbarn nicht zuerst jemanden mit einer anderen Kultur und einer anderen Religion zu sehen, sondern einen Menschen. Wir werden nie alle Probleme lösen, aber für eine gemeinsame Zukunft müssen wir anerkennen, dass wir die Vergangenheit unterschiedlich sehen.

Das Karfreitagsabkommen brachte den Kompromiss, Nordirland als Teil des Vereinigten Königreichs anzuerkennen, solange die Mehrheit der Menschen dies will und eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland als Zukunftsoption bleibt.

Gefährdet der Brexit den Friedensprozess in Nordirland?
Im Nordirlandkonflikt ging es immer um die Grenze. Das Karfreitagsabkommen hat die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland nur unsichtbar gemacht. In Westminster und Brüssel denken sie, dass es bei der Grenze um Handel geht, aber hier geht es um Identität.

Inwiefern?
Seit dem Abkommen können die Menschen in Nordirland wählen, ob sie Briten, Iren oder beides sein wollen. Die eine Gruppe fühlt sich dem Rest von Irland zugehörig. Sie spielen irischen Fußball, gucken irisches Fernsehen und tanzen zu irischer Musik. Die andere Gruppe betont die Zugehörigkeit zu Großbritannien, sie schauen die königliche Hochzeit und erinnern an gefallene britische Soldaten. Sobald man zwischen diese Gruppen eine Grenze errichtet – sei es zwischen Nordirland und Irland, oder mitten durchs Meer zwischen Nordirland und Großbritannien – besteht die Gefahr, dass sich eine der beiden Gruppen in ihrer Identität bedroht fühlt.