»Ich brauche kein Mitleid«

Ihr Vater war ein mörderischer KZ-Kommandant, ihre Mutter schwieg darüber bis zu ihrem Tod. Monika Göth über den Schatten ihrer Familie, dem sie nicht entkommt.

Monika Göth am Kleinhesseloher See. In München hat sie von 1951 bis 1987 gelebt, und mit ihrer Mutter ging sie oft im Englischen Garten spazieren

SZ-Magazin: Frau Göth, wann haben Sie erfahren, dass Ihr Vater Amon Göth ein NS-Verbrecher war?
Monika Göth:
Mit elf Jahren, das muss 1956 gewesen sein. Da habe ich erfahren, dass der Mony aufgehängt wurde. Der Amon war ja immer der Mony, nie der Papa.

Sie heißen Monika, Kurzform Moni. Zufall?
Natürlich nicht. Das war hundertprozentig Absicht. Meine Mutter hat ihren Amon ja abgöttisch geliebt. Ich habe meine Oma an jenem Tag gefragt: Wie ist der Amon eigentlich gestorben? Sie sagte nur, besprich das mit deiner Mutter. Weil ich wusste, dass meine Mutter nichts erzählte, drohte ich, nichts mehr zu essen. Das war Omas größte Sorge: dass ich verhungere. Da hat sie mir erzählt, dass er aufgehängt wurde, weil er die Juden umgebracht hatte.

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Ihr Vater soll als KZ-Kommandant im polnischen Plaszow mindestens 500 Juden eigenhändig ermordet haben. Oft aus einer Laune heraus.
Das hat mir zu Hause natürlich keiner erzählt. Aber auch sonst hat niemand was erzählt. Nach dem Krieg wollte ja keiner was gewusst haben. Da bin ich losgelaufen in die Büchereien, um Bücher über den Krieg und die Juden zu finden. Die haben alle nur den Kopf geschüttelt: Was bist du denn für ein komisches Kind, schau, dass du weiterkommst! Es gab ja auch noch kaum Bücher darüber. Irgendwann habe ich im Amerika-Haus das Tagebuch der Anne Frank gefunden. Das habe ich dann auf einer Parkbank im Nordfriedhof gelesen.

Warum nicht zu Hause?
Ich habe mich geschämt. Es hätte blöde Bemerkungen gegeben. Auch von anderen in unserem Haus: Und so was liest du?

Was hat Sie an dem Buch fasziniert?
Das war ein Mädchen, so alt wie ich. Das hat mich sofort gefangen genommen. Dann kam mal eine Sendung im Radio, in der Otto Heinrich Frank zu Wort kam. Ich saß in der Küche bei meiner Oma und rief: Oma, das ist der Vater von Anne! Oma wurde ganz weiß und sagte: Woher kennst du denn die Anne Frank? Und dann: Mein Gott, dieser arme Mann, der nach Hause kam, und niemand war mehr da, was haben diese Juden leiden müssen! Oma wusste schon Bescheid, was mit den Juden passiert war.

Was wusste sie?
Dass die Juden abgeholt wurden. Sogar bei ihr im Haus, ein altes Ehepaar. Sie hat es nicht mitbekommen, da sie in der Arbeit war. Aber sie hat die Bettfedern im Treppenhaus gesehen. Die SS hat ja immer die Bett-sachen aufgeschlitzt, um nach Wertsachen zu suchen.

Wann haben Sie geahnt, dass Ihre Mutter und Ihre Oma noch viele schreckliche Dinge verschwiegen?
Immer wieder. Einmal, ich war so 15, habe ich auf einen Pullover gespart in einem Geschäft in der Görresstraße. Ich bin rein und habe sechs Mark
angezahlt. Als ich wieder 1,50 hatte vom Badputzen, bin ich hin, um das Geld abzustottern. Da hat der Mann, ein Jude, mir den Pullover einfach
gegeben und gesagt: Für den Rest kannst du ins Kino gehen, Monika. Das habe ich meiner Oma erzählt, auch weil ich mich fragte, woher der meinen Namen wusste. Sie sagte: Ja, so sind sie, die Juden, mein Gott, was haben wir denen angetan. Ich bin ausgeflippt und hab meine Mutter angeschrien: Ihr Dreckschweine! Warum habt ihr die umgebracht, das sind so liebe Leute!

Wie hat Ihre Mutter reagiert?
Ich habe doch keinem was getan, sagte sie immer. Ja, du nicht, aber er schon! Von sich aus hat sie gar nichts erzählt. Die ganzen Jahre über nicht, bis sie 1983 gestorben ist. Wenn ich sagte: Ich denke, es war so und so, sagte sie: Überlass mal das Denken den Pferden, die haben nämlich die größeren Köpfe. Auf den Amon ließ sie nichts kommen. Er muss ein charmanter Mann gewesen sein, hieß es. Er konnte feiern. Er war lustig. Er hatte ein musikalisches Gehör. Ein Partylöwe. Mit diesem Bild bin ich aufgewachsen.

Er war ein sadistischer Massenmörder mit der Fassade eines Lebemanns.
Ja, das war er. Und ein Antisemit, durch und durch. Das war die Religion dieser Kriegsgeneration. Er hat sich auch bereichert. Aber meine Mutter hat mir immer gesagt: Halt doch deinen Mund, du bist im Frieden aufgewachsen. Du weiß doch
gar nicht, wie wir aufgewachsen sind. Und sie hatte recht.

Aber hatten Sie nicht das Recht, zu fragen und die Wahrheit zu erfahren?
Nein, jedenfalls nicht für meine Mutter. Ich habe mich Jahre später mit einer jüdischen Freundin von ihr unterhalten. Die habe ich gefragt: Du hast doch gewusst, dass der Amon bei der SS war, wie konntest du mit meiner Mutter befreundet sein? Sie sagte: Die Beziehung deiner Mutter mit deinem Vater geht mich nichts an, und dich auch nicht, das ist allein ihre Angelegenheit. Von dem Tag an hab ich mich mit meiner Mutter verstanden.

Fühlten Sie sich von Ihrer Mutter geliebt?
Am Anfang hat sie mich nicht gemocht, hat mir meine Oma erzählt. Der Amon war in Gefangenschaft, dann tot, und dann war ich auf einmal da. Meine Mutter war ein Mensch, der sehr auf sich bedacht war. Ich habe später einmal einen Brief gefunden, den ihr ein Verflossener namens Heinz geschrieben hatte. Darin stand: Mein lieber blauer Engel, du bist der größte Egoist, den ich je getroffen habe. Auch wenn ich das nicht gerne zugebe: Das stimmt. Sie war nie böse, auch manchmal hilfsbereit, aber der wichtigste Mensch in ihrem Leben war sie selbst.

Und Amon Göth.
Richtig. Sie hat später sogar seinen Namen angenommen, als er schon tot war, die beiden hatten es nicht mehr geschafft zu heiraten. Sie hätte ihn versteckt vor den Amerikanern. Sie hätte alles für ihn getan.

War sie blind vor Liebe oder einfach nur gewissenlos?

Für mich war sie ein grundanständiger Mensch. Meine Mutter war nach dem Krieg keine stille Nationalsozialistin. Sie schwärmte für Kennedy und Helmut Schmidt. Bei uns im Wohnzimmerregal standen Bücher von Tucholsky, Robert Neumann, Alfred Polgar. Sogar das Buch vom Eugen Kogon über Buchenwald. Sie hat Sebastian Haffner gekannt und später im Goethe-Institut gearbeitet. Da war sie ein anderer Mensch, glücklich und beliebt.

Im Krieg saß sie mit Gurkenmaske auf dem Balkon der Dienstvilla von Plaszow. Konnte sie nicht davon sprechen, weil sie wusste, dass sie sich mitschuldig gemacht hat?
Sie hat einfach nichts erzählt. So wie alle anderen auch. Ich glaube, sie war nie in diesem Lager drin, als mein Vater da wütete.

Zeitzeugen sagen was anderes.
Ja, aber es gibt auch Überlebende, die betonten, dass sie immer wieder mäßigend auf ihn eingewirkt habe. Einmal soll er mit ihr durchs Lager geritten sein, und alle seien froh gewesen, weil er sich an diesem Tag im Zaum hielt. Aber dass er schießt, wusste sie. Sie hat eben die Augen zugemacht oder laut Musik gehört in der Dienstvilla. Amon Göth war übrigens nicht der Einzige in Plaszow, der auf Leute schoss wie auf Damwild. Da gab es diesen Unkelbach, der das auch sehr gerne tat. Und andere. Was soll an meinem Vater so außergewöhnlich sein? Er ist halt durch Spielbergs Schindlers Liste bekannt geworden, davor hat sich keiner für ihn interessiert.

Relativiert das irgendwas?
Natürlich nicht. Für mich macht es alles nur noch schlimmer! Ich verachte alle Nazis, das können Sie mir glauben. Und mein Vater hat die Todesstrafe verdient. Aber meiner Mutter zuliebe werde ich immer Partei für meinen Vater ergreifen. Das ist so
in mir drin. Hätte ich meinen Vater nicht geliebt als Kind, dann hätte ich überhaupt kein Schwein auf dieser Welt gehabt.

»Aber ich liebe meinen Vater nicht. Ich musste ihn lieben, wegen meiner Mutter!«

Zehn Monate nach Monika Göths Geburt 1945 in Bad Tölz wurde ihr Vater Amon Göth wegen Massenmordes zum Tode verurteilt, vollstreckt durch Erhängen in Krakau. Die Mutter Ruth Irene nahm sich 1983 das Leben. 2002 erschien Monika Göths Biografie »Ich muß doch meinen Vater lieben, oder?« Das Buch ist vergriffen, kam aber kürzlich in einer überarbeiteten Form als E-Book heraus. Göth lebt mit ihrem zweiten Ehemann unter anderem Namen in Mittelfranken.

Niklas Frank, Sohn des NS-Verbrechers Hans Frank, hat sich sein ganzes Leben publizistisch an seinem Vater abgearbeitet und empfindet für
ihn nur Verachtung. Sie haben 2002 zusammen mit dem Autor Matthias Kessler ein biografisches Buch herausgebracht mit dem Titel Ich muß doch meinen Vater lieben, oder?

Anders als Niklas Frank habe ich meinen Vater nie kennengelernt. Hätte ich mitgekriegt, wie er schießt, wäre das anders. Das könnte ich nicht verkraften. Aber ich liebe meinen Vater nicht. Ich musste ihn lieben, wegen meiner Mutter!

Warum konnte Ihnen Ihre Mutter keine Liebe geben?
Ach, so was gab’s nicht bei uns. Auch nicht von meiner Großmutter. Und irgendwie wollte ich das auch nicht. Ich mochte es nicht, wenn man mich anfasste. Ich bekam schon Zustände, wenn ich im Sportunterricht Schulkameraden an der Hand fassen musste.

Ihre Mutter soll Sie als Säugling mal über Nacht auf den Balkon gestellt haben, als Sie nicht aufhörten zu schreien.
Was sollte sie auch machen? Wenn ich brüllte, nahm mich immer meine Oma. Die war aber verreist. Da stellte sie mich samt Bett auf den Balkon. Drei Tage lang. Es war wohl schönes Wetter. Zu essen und zu trinken bekam ich auch. Danach muss ich sehr artig und ruhig gewesen sein. Bis meine Oma zurückkam, dann ging alles von vorne los. Weil ich sofort zur Oma wollte.

Weil Sie sich bei ihr geborgen fühlten?
Ohne meine Oma wäre ich glatt verhungert. Essen war für meine Mutter einfach Nebensache. Meine Oma hat gekocht, gewaschen und die Wohnung warm gehalten. Meine Mutter sah sich eher als Scarlett O’Hara in Vom Winde verweht: Essen wie ein Vögelchen, alles andere war unfein. Sie hatte auch einen Badezimmerfimmel. Jede Glasplatte musste ich täglich abräumen und wienern, bis kein Fingerabdruck mehr zu sehen war. Das ist mir bis heute geblieben.

Sie waren für Ihre Mutter so etwas wie ihre jüdischen Dienstmädchen in Plaszow.
Ja, aber das galt auch für meine Großmutter. Das war so ihre Art. Es ging ihr nicht um Erniedrigung, es gab halt Arbeiten, die mochte sie nicht. Ich musste auch das Heizöl mit einer Kanne aus dem Keller holen. Aber man darf eines nicht vergessen: Meine Mutter ging um sieben in der Früh aus dem Haus und kam oft erst abends um neun wieder. Sie war sehr fleißig und hat neben ihrem Bürojob noch als Kosmetikerin gearbeitet. Sie hat Bücher übersetzt, Oceans Eleven zum Beispiel. Das war eine schöne Zeit, da hat sie so was wie Nähe entwickelt zu mir. Da habe ich das Bad gern geputzt.

Hatten Sie als Kind Spielzeug?
Im Sommer ging man zum Schwimmen. Es gab einen Holzroller, ein paar Rollschuhe. Viele Kinderbücher, denn aufs Lesen hat meine Mutter Wert gelegt: Erich Kästner oder das Nesthäkchen von Else Ury. Worüber ich mich später so aufgeregt habe, denn die Autorin ist in Auschwitz ermordet worden.

Was sind Ihre schönsten Kindheitserinnerungen?
Es heißt immer, dieses München der Nachkriegszeit war so zerbombt – grad schön war’s für uns Kinder. Man konnte vom Josephsplatz, wo wir wohnten, bis zur Ludwigskirche vorschauen. Da waren nur Trümmer. Da haben wir gespielt. Bis ich irgendwann mitgekriegt habe, dass in den Kratern und Trümmern Menschen gestorben sind, da fand ich das nicht mehr lustig. Wir waren zwar ärmlich wie alle nach dem Krieg, aber ich habe nicht gelitten.

Mit den großen NS-Prozessen in den Sechzigerjahren wurde vielen Deutschen erst das ganze Ausmaß des Holocausts bewusst. Erinnern Sie sich daran, wie das bei Ihnen zu Hause aufgenommen wurde?
Als Eichmann 1960 verhaftet worden war, hat meine Mutter gesagt: Mein Gott, jetzt haben sie den auch geschnappt, die Juden kriegen die alle, sie werden sie alle finden! Nicht, dass ihr Eichmann leid getan hätte, aber sie dachte halt wieder an ihren Amon, den man ihr auch weggeschnappt hat. Darüber ist sie nie hinweggekommen. Das hat mich schon als Kind so mitgenommen, dass ich einmal zu meiner Großmutter gesagt habe: Oma, ich hätte mich aufhängen lassen, wenn der Amon dadurch freigekommen wäre. Die war entsetzt: Aber Kind, du hast doch gar nichts getan! Aber meine Mutter hätte ihren Mann wiedergehabt.

Haben Sie sich auch einen Vater gewünscht? So wie andere Kinder einen hatten?
Ich wollte keinen Vater. Ich wollte ihn nur für sie. Dabei mochte ich meine Mutter als Kind gar nicht. Sie mich auch nicht. Ich hätte ihn ihr geschenkt und wäre bei meiner Oma geblieben. Heute liebe ich sie. Die letzten zehn Jahre ihres Lebens haben wir uns fantastisch verstanden. Davor auch schon. Zum Zwanzigsten bekam ich von ihr Beethovens Neunte und eine Sonnenbrille, nachdem sie mir davor immer nur ein abgelegtes Trumm von sich geschenkt hatte. Da habe ich mich so gefreut! Zwei, drei Mal hat sie mich verdroschen, ja. Aber ich war selber schuld.

Was hatten Sie Schlimmes getan?
Sie hat sich öfter mal verplappert. Sie sagte zum Beispiel: Den Judenältesten hat er nicht erschossen, das war Chilowitz. Und ich: Wen hat er denn dann erschossen? Darauf sie: Es gab schon welche, die er erschossen hat. Ich wieder: Wie viele waren es denn? Zwei, drei, vier, fünf, zwanzig? Und sie sagte nichts. Nur: Hör auf. Meine Oma auch: Hör auf! Aber ich hab nicht aufgehört, sondern weiter in sie hineingebiestert: Können auch mehr gewesen sein, stimmts? Da hat sie eben zugeschlagen. Da sie so zierlich war, hat sie ein Stromkabel genommen. Hätte ich mich entschuldigt, hätte sie sofort aufgehört, aber ich habe sie nur angegrinst.

Sie nehmen Ihre Mutter in Schutz, warum?
Weil es ihr Leben war. Sie war damals sehr jung. Man kann nicht von heute aus über ein andere Zeit richten. Sie ist mit dem Schindler, für den sie kurz als Schreibmaschinenkraft gearbeitet hat, zu Amon Göth in die Villa. Und es war um sie geschehen. Meine Mutter hat mir nie was getan. Immer nur, wenn es um den Amon Göth ging und wie viele er denn erschossen hat. Da ist sie ausgerastet.

Sie beschreiben Ihre Mutter mal als kalt, mal als liebenswert.
Sie war ein Typ wie Elizabeth Taylor, sehr geschmackvoll, nie aufdringlich. Sie hat mir zum Beispiel geholfen, meine Großmutter aus dem Altenheim rauszukriegen. Danach war alles anders. Wir haben uns zusammen um die Oma gekümmert. Da wurde sie mein Freund. Da war ich schon verheiratet und über zwanzig. Sie konnte sehr nett sein. Sie kam ja nur nicht mit mir aus, weil ich als Mädchen so ein Zyniker gewesen bin. Du hättest Bohrturm werden soll, hat sie gesagt. Und einmal im Streit: Wenn man dich totschlüge, müsste man auch noch dein Maul totschlagen, damit du Ruhe gibst. Und sie hatte recht.

Warum hat Ihre Mutter so brutal auf Ihre Fragen reagiert?
Weil sie so verzweifelt war. Sie hatte ja nur mich.

Warum konnte sie Ihnen nicht die Wahrheit sagen?
Sie sagte immer: Der ganze Krieg war ungeheuerlich, ihr schaut jetzt rückwärts, aber wir haben nach vorne geschaut, und wir wussten nicht, was
da kommt – und man durfte seinen Mund nicht aufmachen. Das glaube ich ihr auch.

Sie hätte weggehen können von diesem Mann.
Das verstehe ich bis heute nicht. Ich hätte es keine Sekunde bei so einem ausgehalten.

1983 wurde ihre Mutter vom israelischen Dokumentarfilmer Jon Blair für die BBC interviewt, der im Auftrag von Steven Spielberg für den Film Schindlers Liste recherchierte. Warum war sie plötzlich bereit zu reden?
Jon Blair war vorher schon öfter bei uns gewesen wegen dieses Interviewprojekts. Ich hab ihn dann mal gebeten, ein Foto zu besorgen von Amon, wie er auf seinem Pferd sitzt. Das hatte ich in einem Fernsehbeitrag gesehen.

Für was brauchten Sie das Bild?
Für mich und für meine Mutter. Sie war schon schwer lungenkrank zu jener Zeit. Sie hatte die einzige Originalfotografie von ihm verloren, ein kleines Passbild. Das gab es bei uns zu Hause zwar in zig Abzügen und Größen, es hing auch über ihrer Schlafcouch. Aber eben nur Abzüge. Da dachte ich: Jetzt bringt sie sich um. Der Selbstmord stand ja pausenlos im Raum. Darum wollte ich dieses Bild haben. Ich dachte, sie freut sich drüber. Blair sagte, das könne er beschaffen, es sei in Yad Vaschem. Er würde es mir mitbringen – unter der Bedingung, dass er noch einmal für ein Interview kommen darf.

Jon Blair hat Ihnen dann das Bild tatsächlich gebracht.
Und ich sag noch zu ihr: Ruth, das ist für dich, das habe ich alles nur arrangiert, damit du wieder ein schönes Bild von ihm hast. Sie sagte gar nichts, sie fasste es nicht mal an. Da dachte ich: Jetzt war alles umsonst. Und dann musste sie dieses Interview in unserer Küche geben, obwohl sie schon bettlägerig war.

Sie zeigte darin Reue, blieb aber bei ihrer Haltung, niemandem etwas getan zu haben. Einen Tag später nahm sie sich das Leben.

Am nächsten Tag, einem Samstag, sagte sie zu mir: Zahl das Zeitungsabo und gib den Lottoschein auf. Das hat mich zunächst beruhigt. Aber es war natürlich eine List, damit ich nichts merke. Der Selbstmord meiner Mutter hat mich wie nichts in meinem Leben traumatisiert. Ich war jahrelang depressiv, habe es aber nicht zugegeben.

Geben Sie sich die Schuld am Selbstmord Ihrer Mutter?
Nein, das hatte sich schon lange angedeutet. Aber der Auslöser war das Interview, das ist klar. Wenn ihr Smokey noch gelebt hätte, dann hätte sich meine Mutter nie umgebracht. Die hätte den Hund nie allein gelassen.

Sie haben mal gesagt: Ich habe meiner Mutter mit meiner Anwesenheit alles versaut.
Ja, klar! Meine Mutter hatte sich einmal in einen Offizier der US-Army verliebt, den ich sehr gemocht habe. Der hat ihr gesagt: Du bist die Frau meines Lebens, aber ich brauche jemanden, der für mich sorgt – und vor allem kein Kind noch dazu. Dann hat er sich für eine andere entschieden, und weg war er. Welcher Mann wollte schon ein Kind und noch dazu eine Oma? Aber bis zu ihrem Tod hat er ihr jede Woche einen Brief geschrieben und uns finanziell unterstützt.

Leiden Sie darunter, dass Ihre Mutter ihre moralische Schuld nie vor Ihnen eingestanden hat?

Meine Mutter hat Kurzgeschichten geschrieben. Die habe ich später gefunden. Eine handelt vom SS-Obersturmbannführer Hammer. Er sitzt am Schreibtisch und schwitzt und denkt zurück an die Zeit, als ein Lastwagen voller Kinder vor Plaszow steht, der nach Auschwitz soll. Die Augen der Kinder waren wie von Erwachsenen, schreibt sie. Sie wissen genau, wohin es geht. Einer Frau tun die Kinder leid: Mein Gott, die Kinder, warum denn auch die Kinder? Da sagt eine andere zu ihr: Aber es sind doch nur Judenkinder. Als ich das las, habe ich mir gedacht: Ich weiß, wem sie leid tun. Das bist du, Mutter.

»Du bist ja nur die Tochter dieses Massenmörders.«

Monika Göth als Kind mit ihrer Mutter Ruth Irene (Foto: privat)

1982 kam der Roman Schindlers Liste heraus, in dem auch die Verbrechen Ihres Vaters beschrieben werden. Wann haben Sie ihn gelesen?
Bald nachdem er erschienen ist. Aber Ruth konnte ich jetzt nicht mehr dazu befragen, sie war tot.

Sie haben nach dem Tod Ihrer Mutter immer wieder Kontakt zu Holocaust-Überlebenden gesucht, auch aus Plaszow. Was haben Sie sich davon versprochen?
Zu hören, wie es wirklich war. Ich wollte zum Beispiel unbedingt die jüdischen Dienstmädchen meines Vaters in Plaszow kennenlernen. Von denen hatte meine Mutter immer geschwärmt. Als Kind dachte ich, sie gehören zur Familie, so lieb wurde über sie gesprochen.

In Wirklichkeit lebten sie in ständiger Angst, von Ihrem Vater umgebracht zu werden.
Das weiß ich heute, aber damals als kleines Kind war diese Villa eine Traumwelt für mich. Die Fotos von Plaszow waren so schön. Die Hunde, die Pferde, das Haus, die Blumengebinde. Mir hat ja keiner gesagt, dass die Hunde auf Menschen abgerichtet waren.

Ihr Treffen mit einem der Dienstmädchen, Helen Jonas, für einen israelischen Dokumentarfilm verlief ambivalent. Hatten Sie nie Angst, auf Ablehnung zu stoßen?
Die wollte mit mir immer über den Amon reden, ich aber über meine Mutter. Was sollte ich über den auch sagen? Ich kannte ihn ja nicht. Trotzdem habe in meinem ganzen Leben kaum einen Juden kennengelernt, der nicht nett zu mir war. Ich wurde meistens mit ganzem Herzen aufgenommen, sogar in Israel. Die Aasgeier, die waren immer hier. Ich war in Treblinka, in Auschwitz, in Sobibor, in Plaszow. Und an den Plätzen in den Wäldern, wo die Erschießungen stattfanden. 2006 war ich in Majdanek mit einer kleinen Gruppe und einer israelischen Schulklasse. Und glauben Sie mir, es war schön.

Was war schön?
Dass wir zusammen waren. Ich fühlte mich angenommen. Anders als mit Deutschen, die mich oft fertiggemacht haben: Du bist ja nur die Tochter dieses Massenmörders. Mit Jan Osroszansky, einem Plaszow-Überlebenden, entstand sogar eine richtige Freundschaft. Der Amon hat seine Mutter nach Auschwitz geschickt, er hat sie nie wiedergesehen. Manchmal starrte er mich an und sagte: Ich kann nicht glauben, dass ich hier mit dir sitze. Ich habe ihn sogar in Israel besucht. Jan ist inzwischen gestorben, aber ich werde ihn nie vergessen. Seine Frau sagte, dass er sechzig Jahre lang jeden Tag von Plaszow erzählte. Und wenn er noch zehn Jahre mehr gelebt hätte, dann hätte er immer noch nicht alles erzählt.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie all die erschütternden Geschichten der Überlebenden gehört haben?
Es hat mich fertiggemacht. Ich wollte dann immer nicht mehr heim, sondern bei den Leuten bleiben, weil ich die so bewunderte und gern hatte. Daheim hatte ich dann wochenlang Magenschmerzen. Jan hat zu mir gesagt: Du musst wieder lernen, dich am Leben zu erfreuen, wir alle müssen das – wer sich jeden Tag mit diesem Horror beschäftigt, wird eines Tages wahnsinnig. Da habe ich einen großen Teil meiner Bücher entsorgt, um endlich etwas Abstand zu gewinnen. Ich habe auch die Kleider meiner Mutter verbrannt.

Haben Sie sich manchmal einen anderen Vater gewünscht?
Wünschen kann ich mir viel. Ich hab aber nur den einen. Was wäre ich, wenn ich jetzt die Tochter des Amerikaners wäre, der die Atombombe auf Hiroshima geworfen hat? Das stört niemanden, obwohl es ein Wahnsinn ist.

Träumen Sie manchmal von ihm?
Nur ein einziges Mal, als ich mit Jan und einer jüdischen Gruppe in Lübeck war. Im Traum waren alle im Hotel, und unten hämmerte es an die Türe. Ich bin zur Tür und hab aufgemacht. Da kam der Amon Göth rein, hinter ihm viele SS-Männer. Da sag ich zu ihm: Wenn du einem was tust, erschieß ich dich, das sind hier meine Freunde. Er: Du kannst mich ruhig erschießen, aber schau, wie viele hinter mir sind: Alle kannst du nicht erschießen. Da bin ich aufgewacht.

Sie haben mal gesagt, dass Sie kein Mitleid mit den Täterkindern hätten.
Da müssten mir Hundertausende leid tun. Aber warum sollte ich Mitleid haben? Wir brauchen kein Mitleid. Die anderen sind gestorben. In Treblinka sind die Kinder am Boden festgefroren, und ihre Mütter mussten sie losreißen, als sie in den Tod gingen. Die Täterkinder sollen schauen, dass sie es aufarbeiten!

Haben Sie es aufgearbeitet?
Nein. Ich hab nichts aufgearbeitet. Das geht gar nicht. Wie soll das denn gehen? Ich werde den Holocaust nie begreifen können, die SS nicht und den Krieg nicht.

Haben Sie sich manchmal ein anderes Leben gewünscht?

Ich habe mir immer so ein Leben gewünscht wie in dem Buch Nesthäkchen: geborgen, warm, mit etwas Hausmusik. Und ein Leitbild. Meine Oma rannte links, meine Mutter rechts, und ich wusste nicht, wohin. Ich wollte weder die eine noch die andere verlieren. Aber sie waren so unterschiedlich. Mir hat halt eine Autorität gefehlt, ein Vater.

Fotos: Armin Smailovic

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