Ist es eine radikale Idee, keine Karriere machen zu wollen?

Nein, meint unsere gesellschaftspolitische Kolumnistin Teresa Bücker – sondern die notwendige Verteidigung gegen das Konzept von Arbeit als Lebenskern.

Foto: Paula Winkler

Nachdem ich als Kind die Frauen um mich herum beobachtet hatte, die in den Achtzigerjahren in Westdeutschland noch mehrheitlich jahrelange Erziehungspausen machten und danach nur wenig oder vielleicht auch gar nicht wieder arbeiten gingen, stand für mich fest, dass ich ein anderes Leben haben wollte. Und auf gar keinen Fall Kinder.

Wenn meine vierjährige Tochter mich heute beobachtet, wird sie vermutlich zu dem Schluss kommen, keine Karriere zu wollen. Wenn ich sie frage, was sie einmal werden möchte, antwortet sie: »Nichts.« Ehrlich gesagt, weiß ich gerade nicht, was ich ihr raten würde.

Ich bin versucht, ihr zu sagen, dass sie beliebig viel Zeit hat, eine Wahl zu treffen – oder auch: gar keine Wahl treffen muss. Aber einem jungen Menschen zu sagen, es sei überhaupt nicht entscheidend, was er beruflich einmal macht, ist eine ziemlich radikale Idee. Was soll denn dann entscheidend sein?

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Aktuell sind für die meisten Menschen Identität und Arbeit so eng miteinander verknüpft, dass es uns schwerfällt, die Begriffe »glücklich« und »erfolgreich« auseinanderzuhalten. Zu einem gelungenen Leben gehört in der heutigen Erzählung ein erfüllender Job – das Glück folgt auf die Selbstverwirklichung. Um zu verstehen, dass das Leben komplexer ist, braucht man Erfahrung, ein paar dicke Bücher und vor allem Austausch mit anderen.

Erst heute habe ich mit einer Freundin telefoniert, die sich mit der Entscheidung herumschlug, einen vermeintlich besseren Job anzunehmen als ihren aktuellen: mehr Verantwortung, mehr Geld, mehr Prestige, aber vermutlich auch mehr Arbeit, mehr Druck, mehr innere Konflikte. Wie entscheidet man sich in einer Welt, die das oberflächliche Vorankommen schätzt und beruflichen Erfolg vor allem am Gehaltsscheck und einem klingenden Titel bemisst?

Wer sich auf ein Bewerbungsgespräch vorbereitet, rechnet meist zuerst mit dieser Frage: »Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?« Verändern Sie nun Folgendes, bevor Sie Ihre Antwort formulieren: Denken Sie nicht nur an Ihre berufliche Situation. Denken Sie darüber nach, wie sich Ihr Leben in den nächsten Jahren entwickeln wird. Was Sie sich wünschen und was einfach passieren könnte. Wie würden Sie dann antworten? Trauen Sie sich – zum Üben zunächst mal sich selbst – die vollständige Antwort zu geben. Vielleicht käme so etwas dabei heraus: »Ich möchte innerhalb der nächsten fünf Jahre mein erstes Kind.« Oder: »So wie es gerade aussieht, werde ich viel Zeit damit verbringen, die Pflege meiner Eltern zu organisieren.« Vielleicht wissen Sie auch schon, dass Sie in zwei Jahren gern ein halbes Jahr lang reisen oder auf der Baustelle Ihres Haus vieles selbst machen möchten.

Weil man mit so viel Ehrlichkeit beruflich nicht vorankommt, versuchen viele in Bewerbungsprozessen das Unmögliche: authentisch zu wirken, während sie einen großen Teil ihrer Persönlichkeit und ihres Lebens verstecken.

Innerhalb der Arbeitswelt in Deutschland vollzieht sich gerade etwas Paradoxes: Die Erwerbstätigkeit von Frauen ist seit Beginn der Neunzigerjahre stark gestiegen. Sowohl politische Maßnahmen als auch der öffentliche Diskurs zielen darauf ab, dass Frauen mehr arbeiten und anspruchsvolle Stellen anstreben sollten, um die Vorstände endlich aufzumischen. Was mehr oder weniger mit der Voraussetzung einhergeht, mindestens 40 Stunden zu arbeiten. Diese Idee wird eingerahmt vom Mantra der finanziellen Unabhängigkeit, der Drohung der »Teilzeitfalle« und dem Dogma, über den Beruf einen Lebenssinn zu finden – die ultimative Erfüllung. Und was spricht schon dagegen, fünf Tage pro Woche etwas zu tun, wofür man »brennt«?

Doch gleichzeitig wird sichtbar, dass der Versuch, möglichst alle Erwachsenen möglichst viel arbeiten zu lassen, unsere Art, unser Zusammenleben zu organisieren, nicht funktioniert. Massiv gestiegene Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen, mehr Trennungen und einsame alte Menschen sind die Bilanz davon, so zu tun, als existierte außerhalb von bezahlten Stellen keine Arbeit. Wie wir uns umeinander kümmern können, galt immer selbstverständlich als Privatsache – oder als Sache, die Frauen zusätzlich unentgeltlich erledigen.

Die Nebenwirkungen dieser Sicht machen unsere Gesellschaft brüchig und werden dennoch bislang politisch nicht als Problem anerkannt. In der Wirtschaft äußert sich die Dysfunktionalität des aktuellen Konzeptes so, dass in den Führungsriegen aller Branchen überproportional oft Menschen zu finden sind, die sich zum einen phänotypisch sehr ähnlich sind und zum anderem einem ähnlichen Lebensstil nachgehen. Diejenigen, die davon abweichen, passen entweder nicht zur Monokultur der Unternehmen, oder sie können gerade nicht, weil niemand sonst ihr Kind von der Schule abholen oder ihren Vater füttern würde. Selbst wenn alle das Talent
für eine Karriere hätten, haben die wenigsten eine realistische Chance darauf – solange sie Pflege, Wärme und Liebe nicht auslagern wollen.

Das erklärt auch, warum die Prozentzahl der Mitarbeiter*innen, die innerlich gekündigt haben, in Deutschland so hoch ist und die Geburtenrate im europäischen Vergleich niedrig. Die deutsche Arbeitswelt scheint weder alle Menschen wirklich haben zu wollen, noch besonders glücklich zu machen oder zu ermutigen, eine Familie zu gründen. Wäre es in Anbetracht all dieser Tatsachen wirklich noch eine radikale Idee, keine Karriere machen zu wollen? Klingt es nicht mehr und mehr wie die einzig kluge Entscheidung?

Das Radikalste, was uns bislang eingefallen ist, um die Arbeitswelt zu verändern, ist der Begriff »Work-Life-Balance«. Er wird vor allem dann benutzt, wenn man sagen will, dass sie gerade nicht ausgeglichen ist. Die Schieflage von zu viel Arbeit und zu wenig Freizeit begreifen die meisten als Normalzustand. Wir akzeptieren, dass etwas nicht funktioniert, optimieren in Sisyphusarbeit um es herum und glauben zudem noch, dass die meisten anderen es hinbekommen, nur wir nicht. Stattdessen müssten wir eine Balance als etwas Selbstverständliches begreifen. Wir müssten überrascht sein, wenn es einmal nicht funktioniert, statt über die Tage zu staunen, an denen wir uns nicht gestresst fühlen. Solange wir uns nicht dagegen wehren, was schon ein normaler Job und erst recht eine Karriere von Menschen verlangen, wird es eine Work-Life-Balance, die ihren Namen verdient, nicht geben.

Mitarbeiter*innen der Personalabteilung beklagen sich  gerne über die Millennials, die selbstbewusst angeben, nur 30 Stunden pro Woche arbeiten zu wollen. Wir sollten von den Menschen lernen wollen, die sowohl beruflich als auch privat zufrieden sind und mit der eigenen Arbeit auch dann etwas bewirken können und in ihr Sinn finden, wenn sie lediglich einen Teil ihrer Zeit und Energie dafür aufwenden müssen. Wir sollten aufhören, einen Berufsweg als Karriere zu bezeichnen, der erfordert, nur vier Stunden pro Nacht zu schlafen, dass der Rücken kaputtgeht, man Freund*innen oder die eigenen Kinder entweder kaum noch sieht oder sagen muss: »Ich wüsste nicht, wie ich meine Position mit Familie vereinbaren sollte.« Führe ein Auto ein schnelles Rennen und wäre nach der Ziellinie kaputt, würde man es wohl als Fehlkonstruktion beschreiben.

Karriere sollte auch dann möglich sein, wenn wir Erfüllung in mehr als unserem Beruf finden, und sie sollte vor allem einschließen, dass währenddessen die Beziehungen zu anderen Menschen intakt bleiben, wir neue Beziehungen aufbauen können und die Gesundheit nicht leidet. Ohne Karriereverweigerung kommen wir da wohl nicht hin.

Meine Freundin, die mit dem Jobangebot haderte, erzählte schließlich, sie habe sich die Frage gestellt: »Welche Art von Mensch will ich sein?«. Was würde ein Kind wohl antworten, wenn wir es statt: »Was willst du werden?« fragen würden: »Welche Art von Mensch willst du sein?« Meiner Tochter werde ich diese Frage mitgeben.

Wie radikale Ideen verbinden: Teresa Bücker über das Konzept hinter ihrer Kolumne "Freie Radikale".