Wahlkampf

Dass Wahlplakate dumm und hässlich sind, war schon immer so. Dass man von ihnen durch die deutsche Geschichte gehetzt wird, ist neu.

Wäre die Postmoderne etwas, das im Wasser lebte, dann hätte der Song der in Bayern weltberühmten Band Hot Dogs einen ungeahnt philosophiegeschichtlichen Beiklang – denn es lohnt sich natürlich nicht, den toten Fisch, von dem sie singen, auch noch »hi« (also: »hin«) zu machen. Anders gesagt: Die Postmoderne hat sich ins Grab gesiegt. Alles hat eine Signifikanz, nichts hat eine Bedeutung.

Wo man das merkt? Zum Beispiel in Berlin, unserer überpostmodernen Hauptstadt – und zwar vor allem dann, wenn gerade mal wieder Wahlkampf ist. Dumm waren die Wahlplakate immer und hässlich auch, das muss wohl so sein; neu ist, dass man von ihnen auf eine Art und Weise durch die deutsche Geschichte gehetzt wird, dass einem ganz schwindelig werden kann. Das Beklemmende ist nun, dass die Plakate (oder, falls sie von Menschen gemacht wurden, die Plakateure) von dieser Geschichte so überhaupt nichts wissen. Oder wie soll man sich sonst erklären, was da gerade passiert? Dass eine ehemalige ostdeutsche Bürgerrechtlerin mit ihrem Dekolleté wirbt, als sei Sexismus Bürgerpflicht? Geschenkt, eine Petitesse! Dass die FDP den eigentlich nicht ohne Ironie zu konsumierenden Kapitalismus-1.0-Spruch »Arbeit muss sich wieder lohnen« so augenzwinkerfrei tapeziert? Zeigt nur, dass die FDP schon lange keine Partei mehr ist, die man als halbwegs doppelbödiger Mensch wählen möchte!

Dass Renate Künast nichts Inhaltlicheres einfällt als: »Aus der Krise hilft nur Grün«? Selber schuld, schaut man sich halt ihr Foto an und denkt darüber nach, warum ihr Lippenstift so unkoalitionär rot glänzt, und fühlt sich wohl in dieser Achtzigerjahre-Oberflächlichkeit! Aber dass die CDU, immerhin schon vor der Wahl am 27. September der Sieger, ein Wort aus der Begriffskiste klaubt, das lange nicht mehr in die Zeit zu passen schien, eigentlich seit den Dreißigerjahren nicht – das ist interessant. »Wir haben die Kraft«, so heißt der CDU-Claim, wie man postmodern sagt – Kraft also: Was in unserer Triathlonwelt sofort auch Erschöpfung mitmeint, denn ohne das eine ist das andere nicht zu denken.

Was eine Verschiebung bedeutet zum im Eon-Sprech durchgewalkten Wort Energie, das klang wohl zu regenerierbar. Was keine genuin politische Kategorie ist, um mal sanft zu bleiben. Ein Wort also, das das Kunststück schafft, zugleich zu wenig und zu viel Selbstbewusstsein zu signalisieren. Ach ja, das ist ja das Erfolgsrezept von Angela Merkel. Und dass nun die SPD und die Linke gar nicht vorkommen in dieser kurzen Kolumne? Zufall, reiner Zufall. Oder wie die Hot Dogs singen würden: »Ja so warn’s, ja so warn’s, de alten Rittersleut.«

Foto: ap

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