Reise ins Ich

Ein Gentest verrät fast alles: Krankheiten, Gefahren, Zukunft. Unser Kollege Jan Heidtmann hat sich trotzdem getraut, eine Speichelprobe abzugeben.

Das also bin ich. GGGAGGGAAA, AGCCTGGCCC, AGAGCCCCAC, GCCCCCCGCC, CACGTGGCTC, TGCCCTCCCG. Und so weiter. 1237 Seiten lang, Zeile für Zeile eng bedruckt. Zumindest behaupten die Genetiker, dass ich das sei. Meine Entscheidungen, Handlungen, Vorlieben – reduziert auf reine Stofflichkeit, eine endlose Abfolge von Ziffern.

Was ich bisher über die Genforschung wusste, lässt sich in wenigen Zeilen zusammenfassen: Darwins Kampf aller gegen alle, die Spaltungsregel von Gregor Mendel und seinen Erbsen. Dann kam sehr lange erst mal nichts. Eigentlich bis zu Dolly und dieser seltsam transparenten Maus mit dem Ohr auf dem Rücken. Und natürlich Craig Venter, dem segelnden Amerikaner, der 2000 das menschliche Genom als Erster entschlüsselte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte damals in ihrem Feuilleton nichts als die letzte Sequenz des menschlichen Genoms gedruckt. Was noch hängen geblieben ist? Ein paar interessante Erkenntnisse über uns Menschen: Dass wir zwischen 25 000 und 40 000 verschiedenartige Gene besitzen. Dass dies ungefähr fünfmal so viele sind wie in der Bäckerhefe und nur ein Drittel mehr, als eine Fruchtfliege hat. Dabei können wir nicht einmal fliegen.

640 Euro kostet es, das eigene Erbgut untersuchen zu lassen. Zwei auf Gentechnologie spezialisierte Firmen bieten den Test weltweit im Internet an, »23andMe« mit Sitz in den USA und »Decode« aus Island. 23andMe, benannt nach der Anzahl der menschlichen Chromosomenpaare, wurde 2007 unter anderem mit Geld von Google gegründet; eine etwas fragwürdige Verbindung zwischen sehr privaten Daten und der größten Internet-Suchmaschine.

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Über Decode ist schon ein Krimi geschrieben worden. Er heißt Nordermoor, es geht um ein Unternehmen, das von Islands Hauptstadt Reykjavik aus viel Geld mit der Untersuchung von Erbgut verdient. In der Fiktion schreckt die Unternehmensführung dabei auch nicht vor einem Mord zurück, doch die Realität ist eigentlich noch unheimlicher: Vor einigen Jahren genehmigte das isländische Parlament Decode, ein Verzeichnis mit den Krankendaten der Isländer anzulegen. Das Unternehmen darf zwölf Jahre lang exklusiv mit den Patientendaten forschen.

Ich entscheide mich für Decode, weil das Unternehmen aus Europa kommt und ein paar Euro billiger ist. Mit einem Alias-Namen und einer eigens für den Test eingerichteten E-Mail-Adresse nehme ich Kontakt auf.

(Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite: "Der Test hat etwas von einem faustischen Pakt, der Quellcode meines Lebens gegen ein faszinierendes Versprechen: den Blick in die eigene Zukunft")

Nach einer Woche kommt ein kleines Paket, darin zwei Holzstäbchen, mit denen ich mir etwas Speichel aus dem Mund kratzen soll. Es ist die Heimversion des Spektakels, das sich immer dann in den Nachrichten beobachten lässt, wenn die Polizei auf der Suche nach einem Triebtäter ein ganzes Dorf zum Gentest bittet.

Drei Milliarden Bausteine hat die menschliche DNS insgesamt. Decode untersucht davon in drei bis vier Wochen eine Million besonders markanter Elemente. Aus einer Menge an Spucke, die nicht einmal ausgereicht hätte, um eine Briefmarke aufzukleben. Mein Alter, mein Geschlecht, das alles kennt Decode nicht.

Der Test hat etwas von einem faustischen Pakt, der Quellcode meines Lebens gegen ein faszinierendes Versprechen: den Blick in die eigene Zukunft, in die Kristallkugel, aber wissenschaftlich untermauert, unumstößlich. Tatsächlich hat fast jeder Mensch schon einmal eine Art Gentest angestellt. Denn die Frage, ob die Großmutter Krebs hatte oder der Vater einen Herzinfarkt, bedeutet nichts anderes als die Analyse des Erbguts. Diese Überlegungen ließen aber immer eine Hintertür offen, niemand ist eine vollständige Kopie seiner Ahnen.

Die Bestimmung des eigenen Genoms dagegen erscheint in einer fast religiösen Dimension absolut. Denn in den vergangenen Jahren konnte man durchaus den Eindruck bekommen, die Macht der Gene sei umfassend: Musikalität, Gewalttätigkeit, Sprinterqualitäten, Homosexualität, alles längst festgeschrieben in der eigenen DNA. Es ist die Digitalisierung unseres Schicksals. Dick? Ja – nein. Intelligent? Ja – nein. Raucher? Ja – nein. Älter als 50? Ja – nein. Widerstand scheint zwecklos.

Seriöse Humangenetiker sagen natürlich, das meiste davon sei Unsinn. Aber eben nicht alles. So kann der Hang zum Dickwerden tatsächlich in den Genen niedergelegt sein, auch Gewalttätigkeit ist offenbar erblich. Forscher um den amerikanischen Neurowissenschaftler Solomon Snyder haben in Tests bei Mäusen ein Gen zerstört, das die Kommunikation von Hirnzellen steuert. Die Tiere wurden wieder gemeinsam in einen Käfig gesetzt, am nächsten Morgen waren einige von ihnen tot. Die erstaunten Forscher installierten daraufhin Kameras in den Käfigen, die dokumentierten, dass sich die genveränderten männlichen Mäuse nachts bestialische Kämpfe lieferten.

(Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite: "Kurz zusammengefasst: Ich stamme von einem Mann ab, der vor ungefähr 15 000 Jahren als Jäger in Europa lebte, vermutlich auf dem Balkan")

Nun sind Mäuse Mäuse und keine Menschen, Würmer auch nicht. Aber beim Fadenwurm gelang es, die programmierte Lebensdauer von 21 Tagen durch Eingriffe in die Gene zu verdoppeln.

Nach drei Wochen kommt die Nachricht aus Reykjavik: »Wir sind erfreut, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass die Testergebnisse bereitliegen.« Auf der mit einem persönlichen Passwort geschützten Webseite kann ich nun etwas über meine Urahnen erfahren, meine Gene mit den Genen Prominenter und anderer Nationalitäten vergleichen und das Risiko ermitteln, an den unterschiedlichsten Leiden zu erkranken.

Kurz zusammengefasst: Ich stamme von einem Mann ab, der vor ungefähr 15 000 Jahren als Jäger in Europa lebte, vermutlich auf dem Balkan; ich habe mit dem Wissenschaftler Craig Venter, dessen Erbgut analysiert und im Internet verfügbar ist, genetisch ungefähr so viel gemein wie mit einem Kambodschaner: vergleichsweise wenig.

Es wurde meine Neigung zu Alzheimer, Asthma, Darm- und Lungenkrebs, multipler Sklerose, Arthritis und einer ganzer Zahl von Krankheiten untersucht, um deren Existenz ich nicht einmal wusste: die Degeneration einer Region des Auges, die zur Erblindung führen kann; das Restless-Legs-Syndrom, ein nicht zu bremsender Bewegungsdrang der Beine.

Beruhigend: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich an Asthma und Prostatakrebs erkranke oder fettsüchtig bin, liegt unterhalb des durchschnittlichen Risikos. Beunruhigend: Die Gefahr, Lungenkrebs zu bekommen, ist bei mir um drei Prozent höher als der Durchschnitt, bei Alzheimer sind es 3,5 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt zu erleiden, ist gar um 5,3 Prozent höher. Und jetzt?

Unter dem Menüpunkt »Kontakt« können sich die Kunden von Decode über E-Mail an einen der Experten dort wenden. Ich schreibe ihm, dass mich die Analyse beunruhigt, und frage nach der tatsächlichen Gefahr, Alzheimer, Lungenkrebs oder einen Herz-infarkt zu bekommen. Dann rufe ich meine Krankenkasse an.

Der Bundestag hat gerade die Kriterien für ein Gentest-Gesetz verabschiedet. Es geht darum festzulegen, wer in Zukunft Einblick in die Ergebnisse solcher Untersuchungen bekommen darf, die Abgeordneten sind sich einig, dass Arbeitgeber und Krankenversicherungen nicht dazugehören sollen.

Gleichzeitig erinnere ich mich an zwei Meldungen. Bei der einen ging es um einen Unternehmer in Ostdeutschland, der von seinen Mitarbeiterinnen jeden Monat einen Schwangerschaftstest verlangte. Auch das ist eigentlich verboten. Die andere Meldung handelte von einer Krankenversicherung in den USA. Die bot jedem Kunden, der einen Gentest vorlegt, maßgeschneiderte Beiträge an.

(Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite: "Ich bin Kassenpatient, und das kann auch ein Vorteil sein, wie ich nach dem Gentest erfahre")

Ich bin Kassenpatient, und das kann auch ein Vorteil sein, wie ich nun erfahre. Denn im Gegensatz zu den privaten Krankenkassen, die ihre Prämien nach dem Gesundheitszustand des Kunden kalkulieren, berechnen die staatlichen Kassen die Beiträge nach dem durchschnittlichen Zustand all ihrer Patienten. Das individuelle Risiko und damit auch ein Gentest sind für sie uninteressant.

Eine Woche später bekomme ich Antwort von Decode. Ich solle mir keine Sorgen wegen des Tests machen. Bei Alzheimer sei die Chance, nicht daran zu erkranken, immer noch höher, als daran zu erkranken. Was den Lungenkrebs angeht: »Das Wichtigste, um ihn zu verhindern, ist, nicht zu rauchen.« Mein Hausarzt meint: »Das hätte Ihnen auch meine dreijährige Tochter sagen können«, und empfiehlt, mich an eine genetische Beratungsstelle zu wenden.

Für die Gemeinde der Humangenetiker sind die Internettests das, was ein Laienprediger für die Kirche ist: mindestens »unseriös«, wie ihr Interessenverband schreibt. Und hätte Bernd Rautenstrauß nicht das ruhige Temperament eines Forschers, seine Kritik würde in einer gewaltigen Suada enden.

An der Universität Erlangen, wo er früher arbeitete, war Rautenstrauß an der Entschlüsselung eines Gens beteiligt, das eine Veranlagung zum Darmkrebs signalisieren kann. Heute gehört er zu den elf Ärzten und Wissenschaftlern des Medizinisch Genetischen Zentrums (MGZ) in München. Die Praxis wurde 2000 gegründet und analysiert im Auftrag von Ärzten und Kliniken Spucke, Blut, Haare und Haut der Patienten auf Veränderungen des Erbguts. Die Humangenetik ist der jüngste Zweig der Medizin, erst seit zehn Jahren kann man sich zum Facharzt ausbilden lassen.

Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms habe »einen enormen Schub gegeben«, sagt Rautenstrauß. Doch wie man nun feststelle, erklärten die Gene allein nur wenig. »Unsere DNS ist zu 98 Prozent identisch mit der eines Schimpansen. Aber der Unterschied zwischen uns und einem Affen kann nicht nur 2 Prozent betragen.« Daher untersuchen die Genforscher die Botenstoffe zwischen den Genen, sie haben offenbar erheblichen Anteil daran, wie wir tatsächlich sind. »Im Vergleich zu dem, was noch vor uns liegt, war die Entschlüsselung der DNS einfach«, sagt Rautenstrauß. »Das wird uns die nächsten 100 Jahre beschäftigen.«

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Gleichzeitig steigt das Interesse an Gentests. Waren es 2004 noch rund 210 000 Deutsche, deren Erbgut untersucht wurde, werden es in diesem Jahr ungefähr 500 000 sein; es wird geschätzt, dass sich die Anzahl der Tests alle drei Jahre verdoppelt. Nur, und hier beginnt die gemessene Suada von Bernd Rautenstrauß, werde das Erbgut nur dann untersucht, wenn es eine ärztliche Diagnose gibt. Oder sich in der Familie eines Patienten Erbkrankheiten häufen.

»So ein Schuss ins Blaue wie bei den Internettests, das Genom ohne Anhaltspunkte zu untersuchen, ist sehr fragwürdig«, meint Rautenstrauß. Die Verfahren seien unpräzise, weil sie vorgeben, die untersuchten Krankheiten hätten ihre Ursachen in der Veränderung nur eines Genes. Dabei wird Alzheimer oder multiple Sklerose meist durch Veränderungen mehrerer Bestandteile des Erbguts verursacht.

Das größte Problem aber sei die fehlende Beratung. »Was ist, wenn jemandem eine nur einprozentige Wahrscheinlichkeit attestiert wird, Lungenkrebs zu bekommen? Oder eine 60-prozentige? Die produzieren einerseits eine Scheinsicherheit, andererseits Panik.«

Zwei Wochen später treffen die Ergebnisse weiterer Untersuchungen ein. Decode hält mich wie versprochen immer auf dem neuesten Stand der Forschung. Ein neuer Test zeige, dass ich mit ziemlicher Sicherheit eine Glatze bekomme. Noch bevor ich 30 sein werde. Ich bin 42 und muss regelmäßig zum Friseur gehen.

Ich habe mein Schicksal wieder in der Hand.

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