Von Gläsern und Gleichberechtigung

Trinkende Männer gelten als cool, trinkende Frauen hingegen entweder als arme Alkoholikerin oder beschwipste Aufgedrehte. Unsere Autorin hat nun endlich einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden.

Foto: Maurizio di Iorio

Einer der vielen Unterschiede, die es zwischen Männern und Frauen dann ja doch gibt, ist, dass Frauen keine Vorbilder haben, was das Trinken betrifft. Männer trinken mit jedem Glas Alkohol eine ganze Galerie an Identifikationsfiguren mit.

Allein die Filme und Serien, in denen trinkende Männer vorkommen: Sie handeln von Menschen mit großer Verantwortung, die zum Whiskeytumbler greifen wie der New Yorker Werber Don Draper in der Serie Mad Men. Oder die sich einen Martini reichen lassen wie James Bond, bevor er die Welt rettet. Man sieht klare, ruhende Flüssigkeiten, jedes Glas ein Accessoire zum Seelenzustand dieser Männer.

Das Bild der trinkenden Frau beschränkt sich hingegen auf die arme Alkoholikerin oder die beschwipste Aufgedrehte. Wenn Frauen in Filmen und Serien trinken, dann sprudelnde Flüssigkeiten oder pastellfarbene Cocktails, die so albern sind wie das Wort »Mädelsabend«. Meistens sitzen sie kichernd zusammen und reden über Schuhe und Sex.

Ich selbst war bislang auch eher ein Anti-Vorbild. Das einzige Mal, dass ich als trinkende Frau Grenzen ausgelotet habe, war, als ich meine Kinder auf dem Spielplatz kurzzeitig in der Obhut einer anderen Mutter ließ, um mir beim Spätkauf ein Radler zu holen. Die Frau sah mich an, als wäre ich dem Film Bildnis einer Trinkerin entstiegen.

Wo ist der Film, in dem zwei Frauen abends am Tresen schweigend in die dunklen Flüssigkeiten vor sich starren, in denen sich die tiefen Wasser ihrer Seelen spiegeln? Nach einer langen Pause sagt Frau 1: »Cheers.« Darauf Frau 2: »Also was jetzt, wollen wir trinken oder reden?« Und alle Zuschauerinnen finden sie cool, imitieren ihre Haltung am Tresen, den lässigen Überschlag der Beine, ihren Blick, wenn sie den ersten Schluck die Kehle hinunterrinnen lassen. Ich kann sie sehen. Aber nur in meinem Kopf.

Frauen und das Dunkle, darum geht es doch eigentlich. Denn einsame Frauen oder zwei, die nicht sprechen, und ein Becher Schwermut, das macht Angst. Ein Mann und ein Glas Schwermut, so fängt eine gute Geschichte an, auch ein echter Abend, und am Ende steht die beste Party des Lebens, die große Liebe oder ein Agentenaustausch. Vielleicht ist es das: Wenn eine Frau schwermütig ist, endet ihr Abend an der Bar nicht im Guten, sondern in einem Leben als Katzenfrau oder Tatort-Kommissarin. Ein Drink ist in einem Frauenleben kein Auftakt, sondern der Anfang vom Ende.

Deswegen können sich Männer mal ein Getränk »genehmigen«, gern bitter und schwer, sie können damit umgehen. Frauen hingegen genehmigt die Welt nur einen Schwips, der ist süß und fröhlich, und man kann sich sicher sein, dass sie davon am nächsten Tag nicht ausfallen. Der Schwips ist der Rausch für die Stützen des Systems. Mit Schwips kann man noch die Küche aufräumen.

Wahrscheinlich müssen trinkende Frauen ihre Rolle erst finden. Zu mir kam sie neulich beiläufig. Es war ein Kindergeburtstag. Irgendwann, die anderen Eltern waren zum Abholen gekommen und hatten sich kurz hingesetzt, habe ich eine Flasche Crémant aufgemacht, allen eingeschenkt und unter Geschrei aus dem Kinderzimmer die Gesichtszüge entspannt. Schon nach zwei Gläsern ist man angenehm beschwingt, um nicht beschwipst zu schreiben, und kann sich wie diese Französinnen aus den Filmen fühlen, die ja angeblich alles unter einen Hut kriegen, Karriere, Kinder, kapriziöses Auftreten. Und daneben auch noch superintellektuell sind und spitzenmäßig aussehen. Nur trinken tun sie in den Filmen leider nicht.