Der Fan meiner Mutter

Unser Autor trifft einen Mann, der alles über seine Mutter, die Schauspielerin Barbara Valentin, sammelt. Und über sie mehr zu wissen scheint als der Sohn selbst.

Der Sammler hat auch Filmplakate aus dem Ausland. Zum Beispiel aus Pakistan, wo es ein Sechzigerjahre-Agentenfilm mit Barbara Valentin einst in die Kinos schaffte.

Er wohnt in Norddeutschland, im Vorort einer größeren Stadt, in einer Vierzimmer-Wohnung in einem Zweifamilienhaus, Terrasse mit kleinem Garten. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Foto sei okay. Nicht dass er sich geniere, aber er wolle nicht, dass jeder im Internet von seinem Hobby erfahren kann. Er stehe ungern in der Öffentlichkeit, sagt er. Auch deswegen sei er ja Fan von einer Frau gewesen, die sich ihr Leben lang ungeniert und extrovertiert gab, das mochte er an ihr schon als Jugendlicher auf dem flachen Land, wo er in den Sechzigerjahren zum ersten Mal von ihr las. Das heißt: Das Wort Fan mag er nicht, »obwohl es sicher richtig ist«. Er bevorzugt »Sammler«. Seit bald fünfzig Jahren sammelt er alles von und über eine einzige Frau, meine Mutter, Barbara Valentin. Sie war Schauspielerin und lange Zeit ihres Lebens das, was man prominent nennt.

19 Filmplakate hängen an drei Wänden. Mehr geht nicht. Der Rest liegt sorgfältig zusammengerollt in einem deckenhohen Schrank. Gemeinsam mit Fotos vom Filmset, DVDs, VHS-Kassetten, Zeitschriftenartikeln, Programmheften und Autogrammkarten aus fünf Jahrzehnten. Erstanden auf der Filmbörse in München, die früher nur einmal jährlich stattfand, in Zeitschriften-Antiquariaten in London, im Internet oder von anderen Sammlern, etwa dem von Senta Berger. Vielleicht drei Meter lang ist das Archiv. Ein paar Pappkartons voller Zeitungsausschnitte und Fotos wurden noch nicht sortiert. Auf dem Computer hat der Programmierer im Ruhestand eine Access-Tabelle angelegt, mit Daten von Barbaras 440 Fernseh- und Kinoauftritten, die er gezählt hat, mit Eckdaten ihres Lebens wie Scheidungen und Umzügen, Erscheinungsdaten der Artikel über sie.

Seine Ehefrau versteht sein Hobby als Macke. »Was soll’s, andere Männer spielen oder haben noch teurere Macken.« Ob sie nie eifersüchtig gewesen sei auf die andere Frau im Leben ihres Mannes? »Doch, schon. Zwischendurch mal.« Obwohl die ja 13 Jahre älter war als ihr Mann. 65 ist er jetzt. Die Macke hatte er schon, ehe die beiden Eheleute sich 1980 kennlernten. Die Ehefrau sieht ganz anders aus als der Star auf den Filmplakaten, die im Zimmer neben dem Wohnzimmer hängen: kleiner, schlank, sportlich, dunkle Haare, die inzwischen ergraut sind. Die Ehefrau begleitete ihren Mann mitunter, als er das Objekt seiner Sammelleidenschaft später auf dem Weg in den Ski­urlaub in München einige Male treffen durfte. »Was ich nie verstand«, sagt die Ehefrau, »war, warum er, der Raucher ansonsten nicht ausstehen kann, ausgerechnet für eine Frau schwärmt, die rauchte.«

Es ist kalt in dem Zimmer, das das Museum meiner Mutter beherbergt. Die Heizung wurde ausgedreht, vor dem Schrank stehen Wäscheständer und Bügelbrett. Die Ehefrau bügelt bei den beiden.

Ich hatte ihn vergessen, als ich das Buch über meine Mutter schrieb. Weiß nicht, wie mir das passieren konnte. Nicht so wichtig, fand ich vielleicht unbewusst. Mir war eigentlich bekannt, dass es da jemanden gab, der alles von ihr, mit ihr und über sie sammelte und für sie auch Zeitungsausschnitte archivierte, Barbara hatte es mal erwähnt. Auch dass er sie gelegentlich sogar besuchte. Ich hatte es vergessen, als ich Jahre nach ihrem Tod über sie zu schreiben begann. Ich wusste nie, wie viel er über sie weiß, wie umfangreich seine Sammlung ist und dass er nur zu meiner Mutter sammelt. Mit seiner Hilfe hätte ich es um einiges leichter gehabt. Er ist wahrscheinlich ihr einziger Sammler und ganz sicherlich ihr größter Fan. Er hatte mein Buch Barbara. Das sonderbare Leben meiner Mutter Barbara Valentin im Internet entdeckt und sich gleich nach der Veröffentlichung im vorigen Herbst bei mir gemeldet, wollte verhindern, dass ich, wie im Buch angekündigt, Barbaras Aktenordner mit alten Zeitungsartikeln über sie nun endlich wegschmeißen würde. Er brauche sie doch für die Lücken in seiner Sammlung. Ich hatte ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber. Und ich war neugierig auf ihn und seine Datenbank, ich hatte ja selbst Lücken in der Biografie meiner Mutter zu schließen.

Geboren 1940, nahm sie mit 18 Jahren den Namen ihres Stiefvaters an und wurde Ende der Fünfzigerjahre als Busenwunder und Skandalnudel bekannt. Busenwunder, weil ihre Oberweite für damalige Verhältnisse offenbar bemerkenswert war, und Skandalnudel, weil sie auf einem Ball barfuß mit König Hussein von Jordanien tanzte und bei anderer Gelegenheit vor aller Augen ein Tablett fallenließ. Sie kam als unbedarftes und gut aussehendes Mädchen aus der Provinz nach München und suchte Aufmerksamkeit, um zum Film zu kommen. Das gelang ihr unter dem Namen Barbara Valentin in den prüden Wirtschaftswunderjahren. Dem leichten Leben als Busenwunder folgten bemühte Jahre als vielbeschäftigte, aber nicht sonderlich ernst genommene Schauspielerin. Mit 32 galt sie Anfang der Siebzigerjahre beim Film bereits als Altstar, wurde dann aber einige Male von Rainer Werner Fassbinder besetzt und zum ersten Mal für ihr Können respektiert. Zur Münchner Schickeria gehörte sie längst, als sie in dritter Ehe den damals unbekannten Regisseur Helmut Dietl heiratete. Seit Anfang der Achtzigerjahre war sie mit Freddie Mercury befreundet und wurde zum Inbegriff einer Schwulenmutter.

Von der Fernsehserie Stadt ohne Sheriff hat der Sammler nur eine Folge. Die Serie lief 1972/73 im Vorabendprogramm des ZDF, wurde aber nie wiederholt. Dabei war nahe München eigens eine Westernstadt gebaut worden.

Ich bin kein Fan meiner Mutter. Ich habe die meisten ihrer Filme nie gesehen und viele Anekdoten vergessen, die sie mir erzählte, als ich ein Kind war. Ich habe ein Buch über sie geschrieben, weil ich viel zu wenig über ihr öffentliches Leben wusste und mehr über ihr privates herausfinden wollte: Wer sie war, was sie ausmachte, woher der Schmerz und die Traurigkeit stammten, die sie am Ende ihres Lebens beherrschten.

Der Fan weiß alles über ihr Leben in der Öffentlichkeit. Er weiß sogar, welche Fehler ich im Buch gemacht habe: Die Dreharbeiten von In der Hölle ist noch Platz in Istanbul wurden 1961 nicht abgebrochen, wie ich an­gab, sie wurden nur unterbrochen. Den Namen des Regisseurs Hartmut Griesmayr habe ich falsch geschrieben. Welt am Draht von Fassbinder war kein Fernseh-Dreiteiler, sondern ein Zweiteiler. Die letzte Schallplatte hat sie 1965 aufgenommen, nicht 1961. Peinlich, dass ein Außenstehender besser Bescheid weiß als ich.

Anfang der Achtzigerjahre fand der Fan ihre Geheimnummer heraus und rief sie an, um sie nach dem Sendetermin eines Films zu fragen, er lernte sie bald auch persönlich kennen und traf sie alle paar Jahre wieder. Einmal lud sie ihn dazu ein, in einem Schwulenlokal mit ihr zu essen. Er führte genau Buch über seine Besuche bei ihr und machte sich Gesprächsnotizen: »18.11.99, 15.09 bis 16.30 – Tarzan tot.« Der Tod ihres Katers habe sie sichtlich mitgenommen, sagt der Fan heute. Ein-, zweimal im Jahr telefonierten sie miteinander. Er spielt alte, auf seinem Anruf­beantworter hinterlassene und auf den Computer überspielte Nachrichten ab. Ich höre die Stimme meiner vor 17 Jahren verstorbenen Mutter. Unheimlich.

Ende der Achtzigerjahre bot sie ihm das Du an, und als sie in Hamburg ein paar Monate lang die Vorabendserie Kasse bitte! drehte, fuhr er zu ihr. Der Fan erzählt, wie enttäuscht sie gewesen sei, weil ihr Sohn sie damals nicht besucht habe. Merkwürdig, dass sie ihm so etwas anvertraut hat. Und unangenehm, dass er auch über mich mehr weiß, als ich von ihm wissen kann.

Wenn ich ihn über meine Mutter sprechen höre, bin ich mir manchmal unsicher, ob wir von derselben Frau reden. Er findet sie einfach großartig, das ist schön, ich freue mich für sie. Aber kein Kind findet seine Mutter so großartig wie ein Fan.

Der Sammler ist unbeirrbar in seiner Zuneigung. Als Jugendlicher riss er auch Fotos und Berichte über Anita Ekberg aus Zeitschriften heraus. Barbara war der gleiche Typ Frau – er fand sie noch besser. Er sagt, er wisse nicht, warum gerade sie. Vielleicht spielte eine Rolle, dass eine solche Sammlung ein exotisches Hobby war, Briefmarken sammeln ja viele. Nie hat er an ihr gezweifelt. Nicht als er aus der Presse von Drogenproblemen erfuhr. Auch nicht, als Christoph Schlingensief sich Mitte der Neunzigerjahre in Talkshows über Starallüren beschwerte, nachdem sie mitten in den Dreharbeiten die Zusammenarbeit mit ihm beendet hatte. »Ich habe sie für ihre Courage bewundert, auch dafür, dass sie generell nicht jeden Quatsch unter dem Deckmantel der Kunst mit sich hat machen lassen.« Von ihren Launen bekam er auch später nichts mit. Unzuverlässig hat er sie dagegen erlebt. Als sie mal wochenlang nicht zurückgerufen hatte, formulierte er schon einen Brief, in dem er ankündigte, sie nicht mehr kontaktieren zu wollen. Sie meldete sich gerade noch rechtzeitig. Er hätte ohnehin nicht aufgehört, seine Sammlung zu erweitern. Er habe sie unterstützt, sagt er. Habe beim Fern­sehen angerufen, um sich nach dem Verbleib selten gespielter Serien aus den Sechzigern und Siebzigern mit ihr zu erkundigen. Von Stadt ohne Sheriff, einer deutschen Western­serie, die nie wiederholt wurde, besitzt er nur eine Folge als Kopie. Er habe sich bei 3Sat für die Wiederholung von Kasse bitte! starkgemacht, erfolgreich, wie er sagt.

Cineast war der Sammler nie. »Das weiß ich, seit ich Satansbraten von Fassbinder partout nicht ver­stehen konnte. Angst essen Seele auf mit Ihrer Mutter mag ich, da war sie gut. Aber sie war auch in Pumuckl und sein Meister Eder sehr gut.«

Vom verschollenen Film Flammende Herzen, meinem Lieblingsfilm mit meiner Mutter, zieht er mir eine Kopie

Der Sammler hat meine Mutter bewundert und er hat mit ihr gelitten. »Die Nachricht von ihrem Schlaganfall im Jahr 2001 hat mich schockiert. Viel mehr als ihr Tod ein Jahr später. Den habe ich ihr gegönnt.« Er besuchte sie einige Male in der Reha. Er glaubt, dass sie ihn erkannte und sich freute. Pflichtbewusst habe er Barbaras ersten Manager von ihrem Tod unterrichtet, der habe längst in Los Angeles gelebt. Barbara hat von ihm mir gegenüber immer nur als »der hässlichen Kartoffel« gesprochen. Der Fan sagt, er habe den Ex-Manager auf dem Rückweg von einem Urlaub auf Hawaii besucht.

Eine Sammlung zu beginnen ist einfacher, als sie zu pflegen. Nach Barbaras Tod ließ seine Leidenschaft nach, aber aufgegeben hat er sie nie. Er weiß, dass kürzlich ein Auto zum Verkauf stand, das ihr einst gehört hatte. Das wäre ihm viel zu teuer, außerdem muss er mit dem Platz im Schrank auskommen. Er hält Ausschau nach dem einen Filmplakat, das ihm noch fehlt. Er archiviert immer noch jeden Artikel, in dem Barbaras Name fällt, also auch diesen. Gelegentlich schaut er sich auf dem Computer etwas von ihr an. Auch den verschollenen Film Flammende Herzen hat er darauf. Wie toll. Es ist mein Lieblingsfilm mit meiner Mutter. Sie spielt darin eine verletzliche, verzweifelte und zugleich boshafte Prostituierte, die in New York eine Romanze mit einem naiven Kioskbesitzer aus Bayern beginnt und ihn bald wieder zum Teufel schickt. Der Film bekam Ende der Siebzigerjahre den Bundesfilmpreis, aber die Erben des Regisseurs und Produzenten Walter Bockmayer haben kein Interesse an der weiteren Verbreitung. Auch das hat der Sammler recherchiert. Er zieht mir eine Kopie.

In einem Album verwahrt der Sammler alle handschriftlichen Notizen und Postkarten von seinem Star.

Aber auch der Fan weiß nicht, woran sie wohl gedacht hat, wenn sie im Film auf Kommando anfing zu weinen. Er weiß allerdings, wen ich hätte fragen sollen: den verstorbenen Regisseur von Flammende Herzen, der hat sie nämlich einmal an das eine Ereignis erinnert, als er sie für eine Filmszene in diesem Film zum Weinen bringen wollte. Sie hatte ihn offenbar ins Vertrauen gezogen, er hat es gegen sie benutzt. Das hat der Regisseur in einem Buch beschrieben.

Der Sammler zeigt eine Weihnachtskarte, hinter Klarsichtfolie ist zu lesen: »20.12.99, mit lieben Grüßen Deine Barbara, natürlich auch für Deine Frau alles Gute. Danke für Deine Treue!«

Meine Mutter muss ihn gemocht haben, wenn sie so lange, beinahe zwanzig Jahre lang, mit ihm Kontakt hielt. Natürlich überlasse ich ihm die Ordner mit den alten Zeitungsartikeln. Mehr als drei konnte ich jetzt nicht mitbringen. Er überreicht mir seinen Zettel, auf dem er meine Fehler im Buch mit Seitenangabe vermerkt hat. Verspricht mir eine weitere Filmkopie. Will noch wissen, welche Film­-angebote Barbara in den Achtzigerjahren abgelehnt hatte und wen ich im Buch meinte mit den beiden Freunden, die wir Kinder von unserer Mutter geerbt hätten.

Wir bleiben in Kontakt. Den Sammler habe ich mit 17 Jahren Verspätung geerbt.