Ein Wein, der den Kopf fordert

Immer mehr Menschen lieben Naturwein. Warum? Weil er so schmeckt, wie sich das Hinplumpsenlassen auf eine Sommerwiese anfühlt. Und 08/15-Chardonnay danach nur mehr schmeckt wie Weinschorle. 

Foto: Maurizio Di Iorio

Es ist ein bisschen so, als läge man im Sommer auf einer Wiese, vielleicht hat man sich hinplumpsen lassen, hat nicht genau geguckt, wohin, sich ausgestreckt und den Kopf abgelegt, einfach in der Wiese zwischen den Bäumen. Alles riecht hier. Aber die Gerüche kommen nicht aus der sicheren Ferne wie das Licht, sondern sie sind nah. Der Boden riecht nach feuchter Erde, nicht weit entfernt liegen Äpfel, nicht faul, aber gerade erst runtergefallen sind sie auch nicht. Es riecht nach Baumrinde, Gras und Ampfer, blühend, säuerlich und warm. Nach draußen im Sommer.

Es gibt Menschen, die machen aus diesem Geruch Wein. Und es gibt Menschen, die lieben diesen Naturwein. Warum? Ich glaube, weil er so schmeckt, wie sich das Hinplumpsenlassen anfühlt.

Der erste Naturwein, den ich wissentlich getrunken habe, heißt »Tacheles«. Er kommt von den Winzerbrüdern Weinreich und steht im Münchner Feinkostladen im Schlachthofviertel im Cidre-Regal. Er ist trüb, dunkelgelb, riecht exotischer als Apfel, mehr nach Aprikose, aber säuerlich. Ich hatte ihn zum Abendessen gekauft. Es gab Schinken, Salzbutter und Walnussbrot, Ziegenkäse, Maronencreme, Himbeeren und Schwarzbrot. Den Wein wollte ich dazu trinken, so wie ich ein Glas Chardonnay sonst zum Essen trinke. Aber ein Naturwein, habe ich gemerkt, eignet sich nicht als Zwischenschluck zwischen zwei Bissen komponierter Abendbrote. Er mag wie Cidre riechen, ist aber sehr viel komplexer, nicht zum Wegtrinken. Er ist ein eigener Bissen. Also Wasser zum Essen, und für den Wein später in Ruhe aufs Sofa.

Naturwein bedeutet auch: Das Etikett ist verspielt und oft gezeichnet, die Weine heißen nach sympathischen Tieren, etwa der Eule, und laut jeweiliger Webseite der Macher ist die Entstehungsgeschichte eigentlich immer die gleiche: Papa und Mama haben den Weinberg in der Pfalz oder an der Mosel bewirtschaftet, schon immer, dann kamen die Kinder voller Ideen irgendwoher zurück und machen jetzt am elterlichen Hang diesen Naturwein. Vater erst skeptisch, jetzt alle begeistert. Voilà. Gängiges Motiv: Winzerbrüder. So auch beim Weingut Brand aus Bockenheim, dessen Weine einem in Weinhandlungen als guter Einstiegsnaturwein empfohlen werden.

Fragt man den Chef-Sommelier des weltberühmten Res­taurants »Noma« in Kopenhagen, Mads Kleppe, erklärt der erst einmal die Naturweine des »Noma«. Nichts dran gemacht, nicht gefiltert, keine chemischen Substanzen im Einsatz, nicht mal Schwefel oder Enzyme. Er empfiehlt die Naturweine von Rita und Rudolf Trossen, langjährige »Noma«-Lieferanten aus Kinheim-Kindel. »Komplex, für viele zu anspruchsvoll«, sagt er. Das ist natürlich in Wahrheit eine Aufforderung.

Dann jetzt also der Riesling Schiefergold Purus von 2017 vom Weinbauerpaar Trossen. Ziemlich klar, bisschen gelber als ein üblicher Weißwein, riecht alkoholisch, süß, nach reifer Quitte. Schmeckt. Fordert wirklich auch den Kopf. Ein Ein-Glas-Wein. Die Beschreibung ist schwierig, leichter über die Abgrenzung: Führt man das nächste Mal einen Minibar-Chardonnay zum Mund, schmeckt der wie Weinschorle.

Sich hinplumpsen zu lassen ist etwas anderes als auf einem Stuhl zu sitzen. Am Ende sitzt man auch, aber das Landen ist spannender – und man ist der Erde näher.