Ich und er

Schon klar, Essen ist ein soziales Vergnügen, alle miteinander am Tisch, gute Unterhaltung und so. Aber mal im Ernst: Kochen macht viel mehr Spaß, wenn man allein mit den Zutaten ist. Ein Plädoyer für entspannte Einsamkeit. 

Das Kochen ist ein einsames Geschäft. Nicht einmal Spitzenköche ertragen auf Dauer, dass ihnen das Kalbsbäckchen nie etwas Liebes sagt und der Dialog von Sacherschnitten mit Chilistreifen hartnäckig stumm bleibt. Deswegen sind sie alle ins Fernsehen gegangen. Dort können sie labern, labern und labern und sich freitagabends bei Lanz kocht sogar gegenseitig vollschwallen, ein Scherz würzt den anderen. Die Amateure machen es ihnen nach. In den Kochkursen, mit denen sie sich für Pärchenabende, Freundeskreise und Laienkochsendungen fit machen, lernen sie nicht bloß (falls überhaupt), wie man verletzungsfrei Schalotten hackt, sondern, dass kein Geheimtrick geheim bleiben darf. Beim Perfekten Dinner auf Vox können sie ihre Multitaskingkompetenzen dann unter Beweis stellen. Hilde aus Hildesheim erzählt dem Kameramann, wie sie ihren Jus ansetzt, Tim und Georg und die lustige Physiotherapeutin Johanne berichten beim Essen über ihre Unverträglichkeiten, und hinterher sagt Hilde, ihrem Gefühl nach hätte sie eine Acht oder Neun verdient. Nicht, dass etwas davon sättigend wäre, leeres Geplappere, rutscht einfach so durch.

Wie aber, fragt man sich, gelingt diesen Plaudertaschen eine knusprige Bratenkruste, die richtige Risottocremigkeit, ein flüssiger Schokoküchleinkern, wenn sie doch nie bei der Sache sind, sondern immerzu nur im Sozialen versacken? Wie schaffen sie
es trotz Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms, die angeditschten Himbeeren auszusortieren und den Zeitpunkt nicht zu übersehen, zu dem ein Steak sich in einen zähen Lappen Fleisch verwandelt? Und vor allem: Was hat man eigentlich davon, während des Kochens über das Kochen und beim Essen über das Gekochte zu reden?

Lange Zeit wurde man am Herd in Ruhe gelassen. Das war einer der Gründe dafür, warum Frauen Feministinnen wurden: Sie wollten endlich auch an Gesprächen teilnehmen, statt in der Küche zu versauern. Doch nicht wenige Köche haben sich genau deswegen in die Küche verkrümelt. Endlich ein Ort, an dem man herumbosseln durfte, ohne als Sonderling zu gelten, man bemalte ja nicht Zinnsoldaten mit napoleonischen Waffenröcken, sondern lackierte Enten. Wenn man dann endlich auftischte (womit man sich viel Zeit gelassen hatte), erntete man großes Hallo, aber nur kurz, schließlich gab’s Wichtigeres zu thematisieren als die Arbeit dessen, der gekocht hatte. Dem Koch war es nur recht, dass man seinem Spleen ein kleines Dankeschön widmete, ihn aber nie erschöpfend analysierte. Sonst hätte man möglicherweise bemerkt, dass er so gern Gemüse schnippelte und aus Pergamentpapier Abzugstrichter für selbst gemachte Pasteten bastelte, um nicht bei den superwichtigen Tischschwurbeleien sitzen zu müssen.

Diese glückseligen Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Die Gäste, die heute zum Essen kommen, bringen Salzflocken mit und wollen dem Gastgeber über die Schulter schauen, wenn er sich in der Küche ans Finishing macht. Seit Längerem gehört es zu den Basistugenden des kultivierten Mittelschichtsmenschen, dass er jederzeit und mit jedem über Ernährung reden kann, die Männer schauen sich Premiumfleisch nicht mehr im Playboy, sondern in Beef! an. Jeder hat etwas zu sagen, jeder sein Halbwissen immer dabei. Schon deswegen schmeckt das meiste Essen mittlerweile, als wäre es unendlich lang besprochen und anschließend im sozialen Netzwerk beschlossen worden. Egal, ob man nach Jamie Oliver, nach Tim Mälzer, nach Donna Hay oder nach einer dieser Rezeptwebsites kocht: Es ist immer dasselbe. Genderneutral, leicht, saisonal, aber nie verbissen, keine Innereien und sonstige Extreme, zum Schluss wird ein wenig Biozitronenschale darübergerieben, und alles ist so bekömmlich, als hätte noch eine Diätassistentin draufgeguckt. Gegen die Stammessen eins, zwei und drei, die von den Modeköchen kommen, schmeckt wahrscheinlich das Schlemmerfilet à la Bordelaise aus der Tiefkühltruhe wie eine kulinarische Offenbarung.

Gerettet werden kann das Kochen nur von den Alleinekochern – von Menschen, die über ihr Tun mit niemandem reden und mit ihm auch nicht ins Fernsehen kommen wollen. Und die nicht darüber nachdenken, ob sie den Geschmack anderer treffen, es reicht ihnen ja ihr eigener.

Alleinkoch wird man meist aus Not.

Der Alleinekocher: Das ist der Sonderling, der sich in die mexikanische Küche verliebt hat und sich bei kleinen Internetshops Tüten mit getrockneten Chilis bestellt, die so aussehen, als wären sie von einem Chilikartell verpackt worden. Oder die Junggesellin, die keine Lust mehr hat auf Kennenlernabende mit redefreudigen Singlemännern, die ihr beim Sushi weismachen wollen, Wasabi wäre dazu da, ihn mit den Stäbchen auf den Thunfischscheiben zu verstreichen, aber nur hauchdünn. Der Alleinekocher ist die hart arbeitende Frau, die sich nach einem Zehnstundentag in der Kanzlei etwas Gutes tun will und in ihrem Kartoffelpü nacheinander Butter, Crème double und Schmand versenkt, sie wird das anderntags am Stepper wieder gutmachen, aber es ist die Mischung, von der sie bei ihren Reihenversuchen herausgefunden hat, dass sie am tröstlichsten wirkt. Der Alleinekocher ist der Mann, der am liebsten in Unterhosen isst. Der Naschkater, der gern für sich allein Pralinen schöpft. Die Studentin, die mit ihrem Geld nicht bis zum Monatsende kommt und sich deswegen eine Woche lang mit Resteneukombinationen behilft. Der Mann, der Boudins mag und sie sich deswegen selbst zubereiten muss, weil es in den Restaurants deutscher Großstädte zwar verlässlich Hektoliter von Balsamicotunke gibt, aber nur selten eine ordentliche Blutwurst. Oder die alte Witwe, die sich ihren Braten auf die gute alte oberschlesische Art zubereitet. Oder die Frau, die zwar gern gut isst, aber im Restaurant nicht am Katzentisch sitzen will, in ihrem Rücken Blicke von Kellnern, die sie für verzweifelt halten, obwohl die Paare doch ersichtlich viel verzweifelter sind.

Es gibt sie, diese Menschen. Was sie sich kochen, steht kaum je in einem Kochbuch, zu wild, zu wenig mehrheitsfähig, zu chaotisch. Kochen für andere, auch wenn es nur für den Bett- und Fernsehcouch-Gefährten ist: Das sind immer Kompromisse, Schnittmengen, Halbherzigkeiten. Erst wenn die anderen weg sind, ist man ganz bei der Sache und dadurch wunderbarerweise auch ganz bei sich.

Wie man zum Alleinekoch wird? Meistens aus reiner Not. Es ist eben kein anderer da, aber essen muss man dennoch. Gute Restaurants sind für Alleinstehende immer noch keine Komfortzone, und das Single-Essen aus den Supermärkten ist oft genug eine recht traurige Angelegenheit. Die Industrie gibt sich viel Mühe, es den Einpersonenhaushalten convenient zu machen, und erfindet doch nur Einpersonentüten mit Einpersonensuppe, vorgeschnittenem Einpersonensalat und schonend vorgegartem Einpersonenreis. Das muss man nicht haben, schon gar nicht auf Dauer. Und noch weniger, wenn man mit dem Bedürfnis geschlagen ist, auch ohne menschliche Gesellschaft gut essen zu wollen. Also legt man los und kocht sich etwas aus den Resten im Kühlschrank zusammen, nur der eigenen Intuition folgend, weil man die Zutaten, die von der Rezepte-App verlangt werden, selten im Haus hat. Oft wird das was. Falls nicht, kann man immer noch den Pizzabringdienst anrufen.

Außerdem: Jeder Mensch ist immer wieder allein mit seinem Hunger, man muss dazu kein Single sein. Vielleicht ist man in einer Fernbeziehung gelandet. Oder der Lebensgefährte übers Wochenende auf einem Teambuilding-Seminar. Vielleicht hasst er aber auch alles, in dem Schokolade steckt. Soll man deswegen darauf verzichten, es sich gut gehen zu lassen?

Doch das Alleinekochen wird häufig auch von jenen, die es betreiben, für defizitär und verzweifelt gehalten. Der ganze Aufwand nur für sich selbst? Obwohl man seine Resultate mit niemandem teilen kann, nie ein kleines Dankeschön bekommt? Mit dem
Solokochen verhält es sich ein wenig wie mit der Selbstbefriedigung: Sinnlichkeit, die eine Person nur mit sich selbst hat, gilt anderen oft als deprimierend.

In den dunkleren Momenten des Selbstzweifels hilft dem Alleinekocher erfahrungsgemäß eines: noch besser kochen. So gut, dass man froh wird, mit niemandem teilen zu müssen. Und während man sich, Mundvoll um Mundvoll, glücklich isst, kann man lesen, auch eines der Vergnügen, die dem Gemeinschaftsesser nicht gegönnt sind. In den federleichten und dennoch gehaltvollen Foodessays der wunderbaren MFK Fisher zum Beispiel, die auch über das Alleine-Essen die richtigen Worte gefunden hat. »Es gibt nur wenige Menschen«, heißt es bei ihr, »mit denen ich gern Feste feiern, schlafen, tanzen, singen oder Brot und Wein teilen würde.« Und: »Essen mit einem anderen zu teilen, ist ein intimer Akt, auf den man sich nicht leichtfertig einlassen sollte.«

Foto: Maak Roberts

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