Birds of the West Indies

Schöne Frauen, schnelle Autos, tödliche Waffen - im Kosmos des Geheimagenten James Bond sind diese Variablen austauschbar. Zeit für eine Bestandsaufnahme - ein Projekt der amerikanischen Künstlerin Taryn Simon.

Der Ornithologe James Bond veröffentlichte 1936 mit Birds of the West Indies das Standardwerk zur Vogelwelt der Karibik. Ian Fleming, der zeitweilig in Jamaika lebte und selbst leidenschaftlich gern Vögel beobachtete, übernahm den Namen für den Titelhelden seiner Spionageromane. Ein Name, der alltäglich, kurz, nichtssagend, angelsächsisch und maskulin genug sei. Fleming ging damit den ersten Schritt in die Richtung, die in den Augen der amerikanischen Künstlerin Taryn Simon zentral für das System James Bond werden sollte: ein System der Austauschbarkeit.

Taryn Simon, geboren 1975 in New York, durchkämmte die James-Bond-Filme von 1962 bis 2012 nach Frauen, Waffen und Fahrzeugen: die unverzichtbaren Accessoires des attraktiven, durchsetzungsfähigen und unbesiegbaren Mannes. Ihre Fotos der Frauen, Waffen und Fahrzeuge sind im Original gleich groß – das verdeutlicht ihre Austauschbarkeit. Denn Frauen, Waffen und Fahrzeuge sind bei James Bond gleichermaßen Ersatzteile. Und der Zuschauer, so Simons Fazit, wünscht sich diesen alterslosen Helden, der über ein unendliches Arsenal modernster Waffen und Fahrzeuge und über die verführerischsten Frauen verfügt. Denn der Zuschauer möchte immer etwas Neues sehen, das jedoch im Grunde ganz wie das Alte ist.

Zehn der 57 angefragten Frauen sagten aus unterschiedlichen Gründen ab, ihnen räumt Taryn Simon schwarze Seiten im Buch ein, Leerstellen sozusagen. Weil sie als Kuratorin keine Wertung vornehmen wollte, indem sie die Frauen, Fahrzeuge und Waffen in einer von ihr gewählten Reihenfolge präsentierte, ließ sie wie beim Lotto einen Zufallszahlengenerator entscheiden, was die Austauschbarkeit der Frauen, Waffen und Fahrzeuge noch zusätzlich betont.

Die Künstlerin nannte ihr Projekt Birds of the West Indies. Als Buch erscheint es im gleichen Format wie das Standardwerk des Ornithologen James Bond, auch das Cover ist vom Vogelbuch kaum zu unterscheiden – womit Simon auf subtile Weise die Brücke schlägt zu ihrem Werk, das man als Standardwerk zum Zubehör der James-Bond-Welt bezeichnen könnte.

Taryn Simons Fotos, Texte und Grafiken erforschen grundsätzlich die Grenzen des Verstehens. Ihren Arbeiten wurden bereits viele Einzelausstellungen gewidmet, in renommierten Museen wie dem Museum of Modern Art in New York (2012), der Tate Modern in London (2011), der Neuen Nationalgalerie Berlin (2011). Die aktuelle Arbeit Birds of the West Indies erscheint im Oktober auf Deutsch im Hatje Cantz Verlag und ist bis zum 16. März in der Carnegie International in Pittsburgh, Pennsylvania, zu sehen.