Folge 6: Fontainebleau - Miami Beach, Florida

In den 50ern und 60ern trafen sich in der Lobby des Fontainebleau Sean Connery, Elvis Presley und Frank Sinatra, später übernahm die Hilton-Kette das berühmte Hotel. Jetzt wurde der Koloss grunderneuert.

Die ganze Angelegenheit hätte schiefgehen können. Der alte Kasten „Fontainebleau“ an Miamis South Beach hätte am Ende auch aussehen können, als hätten sich Walt Disney und Ali Baba ein neues Wunderland ausgedacht. Immerhin ist man von der Firma Nakheel, die dem Scheich von Dubai gehört und mit der er sich jetzt als Teilhaber in die Hotelikone eingekauft hat, schon einiges an Bauwerken in Knallfarben oder Backe-Backe-Kuchen-Formen gewöhnt: die künstliche Inselwelt „The Palm“ vor Dubais Küste zum Beispiel oder das an ein Segelschiff erinnernde „Burj al Arab“. Dann hörte man auch noch, dass das Amerikanisch/Dubaier Renovierungskomitee nicht weniger als eine Milliarde Dollar in den gigantischen Hotelkomplex aus den 50er-Jahren gestopft habe, um den 1500 Zimmern eine neue Politur zu verschaffen. Was mag dabei wohl herausgekommen sein?

Zum Glück ist der alten Dame die Kur bekommen. Den strengen Denkmalschutzbestimmungen Miamis und dem Gespür der acht Architekten sei Dank, haben die Bautrupps Morris Lapidus’, der das „Fontainebleau Hotel“ 1954 gebaut hat, nicht allzu sehr ins Handwerk gepfuscht. In den letzten Jahrzehnten, in denen das Hotel unter der Hilton-Kette lief, waren viele Details verschüttgegangenen, die die Architekten nun wieder in den Urzustand zurückversetzen ließen: der Boden in der großen Eingangshalle zum Beispiel. Unter altem Hochflorteppich kratzten die Bauarbeiter weißen Marmor mit einem auffallenden Muster in Form von schwarzen Smoking-Fliegen hervor. Damit hatte sich Lapidus, der fast immer Fliege getragen hat, seinerzeit selbst ein Denkmal gesetzt. Lapidus hat einmal gesagt: „Wenn man eine Bühne entwirft und sie ist groß genug, wird jeder, der sie betritt, wissen, welche Rolle er zu spielen hat.“ Er war überzeugt, dass die Wahrnehmung der Menschen stark von den Massenmedien und der Entertainmentindustrie seiner Zeit geprägt war und dass die Architektur dem Rechnung tragen muss. Fast 1200 Gebäude entwarf er, darunter 250 Hotels. Beim „Fontainebleau“ ist ihm die Bühnenarchitektur besonders gut gelungen. So konnten die Damen zum Beispiel mit dem Aufzug zu einem Stockwerk zwischen Erdgeschoss und ersten Stock fahren, dem Mezzanin, das einzig dazu da war, sich des Mantels zu entledigen - um dann auf einer großen geschwungenen Treppe herunterzuschreiten, die Lobby und Mezzanin miteinander verband und in Anspielung auf ihren bloßen Repräsentationscharakter „stairway to nowhere“ genannt wurde. Damals, in den 50ern und 60ern, war das „Fontainebleau“ so berühmt, dass die Polizei es immer wieder mal komplett abriegeln musste, weil Frank Sinatra da war oder Elvis Presley oder Marlene Dietrich oder alle gleichzeitig. Jerry Lewis drehte hier Bellboy, Sean Connery Goldfinger und sogar einige Szenen aus Scarface spielen hier. Damals war das Hotel so bekannt, dass es draußen nicht mal einen Schriftzug gab.

Die „Stairway to nowhere“ ist auch heute wieder in Betrieb: im Aufzug kann man wieder auf „Mezzanin“ drücken; aber nicht viele halten in dem toten Stockwerk an, um freiwillig eine lange Treppe herunterzusteigen. Heute präsentieren die Damen lieber ihre mit Silikon aufgefüllten Körper auf Cabanas und Liegeflächen an der überdimensionierten Poollandschaft. Oder sie hängen an der großen Bar mit einem Boden aus blau leuchtenden LED-Birnen in der Lobby ab, in der Hoffnung, P.Diddy kommt vorbei. An der Decke hängen Glitzerlüster vom chinesischen Documenta-Künstler Ai Wei Wei (die pro Stück eine Million Dollar gekostet haben) und an der Rezeption steht eine Skulptur von Yves Klein. Viel Farbe und Licht also, im Gegensatz zu den Gästezimmern, die überraschend langweilig, weiß und i-booking aussehen.

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Bei den elf Restaurants und Lounges sind die neuen Besitzer auf Nummer sicher gegangen: ein Ableger des New Yorker „Scarpetta“ ist darunter, eine Filiale des ebenfalls in New York ansässigen „Gotham Steak“ und ein Lizenzrestaurant des „Hakkasan“ aus London. Anscheinend kann heute niemand mehr ein anständiges Hotel aufmachen, ohne einen dieser Luxus-MCdonald’s, die Mr. Chows und Nobus dieser Welt, in denen man sogenannte Signature Dishes bestellt, die es in den Mutterlokalen genauso zu essen gibt.

Dann hat der renovierte Koloss natürlich auch einen Spa, 12000 Quadratmeter groß, einen gigantischen Club und fast 70000 Quadratmeter Konferenzräume, in denen auch heute wieder Halbwüchsige ihre Bar-Mizwa feiern oder Versicherungsmakler der Krise mit Häppchen begegnen. Und wie damals stehen auch heute wieder in den Fenstern der Konditorei des Hotels frische Torten in Form von Hüten, Hermès-Taschen oder Blumen.

Das neue „Fontainebleau“ hat also alles, um an die großen alten Zeiten anzuknüpfen. Die Frage aber ist: Gibt es heute noch so glamouröse Zeiten? Kann sich ein P.Diddy mit The Rat Pack messen? Man muss daran zweifeln, wenn man die Bilder der Eröffnungsparty sieht, bei dem die Hauptattraktion des Abends eine „Victoria´s Secret“-Unterwäsche-Modenschau war. Egal. Wer lieber an die schwingenden Kleider einer Rita Hayworth denkt als an das Gegrinse von Heidi Klum in Unterwäsche mit Engelsflügeln, der schlendert einfach raus, hin zum Atlantik, an den sich das „Fontainebleau“ anlehnt. Dort denkt man sich alle Paris-Hilton-Doubles weg und hört nur dem Summen und Rauschen des riesigen Gebäudes im Meereswind zu und den Geschichten, die aus ihm herauswispern.

Fontainebleau *****,4441 Collins Ave, Miami Beach, Tel. 001/305/5382000, www.fontainebleau.com, DZ ab 227 Euro.

Mit wem hinfahren: Mit einem Koffer voll schöner Kleider.

Unbedingt essen/trinken: Klingt wie ein Witz, ist aber ernst gemeint: die Spagetti mit Tomatensauce im „Scarpetta“. Italienische Küche, amerikanisch interpretiert.

Was man im Hotel am liebsten klauen würde:
Eine der aufwendigen, mehrstöckigen Torten aus der Konditorei.

Welches Zimmer: Alle Zimmer sind gleich, bis auf die Größen und die Preise.

Nicht perfekt: Das Valet-Parking funktioniert nach einem mysteriösen System. Am besten das Auto frühzeitig per Telefon bestellen, damit man nicht ewig warten muss.