»Die Ökoarchitektur kann viel vom Bauhaus lernen«

Hausbau und Umweltbewusstsein – das müsste längst völlig selbstverständlich zusammengehören. Aber von wegen. Der Wissenschaftshistoriker Peder Anker könnte glatt verzweifeln, doch zum Glück weiß er um den Vorbildcharakter der Bauhaus-Architektur.

(Im Bild: Der Gebäudekomplex "Biosphäre" in Arizona simulierte ein geschlossenes Ökosystem und hatte bedeutenden Einfluss auf die Ökoarchitektur)

SZ-Magazin: Herr Anker, in Ihrem neuen Buch behaupten Sie, das Bauhaus sei der Ursprung ökologischen Bauens. Das hätten wir so jetzt nicht erwartet.
Peder Anker: Das Bauhaus wollte Kunst und Wissenschaft vereinen. Alle Bauhaus-Meister ließen sich bei ihren architektonischen Projekten von Mathematik und Physik inspirieren, aber eben auch von Biologie, Ökologie und Psychologie. Als das Bauhaus 1935 nach London umzog, trafen Walter Gropius und László Moholy-Nagy dort auf führende Biologen und Ökologen ihrer Zeit wie Julian Huxley, H. D. Wells, Max Nicholson. Das blieb nicht ohne Folgen. Was war das Ökologische an der Bauhaus-Architektur?
Die kompakte Bauweise, die wenig raumgreifend war und so kaum in die Landschaft eingriff. Die Ökologen von damals bewunderten das Luftige, das Helle, das Saubere der Bauhaus-Architektur, weil es für sie ein gesundes Ambiente darstellte, das dem Wohl der Bewohner zugutekam. London hatte mit Smog zu kämpfen, mit Krankheiten wie Tbc, Asthma, es gab Slums, es stand noch das Überleben der Spezies Mensch auf dem Spiel. Das gilt heute zwar umso mehr, doch nur wenige, die sich Sorgen machen wegen der Erderwärmung, haben dabei unbedingt den Menschen im Sinn. Da hat sich was verändert zu damals.

Gerade Linien, weiße Wände, standardisierte Möbel – man kann diese Ästhetik auch funktionalistisch, ja kühl nennen.
Das ist eben nur die eine Seite der Wahrheit. Das Bauhaus war auch sehr humanistisch, ja geradezu romantisch. Es hatte immer den ganzen Menschen im Blick. Die Bauhaus-Meister interessierten sich nicht nur für die Technik der industriellen Fertigung, sondern eben auch für Sigmund Freud, für Bio-logie. Moholy-Nagy machte einen Film über Hummer, dessen Schalenpanzer er als architektonisches Vorbild empfahl. Außerdem war er besessen von den Ideen des Biologen Raoul H. France und dessen Buch Die Pflanze als Erfinder aus dem Jahre 1920.

Gibt es Beispiele, wo das zur Anwendung kam?
Moholy-Nagy war ja selbst kein Architekt, aber nehmen Sie den Pinguin-Pool im Londoner Zoo mit seinen geschwungenen Rampen oder den runden Balkon, ein Markenzeichen des späteren Bauhauses – sehen sie nicht ein wenig aus wie die Entsprechung von Blättern in der Architektur?

Wann kam das Umweltbewusstsein ins Spiel?
Es lässt sich in der Architektur bis in die Antike zurückverfolgen. Der Gedanke aber, dass Bauten dem Wohl von Mensch und Natur dienen sollten, wurde im späten Bauhaus zum ersten Mal zum Prinzip erhoben. Als Gropius 1937 in Harvard lehrte, galt sein Hauptaugenmerk der Zersiedelung, die er geißelte. Auch Moholy-Nagy wandelte sich später in Chicago zum Umweltaktivisten, der von grünen Großstädten träumte.

Es führt also eine Linie vom Bauhaus zur Ökoarchitektur von heute?

In gewisser Weise ja. Verloren ging allerdings der humanistische Ansatz des Bauhauses, der immer von der Würde des Menschen ausging. Die heutige Ökoarchitektur verfolgt einen sehr engstirnigen technologischen Standpunkt: Wie viel CO2 kann das Haus sparen? Kann es selbst Energie erzeugen? Die Frage aber, wie sich ein solches Gebäude in die Umgebung, in die Gemeinde einfügt, ob es schön ist, oder Menschen sich darin wohlfühlen, wird kaum gestellt. Nehmen Sie zum Beispiel den Potsdamer Platz, den Renzo Piano nach ökologischen Maßstäben entworfen hat.

Er gilt als ökologisch korrektes Vorzeigeobjekt.
Eben. Da gibt es den Piano-See für das Mikroklima, einen kleinen Platz für Vögel, Rasenflächen, umweltgerechte Baustoffe, begrünte Dachflächen, um das Regenwasser aufzufangen. All das geschah in guter Absicht, doch der Potsdamer Platz hat ein Ziel verfehlt – er ist kein kommunikativer Ort. Bei all der Sorge ums Habitat, das Mikroklima und den CO2-Ausstoß hat man vergessen, dass Architektur auch dem Menschen dienen muss. Man kann den Fluss nicht überqueren, man kann sich nirgends hinsetzen, der Platz bleibt abweisend.

Lesen Sie auf der nächsten Seite wie die Idee des autonomen Hauses geboren wurde.

Warum ist der humanistische Ansatz in der Umweltdebatte verloren gegangen?
Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Umweltdiskussion begann nicht in den Siebzigerjahren, wie viele denken – ihre Wurzeln reichen zurück bis in die Zeit des Kolonialismus. In den Kolonien war ökologisches Denken überlebenswichtig. Man musste sich in fremdem Terrain zurechtfinden, effizient Landwirtschaft betreiben. Mit dem Ende des Kolonialismus kehrten die Chefökologen zurück nach England. Viele wurden Professoren an Hochschulen und bildeten die erste Generation von Umweltschützern aus. Das Managerdenken vieler Umweltaktivisten, die Idee, mit den richtigen Techniken und der richtigen Organisation könne man alle Probleme in den Griff bekommen, hat hier seinen Ursprung.

So ein Denken muss ja nicht nur schlecht sein.
Schon, aber hinzu kam eine technokratische Ideologie in der Architektur. Es begann in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als man Häuser bauen wollte, die ihre Umwelt nicht beeinträchtigen sollten, weder lokal noch global. Die Idee des autonomen Hauses wurde geboren. Häuser wurden nun als geschlossenes Ökosystem betrachtet, in dem alles recycelt wird: das Wasser, die Luft, die Energie; die Inspiration kam von der Raumfahrt. Und nicht nur die Inspiration.

Was haben denn Raumfahrt und Ökoarchitektur miteinander zu tun?
Die NASA gab in den Fünfziger- und Sechzigerjahren enorme Summen für ökologische Forschung aus. Man wollte ja die bemannte Raumfahrt vorantreiben, und dafür brauchte man Raumschiffe, die sich selbst versorgen können. Die Ökologen jener Zeit entwickelten das Konzept des geschlossenen Ökosystems. Dieses Konzept wurde in den Siebzigern zum Trend ökologischen Bauens. Häuser wurden zu Maschinen, mit technologischen Raffinessen oder Sonnensegeln auf dem Dach. Sie waren allesamt potthässlich, und den Architekten war das egal.

Ist Ästhetik wirklich eine wichtige Kategorie, wenn es um den Klimawandel geht?
Unbedingt. Der Begriff Umwelt hat ja zwei Seiten: Da ist zum einen das Klima. Aber eben auch die Landschaft um das Haus, die Hügel, der Wald, die Vorstadt, und wie sich ein Haus da einfügt. Dieser lokale Aspekt des »Umweltschutzes« wird viel zu oft ignoriert.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Lasst uns diese technischen Errungenschaften nutzen und daraus gute Architektur machen! Erst dann beginnt ökologisches Bauen interessant zu werden. Ein Beispiel ist Österreich, wo es eine ganze Reihe von tollen Gebäuden gibt, die einen neuen Weg zeigen. Die Ökoarchitektur kann noch viel vom Bauhaus lernen.

Das Ökohaus auf der grünen Wiese – ist das nicht ein Widerspruch in sich?
Da ist was dran. Viele Ökohäuser befinden sich abseits der Städte, an entlegenen pittoresken Orten, erbaut von reichen Leuten. Sie fahren dann mit ihrem SUV dreimal die Woche 60 Kilometer zum Einkaufen in die Stadt. Und produzieren so einen CO2-Ausstoß, der dem von fünf Altbauhäusern entspricht.

Aber irgendwer muss ja den Anfang machen.

Das ist wahr, und gegen Ökohäuser an sich zu sein wäre zynisch. Doch das viel größere Problem sind die Millionen von Altbauten mit ihrem ungeheuren Energieverbrauch. Aber das ist ja architektonisch langweilig: alte Häuser auf Vordermann bringen. Damit kann man als Architekt kein Prestige gewinnen. Überhaupt: Ist es nicht vielleicht ökologisch korrekter, in einem kleinen Stadtapartment zu leben, als eine neue große Ökovilla auf dem Lande zu bauen? Wer also was fürs Klima tun will, muss erst mal bei seinem Lifestyle anfangen, nicht unbedingt bei seinen vier Wänden.

Hat die Architektur heute ihren moralischen Anspruch verloren?
Die Stararchitektur in den Neunzigerjahren war selbst-bezogen und zynisch. Rem Koolhaas war für mich der Albert Speer Chinas. Diese Ära geht zu Ende. Ethik und soziales Gewissen müssen endlich zurückkehren.

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