Darf man heimlich Trinkgeld geben?

Der Onkel lädt großzügig ein, knausert aber beim Trinkgeld. Ein Leser fragt sich, ob er es diskret aufstocken darf. Unser Moralkolumnist findet die Antwort in der US-Fernsehserie »Friends«.

»Mein wohlhabender Onkel lädt mich, wenn er zu Besuch kommt, gern in ein gutes Lokal zum Essen ein. Da er Hummer liebt, liegt die Rechnung selten bei weniger als 100 Euro, er gibt jedoch nie mehr als ein bis zwei Euro Trinkgeld. Mir ist das peinlich, und ich überlege, ob ich beim Gehen unauffällig zumindest einen Fünf-Euro-Schein dazulegen sollte. Darf ich das?« Helmut K., Hamburg

In einer Episode der US-Fernsehserie Friends werden Ross und dessen Freundin Rachel von Rachels wohlhabendem Vater in ein elegantes Restaurant eingeladen - um dort Hummer zu essen. Als Ross entdeckt, dass Rachels Vater wie üblich viel zu wenig Trinkgeld gegeben hat, legt er heimlich einen 20-Dollar-Schein dazu. Rachels Vater bemerkt das und ist darüber so verärgert, dass er den Beleg mit seiner Unterschrift zerreißt und Ross die gesamte Rechnung zahlen lässt.

Nun ist in der Serie Rachels Vater dominant, aufbrausend und selbstgerecht – und Ross ein Tollpatsch, der oft das Richtige tun will, sich aber ungeschickt anstellt. Er tritt ständig in Fettnäpfchen, weil ihm als leicht unsicheren, teilweise etwas weltfremden Wissenschaftler oft das Gespür für das sozial angemessene Verhalten fehlt.

Genau diese Konstellation von Charakteren lässt einerseits die Szene, die Ihrer doch recht ähnlich ist, funktionieren, gibt aber zugleich die Antwort auf Ihre Frage. Ross hält sich als Teil einer Gruppe, hier einer Tischrunde im Lokal, für das Verhalten der Gruppe mitverantwortlich, auch wenn es nicht an ihm lag zu bezahlen. Das ist im Ansatz durchaus richtig, nicht aber in der menschlichen Interaktion.

So sähe ich es auch bei Ihnen. Sie sind nicht als Gruppe in das Lokal gegangen, sondern als Gast Ihres Onkels, der deshalb in einem gewissen Rahmen das Außenverhältnis zum Lokal bestimmen darf. Würde er die Zeche prellen wollen, sollten Sie nicht aus sozialem Druck mitmachen. So aber bewegt sich Ihr Onkel zwar vielleicht an dessen Rand, aber noch innerhalb des Rahmens eines zulässigen und sozial vertretbaren Verhaltens. Und das rechtfertigt nicht die Brüskierung, die in einer heimlichen oder offenen Korrektur seines Verhaltens läge.

Quelle:
Friends, Staffel 3 Episode 7 »The One With The Racecar Bed« (deutsch: »Rasende Träume«)

Artikel teilen: