Gegen den Strom

Ob beim Telefonieren, Kochen oder Fußballschauen - fast immer verbrauchen wir Energie. Aber was machen wir, wenn sie zu teuer wird? Unser Kollege hat versucht, eine Woche ohne Elektrizität zu leben.

Mitternacht. Ich drehe die Sicherung heraus, meine Wohnung liegt im Dunkeln. Während der Kühlschrank röchelt und dann verstummt, schalte ich die Sicherungen für Boiler, Herd und Spülmaschine aus. Eine Woche lang, von Montag bis Sonntag, will ich versuchen, ohne Strom und fossile Brennstoffe zu leben.

Das bedeutet: Kein elektrisches Licht. Kein Computer, Fernseher, Telefon. Kein warmes Wasser. Keine Benutzung von Auto, Bus oder U-Bahn. Keine Einkäufe in hell erleuchteten Läden, möglichst keine energieaufwändig hergestellten und nach München transportierten Lebensmittel essen. Trotzdem will ich versuchen, so normal wie möglich zu leben: Ich werde im Büro arbeiten und am Wochenende in die Berge fahren. Vielleicht werden manche sagen, es wäre spannender, dieses Experiment im Winter zu starten, wenn es richtig kalt ist. Und nicht nur eine Woche, sondern einen Monat lang. Vielleicht.

Aber ich bitte um Verständnis, dass ich weder erfrieren noch verhungern möchte. Die kalte Dusche am Montagmorgen ist auch so schon ungemütlich genug. Ich darf duschen, weil das Münchner Wasser aus den Alpen und deshalb mit natürlichem Druck aus der Leitung kommt, ganz ohne Pumpstrom. In Berlin müsste ich mein Wasser am Brunnen holen oder aus der Spree, wie zu Zeiten des Alten Fritz.

Dann der nächste Schreck: Kaffee darf ich ja auch keinen kochen! Müde schwinge ich mich aufs Fahrrad und radle zehn Kilometer ins Büro, im Kopf das Bild einer dampfenden Tasse Kaffee.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Einfach den Stecker rein und Strom verbrauchen, bis der Zähler glüht, das wird es dann nur noch für Reiche geben.)

(Tipps vom Autor für ein Leben ohne Storm)

Am Arbeitsplatz geht meine Hand reflexartig zum Anschaltknopf des Computers. Gerade noch rechtzeitig merke ich es. Ich schalte den Anrufbeantworter am Telefon ein. Nun könnte eine ruhige, konzentrierte Stimmung im Büro Einzug halten, wären da nicht die Kollegen, die mich bestaunen wie ein Tier im Zoo. »Warum machst du das noch mal?«, fragt G. und wedelt mit seinem Kaffeebecher.

Ja, warum eigentlich? Dieses Experiment ist in die Zukunft gerichtet: Zwar wird wohl auch in zwanzig Jahren noch Strom aus der Steckdose kommen, doch dürften sich unsere Nutzungsgewohnheiten aufgrund steigender Preise und höherer Anforderungen an den Klimaschutz radikal ändern; einfach den Stecker rein und Strom verbrauchen, bis der Zähler glüht, das wird es dann nur noch für Reiche geben.

Ob wir unsere Energie in Zukunft mit Kohle, Windrädern oder der verdammten Kernspaltung erzeugen, hängt dabei von politischen Entscheidungen ab, die jetzt getroffen werden; sicher aber ist, dass derjenige eine mögliche Energiekrise am besten meistert, der am wenigsten Strom verbraucht.

Gleichzeitig leben schon heute nicht nur Journalisten oder zivilisationsmüde Waldmenschen ohne Strom: Nach Recherchen des Bundes der Energieverbraucher wird pro Jahr 800 000 Haushalten – meist vorübergehend – der Saft abgedreht, wegen unbezahlter Rechnungen.

Um mir etwas zu essen zu kaufen, gehe ich während der ersten Mittagspause meiner stromfreien Woche über den Viktualienmarkt und muss feststellen, dass selbst unbeleuchtete Stände zumindest eine elektrische Kasse haben. Und natürlich sind die Lebensmittel an den Marktständen nicht mitten in München geerntet, sondern mit Schiffen, Flugzeugen und Lastern herangekarrt worden.

Die Ernährung, das wird mir klar, dürfte in dieser Woche mein größtes Problem sein. Ich kaufe ein Kilo Karotten, die muss ich wenigstens nicht kochen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Am Dienstag muss ich einen Text schreiben und nehme meinen alten Füller mit ins Büro sowie ein Fässchen königsblaue Tinte.)

Als ich abends nach Hause radle, habe ich die rettende Idee: Selbst gepflückte Erdbeeren! Nur so kann ich mich momentan stromfrei verpflegen. In der Nähe meiner Wohnung gibt es tatsächlich ein Erdbeerfeld. Doch schon von Weitem erscheint die Anlage verdächtig leer. An der Holzbude steht: »Am Montag wegen Nachreife geschlossen.«

Sehnsüchtig schaue ich über den Zaun, wo an den Stauden die knallroten Erdbeeren hängen. Weil ich zwar auf Strom verzichten, nicht aber kriminell werden will, bleibt mir nichts als abends im Kerzenschein Karotten zu mümmeln.

Am Dienstag muss ich einen Text schreiben und nehme meinen alten Füller mit ins Büro sowie ein Fässchen königsblaue Tinte. Nostalgie pur: Mit demselben Füller schrieb ich vor zwanzig Jahren meine ersten Artikel für eine Berliner Stadtzeitschrift.

Nachdem ich die eingetrocknete Feder ausgespült habe, schreibe ich den ganzen Tag, so konzentriert wie schon lang nicht mehr. Keine E-Mails, die ich beantworten muss, keine Anrufe, kein Stöbern im Internet. Ich fühle mich wie Proust in seinem Korkzimmer. Wenn bloß dieser Kaffeedurst nicht wäre!

Am Nachmittag überkommt mich eine unerklärliche Schlappheit, als seien nicht nur meine Maschinen davon abhängig, dass sie aus der Steckdose Energie bekommen, sondern auch ich selbst. Nach der Arbeit radle ich erneut zum Erdbeerfeld. In einer halben Stunde ernte ich ein Kilo Erdbeeren – und esse wohl dieselbe Menge direkt vom Strauch.

Als Kind war ich manchmal mit meinen Eltern beim Erdbeerpflücken und mir fällt wieder ein, wie gern ich damals Erdbeeren gegessen habe. Im Laufe der Jahre schien mir dieses Wissen abhanden gekommen zu sein.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ich kaufe einen Fünf-Kilo-Sack Kartoffeln, klemme ihn auf den Gepäckträger und fahre zurück.)

Am Abend mache ich: nichts. Als die Dämmerung einsetzt, lege ich mich aufs Sofa und lasse mich von der Dunkelheit umarmen. Ich schaue aus dem Fenster, lausche dem Vogelgezwitscher, stecke ab und zu eine Erdbeere in den Mund. Eine wunderbar friedliche Stunde, und mir wird bewusst, dass ich tatsächlich noch nie einen solchen Abend verbracht habe, weil ich immerzu beschäftigt bin.

Warum eigentlich? Am Mittwoch steige ich morgens um kurz nach sieben aufs Rad und fahre nach Buchendorf bei Gauting im Landkreis Starnberg, wo man auf einem Feld selbst Gemüse ernten kann. Im Forstenrieder Park hoppelt plötzlich ein Hase neben dem Weg entlang, aus dem Wald heraus blicke ich auf eine Bilderbuchkulisse: Getreideähren, die sich in einer sanften Brise wiegen, ein Kirchturm, die roten Dächer von Buchendorf.

Spielende Kinder zeigen mir den Weg zum Acker, doch Bohnen, Erbsen und Gurken sind leider noch nicht reif. Ich kaufe einen Fünf-Kilo-Sack Kartoffeln, klemme ihn auf den Gepäckträger und fahre zurück. Nach einer Radtour von 35 Kilometern komme ich um fünf vor zehn im Büro an – erschöpft, aber euphorisiert.

Kartoffeln habe ich, nun muss ich nur noch irgendwo Feuer machen, um sie zu kochen. Am Nachmittag ist mein Manuskript fertig. Aber wer tippt es ab? Eine Kollegin erbarmt sich schließlich, leicht genervt. Auch bei anderen Mitarbeitern entdecke ich erste Anzeichen von Verdruss darüber, dass ich nirgendwo anrufen kann und auf Mails nicht reagiere. Es ist ein Affront, nicht erreichbar zu sein.

Abends ziehe ich einen Brief meiner Eltern aus dem Kasten, die fürchten, dass ich bei meinem Experiment bis auf die Knochen abmagere. Meine Mutter berichtet, wie sie einst bei dem Versuch scheiterte, in der Sonne getrocknete Teigfladen herzustellen, mein Vater empfiehlt den Verzehr von Trockenfisch. Man müsse nur, so habe es ihm vor Jahrzehnten ein norwegischer Freund eingeschärft, die Würmer rausklopfen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ohne Strom lebt man aktiver, wie meine morgendlichen Radtouren zeigen, man freut sich über Kleinigkeiten wie das Ende des Regengusses.)

Donnerstagfrüh werde ich um halb sechs von Donnergrollen geweckt, Regen prasselt an die Fensterscheibe. Bisher hatte ich Glück mit dem Wetter, nun scheint mir eine nasse Tour ins Büro bevorzustehen. Doch kurz bevor ich losfahren muss, hört der Regen auf. Ich lache und juchze vor Freude.

An diesem trüben Tag ist es im Büro unangenehm duster. Ich muss die Augen zusammenkneifen, als ich in Eric Brendes Erfahrungsbericht Better Off lese, der Bibel der Stromverweigerer. Der amerikanische Autor lebte für anderthalb Jahre in einer Amish-Gemeinde irgendwo im Hinterland der USA, wo Elektrizität und Motoren aus weltanschaulichen Gründen verboten sind.

Trotz vieler Probleme zog er schon früh das Fazit, dass »eine Welt ohne moderne Technik keineswegs härter sein muss. Sie kann auch leichter sein. Und mehr Spaß machen. «Einiges von dem, was Brende schreibt, kann ich bestätigen: Ohne Strom lebt man aktiver, wie meine morgendlichen Radtouren zeigen, man freut sich über Kleinigkeiten wie das Ende des Regengusses, die man sonst nicht weiter beachtet hätte.

Eine andere These von Brende besagt, dass weniger Technik zu einem intensiveren Sozialleben führe, da man nun darauf angewiesen sei, seine Mitmenschen persönlich zu treffen, von Angesicht zu Angesicht. Für die Amish-Gemeinden mag das stimmen, ich hingegen habe das Gefühl, ohne Strom zu vereinsamen, da ich die hell erleuchteten Gaststätten, in denen meine Freunde zusammensitzen, nicht betrete.

Zumindest führt die Stromlosigkeit aber zu einer neuen Form des beruflichen Kontakts. Um 15 Uhr stehe ich im Hof des Hauses, in dem Axel Hacke sein Büro hat: »Herr Hacke, Herr Hacke«!, brülle ich. Keine Reaktion. Als zwei Bauarbeiter das Treppenhaus verlassen, schlüpfe ich hinein und klopfe kurz darauf an Hackes Tür.

Er öffnet, die neue Kolumne liegt bereits ausgedruckt auf dem Tisch. Texte bei Autoren abzuholen, statt sie gemailt zu bekommen, an diese Neuerung könnte ich mich gewöhnen.

Freitagmittag ist es so weit: Ich koche! Um kurz nach eins feuere ich einen alten Grill an, der auf dem Balkon an der Rückseite unseres Bürogebäudes steht. Ich setze Wasser auf, lege Kartoffeln und Karotten hinein, extra dünn geschnitten. An den Fenstern versammeln sich Kollegen und zeigen mit dem Finger auf mich. Jemand macht Fotos mit dem Handy.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ich will nach Schleching im Chiemgau fahren, ins Ferienhaus unserer Familie. Bis dort sind es 128 Kilometer.)

Ich blase in die Glut, bis mir schwindlig wird. Obwohl die Kohlen glühen, ist das Wasser nach einer halben Stunde gerade mal lauwarm. Ich blase weiter, doch erst um halb drei, nach fast anderthalb Stunden, sind die Kartoffeln gar. Wenigstens hat sich das Warten gelohnt: Das primitive Gericht, von unserer Schlussredakteurin mit einer Prise Salz verfeinert, schmeckt ganz ausgezeichnet.

Als ich abends nach Hause komme, brutzeln meine Nachbarn bereits Würstchen auf ihrem Grill. Ich erzähle ihnen von meinem Experiment, stromfrei zu leben, und werde prompt eingeladen. Zweimal warmes Essen, was für ein Luxus. Dann verschwindet der Nachbar in dem kleinen Gewächshaus, das er kürzlich aufgestellt hat, kommt mit zwei Zucchini zurück und schenkt sie mir. »Ganz ohne Strom gezogen«, sagt er stolz.

Am Samstag steige ich um zehn vor sieben aufs Rad. Ich will nach Schleching im Chiemgau fahren, ins Ferienhaus unserer Familie. Bis dort sind es 128 Kilometer und mir ist anfangs etwas bang ob der langen Strecke, doch als ich kurz vor Otterfing erstmals die Berge sehe, setzt das ungeahnte Kräfte frei. Um zehn bin ich bereits in Miesbach, von Niklasreuth kann ich hinüber auf den Irschenberg schauen, wo die Autos – natürlich – gerade im Stau stehen.

Meine Schadenfreude paart sich mit der Hochstimmung, die die Anstrengung ausgelöst hat, und ich sause mit 48 km/h bergab.
Um halb zwei raste ich am Chiemsee, um vier bin ich in Schleching. Mein Onkel hat bereits den mit Holz zu befeuernden Badeofen angeheizt und ich kann warm duschen.

Einige Verwandte sind da, abends schüren wir alle zusammen den alten Herd ein, der hier seit je in der Küche steht, kochen die Kartoffeln vom Buchendorfer Acker und die Zucchini von meinem Nachbarn, braten Schnitzel, die ich in einem Hofladen gekauft habe. Abgesehen davon, dass es in der Küche wahnsinnig heiß wird, funktioniert alles ganz hervorragend.

Trotzdem merke ich, wie mein Elan, stromfrei zu leben, am siebten und letzten Tag schwindet. Soll ich wirklich den ganzen Weg zurück nach München radeln? Die gestrige Tour steckt mir noch in den Knochen und ich fahre mit dem Zug. So befriedigend es auch ist, den Stromverbrauch einzuschränken – ich bin erleichtert, weiterhin wählen und mir den Strom leisten zu können – auch die Bahnfahrkarte von Übersee nach München.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wann ich in dieser Woche sonst noch geschummelt habe, überlege ich während der Zugfahrt.)

Wann ich in dieser Woche sonst noch geschummelt habe, überlege ich während der Zugfahrt. Zum Beispiel bei der Kleidung, die ich schon die Woche zuvor in der Maschine gewaschen und nun einfach aus dem Schrank genommen habe. Beim Essen, trotz großer Mühen, hier konsequent zu sein.

Morgens, bei der Lektüre der SZ, denn unsere Zeitung wird schließlich nicht vom Chefredakteur aus dem Hut gezaubert. Trotzdem war mein Stromverbrauch ausgesprochen gering, womit ich die Atmosphäre vor jenen rund hundert Kilogramm CO2 bewahrt habe, die ich normalerweise in einer durchschnittlichen Sommerwoche produziere.

Auch wenn ich mich darauf freue, nun wieder Licht zu machen, Kaffee zu trinken und Schallplatten zu hören: Die Woche ohne Strom fiel mir leichter als erwartet; und sie hat mir neben manchen Unannehmlichkeiten auch einige kostbare Momente beschert, die ich sonst, gefangen im Alltagstrott, wohl nie erlebt hätte.

Eigentlich will ich die Sicherungen erst um Mitternacht wieder reindrehen, nach genau sieben Tagen. Doch schon dreieinhalb Stunden vorher, um halb neun am Sonntag, kann ich mich nicht länger beherrschen und schalte den Fernseher an. Manchmal ist es nicht nur nötig, sondern gut und richtig, Strom zu verbrauchen: Gleich beginnt das Finale der Fußball-EM.

Hier die Tipps, wie es sich ohne Strom überleben lässt.

(Illustrationen: Steffen Mackert)

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