Konkurrenz auf Wolke 7

Die Schlagersängerin Wolkenfrei wird als Thronfolgerin von Helene Fischer gehandelt. Dabei ist sie die Schwiegertochter in spe von deren einzig echter Konkurrentin. Entstehen gerade zwei rivalisierende Schlager-Clans?

Doch, das kann sich sehen lassen: Platz 1 in den Schlager-Albumcharts, in den Party-Schlager-Charts, in der DJ-Hitparade und in der DJ Top 100 National (deren genaue Erhebung allerdings etwas unseriös klingt: »Ermittelt von zahlreichen Discjockeys«). Trotzdem steht fest: Auf Wolkenfrei können sich gerade sehr viele Menschen einigen. Sogar in den regulären Albumcharts liegt Wolkenfreis aktuelles Album auf Platz 8.

Hinter Wolkenfrei steckt eine gewisse Vanessa Mai. Logisch, dass die nun in jeder Boulevard-Sendung als »die neue Helene Fischer« gepriesen wird. Bevor wir darauf genauer eingehen, kurz zur Musik: Die Hit-Single heißt Wolke 7, und dass ein Act namens Wolkenfrei ausgerechnet über eine Wolke singt, ist eigentlich schon das Interessanteste daran. Sehr erwartbar daddelt eine Trance-Orgel, die bügelfreie Stimme von Vanessa Mai erklärt, dass sie »heute Nacht ans Limit gehen« will, weil: »wir sind jung, verrückt und frei«. Billig, klar. Lächerlich, klar. Aber wer der Schlagerwelt mit solchen Vorwürfen kommt, kann sich auch gleich über den Zuckergehalt von Fruchtzwergen aufregen.

Interessanter ist, wie die Sängerin mit dem netten Lächeln und der Schauma-Frisur mit dem Etikett »neue Helene Fischer« umgeht: Sie lehnt es in allen Interviews gekonnt bescheiden ab. Große Ehre und so, aber natürlich ein völlig größenwahnsinniger Vergleich! Sie sei ja sogar - haha! - selbst ein riesiger Fischer-Fan!

Wenn man will, kann man das natürlich glauben. Man kann aber auch feststellen: In fast jeder der Hitparaden, die Vanessa Mai gerade anführt, hat sie Helene Fischer von der Eins verdrängt. Sie hat also, ob sie es zugibt oder nicht, Fischer ein Stück weit ersetzt. Was keine schlechte Leistung ist, wenn man bedenkt, dass das Fischer-Album Farbenspiel 2013 das meistverkaufte des Jahres war. Und 2014 gleich noch mal, das ist seit den Siebzigern nicht mehr passiert. Nur in einer Kategorie hat Helene Fischer mit ihrem Album keinen Rekord aufgestellt: Am längsten in den deutschen Top 100 stand nicht sie, sondern bis heute das Best Of von Schlagerkollegin Andrea Berg (347 Wochen). Die 49-Jährige Berg ist also bislang die einzig echte Konkurrentin von Fischer.

Und was hat das mit Vanessa Mai zu tun? Nun, sie ist mit dem Stiefsohn von Andrea Berg zusammen. Berg betreibt mit ihrem Mann im schwäbischen Rems-Murr-Kreis das Hotel Sonnenhof. Dort gibt es einen Konzertsaal, dort wurde Vanessa Mai entdeckt, dort hat sie auch ihren Freund kennengelernt. Sie mag also ein Riesenfan von Helene Fischer sein - sie ist aber auch die Quasi-Schwiegertochter von deren Konkurrentin. Und jetzt auch selbst gut im Geschäft.

Das scheint in der Branche ein Erfolgsmodell zu sein: der gutvernetzte Lebensgefährte aus der Provinz, die Familie als Schlager-Komplettpaket. Helene Fischer lebt es mit ihrem Partner Florian Silbereisen ganz ähnlich vor. Man darf also vielleicht mal die Frage stellen: Entsteht mit der Familie Mai-Berg gerade ein zweiter deutscher Schlager-Clan, ein ernsthafter Rivale der Fischer-Silbereisens? Oder sind die einfach nur jung, verrückt und frei.

Erinnert an: das, was man hört, während man Autoscooter fährt.
Wer kauft das?
Fahrgeschäft-Betreiber und vermutlich alle, die 2013 und 2014 jeweils zwei Dutzend Helene-Fischer-Alben für ihre Freunde und Verwandten gekauft haben.
Was dem Song gut tun würde:
Ach, das bringt doch nun wirklich nichts.

(Foto: sonymusic)