Mein Leben mit Migräne

Seit ihrer Kindheit leidet unsere Autorin unter Migräne. Erfolglos probierte sie etliche Behandlungen aus, bis eine doch noch anschlug. Über den Umgang mit einer Krankheit, die so viele Menschen betrifft – und trotzdem mit Scham besetzt ist.

Bettina Rubow ist Autorin und Medizinjournalistin. Im Februar 2021 ist ihr Buch Der Migräne-Kompass im Heyne Verlag erschienen.

Foto: Privat

Ich habe Migräne, seit ich zwölf Jahre alt bin. Fast ein halbes Jahrhundert lang. Natürlich habe ich die Kopfschmerzen bekämpft, wenn sie akut waren, denn ich finde: Niemand soll diese Qualen aushalten müssen. Am Ende hat mir die medizinische Prophylaxe mit Antikörpern sehr geholfen, doch dazu später. Damit Nicht-Migränikerinnen und -migräniker die Intensität der Schmerzen besser einschätzen können: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) listet Migräne auf Platz drei der am meisten behindernden Krankheiten – und man geht davon aus, dass knapp 15

Zusätzlich zur akuten Schmerzbehandlung mit Medikamenten habe ich versucht, die Migräne mit Tai Chi, Yoga, Pfefferminzöl und Chirotherapie zu verscheuchen. Ich habe die Pille abgesetzt, später eine Hormontherapie gemacht, die Kombination von Alkohol und Zigaretten gestrichen und mich zwischendurch psychotherapeutisch begleiten lassen. Ich habe mich über die Blackroll gelegt, weil Schmerzen bekanntlich Schmerzen vertreiben, und jahrelang mit einem Schal um den Hals geschlafen. Mein Nacken sollte keinen Zug bekommen, damit er keine Attacke auslösen konnte (heute weiß ich, dass die Migräne für Verspannung im Nacken sorgt und nicht umgekehrt die Verspannung für Migräne). Kurzum, ich habe alle Tipps und Tricks ausprobiert, die Migränepatientinnen und -patienten finden können.

Und tatsächlich: All diese Mittel halfen auch und hielten die Migräne für eine Weile in Schach. Was ein Gewinn ist. Aber dann kam sie wieder – und nicht immer wusste ich, warum. Hatte sie sich an die jeweils neue Maßnahme gewöhnt? War etwas in mein Leben getreten, das sie herbeilockte? Ich glaube, nur wenige Menschen zerbrechen sich derart den Kopf über Migräneursachen wie Migränikerinnen und Migräniker. Kopfschmerz-Fachleute wie der Neurologe Charly Gaul, Chefarzt an der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein, sehen das eher kritisch: Man sollte die Kopfschmerzerkrankung als Kopfschmerzerkrankung annehmen und nicht allzu viel in sie hineingeheimnissen, meint er.

Ich habe mich schwer damit getan, mich zur Migräne zu bekennen. Das liegt auch daran, dass Migräne immer noch schambesetzt ist. Obwohl Migräne keine Wohlstandserkrankung ist und die Menschheit wahrscheinlich seit ihren Anfängen begleitet, gilt sie noch vielfach als eingebildetes Leiden verwöhnter Damen. Dabei sind Kopfschmerzen sehr real und sorgen dafür, dass ihre Opfer angespannt, panisch oder auch aggressiv erscheinen. Man wehrt sich mit Kräften gegen die Migräneattacke. Niemand hat diesen Zusammenhang besser erkannt als die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev (im Roman Mann und Frau). Ich selbst bin in der Attacke eine andere, auf keinen Fall die junge Königin, viel eher das Rumpelstilzchen, das ums Feuer hüpft. Dennoch werden vor allem Migränikerinnen unterdrückte (negative) Gefühle unterstellt, die für ihre Kopfschmerzen verantwortlich sein sollen. Die US-Essayistin Susan Sontag hat engagiert gegen solche Krankheitsmetaphern angeschrieben. Deutet man Krankheiten aus (wie es mit Krebs, aber auch mit Migräne geschehen ist), macht man letztlich die Erkrankten für ihr Leiden verantwortlich. Mich hat es daher einige Kraft gekostet zuzugeben: Ja, ich habe Migräne, und ja, sie ist in den vergangenen Jahren deutlich schlimmer geworden, wahrscheinlich chronisch. Und nein, sie ist kein Symptom für ein anderes Problem, sondern selbst das Problem. Das gilt es anzugehen.

Nur wie? Charly Gaul und mit ihm die Neurologie (Migräne zählt zu den neurologischen Leiden) wissen aus langjähriger Erfahrung, dass ein gleichmäßiger Lebensstil zur Besänftigung der inneren Migränefurie entscheidend beiträgt. Wer unter häufigen Attacken leidet, sagt Gaul, sollte für regelmäßigen Nachtschlaf sorgen, aber auch für Pausen am Tag; sie oder er sollte sich möglichst täglich bewegen, eine Entspannungstechnik lernen und diese regelmäßig anwenden.

Ernährungsempfehlungen gegen Kopfschmerzen hält Gaul dagegen für wenig hilfreich. Die Migräne lasse sich von einer bestimmten Diät

Woher also kommt dann dieser verdammte Schmerz?

Migräne hat ihren Ursprung im Gehirn (nicht im charmanten Darm,

Ich finde sie überzeugend. Dass Migränekopfschmerzen Entzündungsschmerzen sind, kann ich schließlich selbst spüren, wenn ich mir während eines Anfalls an Schläfe oder Nacken fasse: Dort pocht heiß das Blut. Bei mir hämmern die Kopfschmerzen mal auf der rechten, mal auf der linken Schädelseite, manchmal auch erst auf der einen und danach auf der anderen Seite. Es gibt auch beidseitige Migräneattacken. In diesem Stadium sollte man den Prozess aber bereits unterbunden haben, einmal, um den akuten Schmerzen zu entgehen, und dann, um das Gehirn von weiteren Schmerzattacken abzubringen. Ich nehme meistens 1000 Milligramm ASS oder ein Triptan ein. Auch ein anderes NSAR, also ein Nichtsteroidales Antirheumatikum wie Ibuprofen, wird von der medizinischen Leitlinie empfohlen. Welches Schmerzmedikament ich nehme, hängt von meinem Gefühl ab. Manchmal reicht auch ein Rückzug nach innen, dann schließe ich die Tür, blinzle durch halbgeöffnete Augen und atme. Meistens muss ich aber beides tun, ein Schmerzmittel einnehmen und mich von der Welt zurückziehen. Das Gehirn braucht jetzt dringend seine Ruhe. Ist die Migräne einmal in vollem Galopp, lässt sie sich nur noch schwer bremsen. Davon können alle Migräneleidenden berichten, die im Nachtschlaf von einer Attacke überfallen werden.

Frauen sind fast dreimal so häufig von Migräne betroffen wie

Lindern ist überhaupt das Stichwort bei der Migräneprophylaxe, die in

Im Alter, das ist die große Hoffnung der meisten Kopfschmerzleidenden,

Verzweifelte Gedanken sind übrigens ganz typisch für Migräne, die eine

Kopfschmerzen haben etwas Totalitäres, sie nehmen Körper und Seele gefangen. Das haben schon viele Migräneleidende von der Klosterfrau Hildegard bis zum Analytiker Sigmund Freud festgestellt – und trotz Kopfschmerzen Meisterwerke abgeliefert. Der Respekt gegenüber Menschen mit Migräne war hierzulande trotzdem nie so ausgeprägt wie zum Beispiel in den USA, wo Migraineurs sogar ein eigenes Zeitungsblog hatten: Siri Hustvedt, Jeff Tweedy und Oliver Sacks haben in der New York Times online abwechselnd über ihre Migräne geschrieben.

Was mir schließlich half, war eine sogenannte Antikörper-Behandlung. Die Antikörper,

Für den gesamten Zeitraum der Behandlung mit der Migräne-Spritze, die man sich selbst einmal im Monat mit einem Pin setzt, hatte ich keine Kopfschmerzen mehr. Nackenschmerzen, die üblichen Eintagsdepressionen und das Migränegesicht schon noch, aber sonst nichts. Das war für mich ein medizinisches Wunder und ermöglichte mir überdies das Schreiben eines Buches über Migräne (Der Migräne-Kompass, Heyne Verlag, 2021).

Natürlich habe ich gehofft, dass mein Gehirn sich nach dem

Was lässt sich noch sagen zur Migräne? Vielleicht, dass ich

Wie alle Migränikerinnen und Migräniker kenne ich das Elend der

Bei Kopfschmerzen und Migräne sollten Sie sich eine ärztliche, gegebenenfalls neurologische Praxis aufsuchen und sich bezüglich der Behandlung beraten lassen.

Fachliche Beratung: Dr. Stefanie Förderreuther, Oberärztin an der Neurologischen Klinik der LMU München, 1. Vizepräsidentin der DKMG; Dr. Ruth Ruscheweyh, Ärztin am Universitätsklinikum der LMU und Kopfschmerzspezialistin; Dr. Charly Gaul, Facharzt für Neurologie und Spezielle Schmerztherapie sowie Generalsekretär der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V.