Blätter, die die Welt bedeuten

Künstlern nach dem Auftritt Blumen zu schenken, ist eine Kunst für sich. Einige Konzert- und Opernhäuser nehmen es damit erstaunlich genau.

Der Moment der Blumen­übergabe auf einer Bühne ist ­meistens improvisiert – die Sträuße sind es nicht.

Foto: Markus Burke

Vor einer Weile war mal wieder die schönste Stelle der Klassikwelt ausgeschrieben: Das Royal Opera House in London suchte einen »Flower Presenter«, einen Mitarbeiter, dessen hauptsächliche Aufgabe darin besteht, während des Schlussapplauses den Künstlern auf der Bühne Blumen zu überreichen. Die Royal Opera ist das einzige Opernhaus der Welt, das sich dafür eine Planstelle leistet. Es ist dort Tradition, dass besonders hingebungsvolle Fans üppige Bouquets für Sänger und Ballerinen in Auftrag geben und beim Pförtner hinterlegen – bei Opern nur am Premierenabend, bei Ballettaufführungen immer. Der »Flower Presenter« prüft die Größe der Gebinde. Sträuße, die auf der Bühne zu mickrig wirken, werden gleich in die Garderobe gebracht, die übrigen auf die Seitenbühne. Wenn dann der Vorhang gefallen ist, tritt der Presenter auf die Bühne und überreicht die Sträuße – mit zur Schau getragener Würde, Demut und Noblesse. Die Dienstkleidung bestand bis vor ein paar Jahren aus Kniebundhosen, goldbesetztem Frack und weißer Perücke. Die Zeiten sind vorbei, heute genügt ein ordentlicher Anzug. Andere Gesetze gelten immer noch, auch ungeschriebene: Sträuße für männliche Tänzer werden grundsätzlich nicht auf der Bühne überreicht; falls nicht für alle Solistinnen Bouquets eingetroffen sind oder sogar nur für Tänzerinnen aus dem Corps und nicht für die Primaballerina, bekommt auf der Bühne niemand Blumen.

Außerhalb von London kümmern sich nicht die Zuschauer um die Blumen, sondern meistens das künst­lerische Betriebs­büro, im Jargon der Musikwelt: »das Haus«. Und mit spürbar weniger Euphorie. Der Künstlerblumenstrauß gilt vielerorts als schmückendes Beiwerk, tantenhaft und unmodern, nur noch Requisit eines immer gleichen, dem Blumenträger meistens etwas peinlichen Schauspiels, das am Ende des Abends aufgeführt werden muss, während drunten im Parkett die ersten Zuschauer schon zum Parkhaus stürzen: schnell reingetragen, linkisch überreicht, dann ein verhuschtes Küsschen-links-Küsschen-rechts, und jetzt?

Ja, schwierig. Es gibt jedenfalls auf dem Konzertpodium kaum ein effektiveres Mittel, einen Geiger, Pianisten oder Dirigenten gewaltlos auszuschalten, als ihm einen Blumenstrauß in die Hand zu drücken. Jetzt noch eine Zugabe spielen: unmöglich. Den Strauß weglegen: Ja, aber wohin? Auf dem Notenpult drohen Flecken auf der Partitur. Auf den Boden legen ist als Geste schwierig – Geschenk ist Geschenk. Zumal ein Blumenbouquet im Liegen auch nicht gut aussieht. Ansehnlich, rutschfest und quetsch­sicher ließe sich ein Strauß höchstens im Schalltrichter der Tuba verstauen. Am besten wäre es, dem Blumenboten den Strauß gleich wieder mitzugeben (an manchen Abenden bemerkt der Künstler im Rausch des Applauses ohnehin erst nach langen Sekunden, dass da jemand steht und in den Blumenstrauß lächelt).

Die meisten männlichen Künstler reichen die Angelegenheit einfach weiter und drücken den Strauß übergalant einer überraschten Dame aus der Ersten ­Geige in die Hand, andere zerpflücken den Strauß und verteilen die Stängel wahllos im Ensemble. Es kann aber auch noch zerstörerischer enden. Der mit Abstand schlechteste Platz zum Deponieren des Straußes ist der Konzertflügel. Es gibt zwar neben dem Notenpult eine kleine Fläche, die wie dafür gemacht scheint, aber Klavierbauer raten dringend davon ab: Ein auf den Flügel fallender Kronleuchter könnte vermutlich auch nicht mehr Schaden anrichten als ein noch blumenwasserfeuchter Rosenstrauß, den der Pianist beim Verbeugen mit einer ungeschickten Armbewegung in die Filzhämmerchen-Mechanik über dem Resonanzboden stößt (wenn Sie glauben, dies wäre an den Haaren herbeigezogen, irren Sie sich leider).

Die Wiener Philharmoniker wollen keine Blumen, die stark duften, die Berliner Philharmoniker keine weißen Sträuße – die wären in Übertragungen der Konzerte ins Internet nicht gut zu sehen

Manche Konzert- und Opernhäuser verstehen das Potenzial des Moments hingegen zu nutzen, der ja – trotz aller Konvention – an einem ansonsten komplett durchgeprobten Abend der einzig improvisierte ist. Diese Häuser fangen an, den Teil des Rituals zu kontrollieren, auf den es eigentlich ankommt: den Blumenstrauß. Dafür gibt es nun Stilbücher, die aber nicht Stilbücher heißen, sondern, sehr passend: Partituren.

Bei den Wiener Philharmonikern werden möglichst keine Blumen verarbeitet, die stark duften, wie zum Beispiel Mimosen, ­Hyazinthen, Freesien oder Lilien. Bei den Berliner Phil­harmonikern gibt es keine rein weißen Sträuße, weil die in den Übertragungen der Konzerte ins Internet nicht gut zu sehen sind, davon abgesehen: möglichst große Blüten, möglichst kräftige Farben. Bei den Salzburger Festspielen werden Sträuße in Seidenpapier mit Schleife gebunden, farblich passend zum Bühnenbild der jeweiligen Aufführung – bei der goldgelb ausgestatteten Liebe der Danae 2016 etwa Gelb, Weiß und Orange.

Die Blumenbestellung des Luzerner Theaters vor La Traviata lautete unlängst: Ein opulenter Strauß weißer Rosen, die an Kamelien erinnern, für die Sängerin der Violetta, »darf glamourös wirken« stand auf dem Bestellzettel. Dazu 17 kleine Rosensträuße, »zwischen Gelb und Rosarot changierend«, für die übrige Besetzung. Am penibelsten ist das jährliche Donizetti-Festival in Bergamo: drei weiße Lilien, zwei weiße Rosen, zwei gelbe, zwei orangefarbene, dazu drei Inka­lilien, Schleierkraut und Grün.

Kein anderes Präsent kann die Wertschätzung für die gerade erbrachte Leistung so formulieren wie ein Blumenstrauß. Niemand käme auf die Idee, Bühnenkünstlern etwas Praktisches zu überreichen, etwa einem Geiger einen Satz neue Saiten oder einer Sopranistin einen Korb mit Würsten und Wein. Blumen sind nutzlos, aber schön, und außerdem vergänglich. Der Abend, an dem sie überreicht werden, ist es auch.