Macht doch die Ohren zu

Es ist Mode geworden, sich über Ruhestörer im Zug aufzuregen. Für unsere Autorin ist das schwer nachvollziehbar – auch wegen des simplen Gegenmittels.

Inzwischen kann man sich Ohrstöpsel massschneidern lassen, passgenau für den eigenen Gehörgang. Das ist bei diesem Modell noch nicht der Fall.

Foto: Nito100/istockphoto.com

Von all den fragwürdigen Entscheidungen der Deutschen Bahn scheint sich eine ganz besonders negativ auf die Kundenzufriedenheit auszuwirken: Die Einführung sogenannter Ruhebereiche im ICE. Es ist ein bisschen so, als würde eine Fastfoodkette plötzlich behaupten, Sterneküche anzubieten – man weckt damit Erwartungen, die unmöglich zu erfüllen sind. Da, wo viele Menschen auf engem Raum mehrere Stunden in unbequemen Sitzen verbringen, kann niemals vollkommene Ruhe herrschen.

Ab und zu spült das Reservierungssystem der Bahn auch eine Familie mit Kindern in den Ruhebereich, die da gar nicht bewusst sitzen wollte. Und die sich nun beim Mau-Mau-Spielen am Vierertisch dem Hass ihrer Mitfahrer ausgesetzt sieht und mehrmals mittels energischem Fingerzeig auf das Pssst!-Icon neben dem ICE-Fenster hingewiesen wird. Selbst, wenn gerade keine Junggesellinnenabschiedsgruppe die Prosecco-Korken knallen lässt oder irgendjemand laut telefoniert und es tatsächlich einigermaßen ruhig ist, werden noch die kleinsten Geräusche störend, wenn der Geist auf »Stille« programmiert ist. Dann ist selbst das leise, rhythmische Surren eines übersteuerten Kopfhörers beim Nebenmann so unerträglich wie ein tropfender Wasserhahn, wie der Zeit-Journalist Henning Sussebach vor kurzem in einem mit »Fresse!« doch ziemlich laut überschriebenen Text geschrieben hat.

Mich wundert die Erwartungshaltung, mit der erwachsene Menschen ein öffentliches Verkehrsmittel als ihre persönliche Insel der Ruhe missdeuten. Es gibt da, wo viele Menschen eng zusammen sind, keinen Anspruch auf perfekte Stille, für so etwas gibt es Schweigeklöster oder die eigenen vier Wände. Und selbst dort hat man in der Regel eine gewisse Dezibelzahl zu ertragen, wenn man nicht wie ein Eremit leben möchte. Natürlich kann man erwarten, dass Menschen sich im öffentlichen Raum bemühen, sich nicht aufzudrängen und andere nicht zu stören. Aber es ist doch nicht erst seit Sartre eine Binse, dass die Hölle die anderen sind. Dass es immer jemanden gibt, der sich nicht an die Regeln hält, entweder weil er nicht anders kann – ein Baby mit Ohrenschmerzen beispielsweise – oder weil er nun mal nicht will.

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Gegen viele unschöne Begleiterscheinungen des menschlichen Miteinanders ist man machtlos: Menschen stinken, sie haben schreckliche politische Ansichten oder kleiden sich unvorteilhaft. Aber gegen ihre Geräusche kann man selbst ganz einfach etwas unternehmen, ganz ohne sich aufregen oder sich streiten zu müssen. Das gilt im ICE genauso wie in der Innenstadt, wo man vielleicht mal eine tolle Eigentumswohnung in einem hippen Szenebezirk gekauft hat, dann aber Abend für Abend die Polizei ruft, weil einem genau diese Szene zu viel Krach macht.

Genauso anmaßend wie unnötiger Lärm ist es, seine Mitmenschen permanent mit dem eigenen Ruhebedürfnis zu bedrängen, anstatt sich einfach etwas auf oder in die Ohren zu tun: Ohrstöpsel sind eine der segensreichsten Erfindungen der Menschheit. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, sich die Schaumstoffdinger in die Ohren zu friemeln und dem Rauschen des eigenen Blutes zu lauschen, wird dieses Gefühl nie wieder missen wollen. Es ist, als trage man ein unsichtbares Scheckenhaus mit sich herum, in das man sich zurückziehen kann und es kostet fast kein Geld. Man kann sich sogar beim nächstbesten Hörgeräteladen für etwa 60 Euro persönlich angepasste Silikonstöpsel herstellen lassen, für die ein Akustiker ein exaktes Model des Gehörgangs nimmt. Oder man kauft sich ein paar gescheite Kopfhörer, packt sich Musik auf die Ohren oder hört all die spannenden Podcasts, von denen immer alle erzählen.

Noch absurdere Blüten treibt das Ruhebedürfnis auf Langstreckenflügen: Immer mehr Eltern packen neuerdings Goodie-Bags für fremde Mitreisende,  mit Schokoriegeln, Ohrstöpseln und süßlichen Entschuldigungsbriefchen, wegen der eventuellen Ruhestörung durch ihr weinendes Baby. Diese Geschichten landen dann garantiert im Internet und werden dort als Beispiel für besonders umsichtige Eltern gefeiert. Je mehr davon in Umlauf kommen, umso mehr erwarten Passagiere im Flugzeug irgendwann, Eltern von Kleinkindern müssten pro forma schon vorab für eventuelle Lebenszeichen ihres Nachwuchses Abbitte leisten. Dabei ist die einzige Aufgabe der Eltern, sich um das Wohlergehen ihres Babys zu sorgen, alle anderen im Flieger sind ja schon groß und können auf sich selbst aufpassen. Und wer heutzutage in ein Flugzeug steigt und sich nicht selbst Gedanken gemacht hat, wie er am besten mit dem Lärm eines Kleinkinds und allen anderen Geräuschen zurecht kommt, der sollte besser nicht reisen.

Vielleicht ist das sogenannte Ruheabteil im ICE in Wahrheit doch gar keine schlechte Idee, sondern eine perfide Marketingstrategie der Bahn. Im Internet und auf Social-Media-Kanälen sind Horrorgeschichten aus dem ICE-Ruhebereich fast ein eigenes Genre. Man hat das Gefühl, als warteten Reisende inzwischen geradezu darauf, dass sich jemand nicht Ruheabteil-konform verhält, um ihn oder sie entweder zurechtweisen zu können oder mit einem empörten Tweet ein bisschen Internetglorie abzugreifen. Mit dem Ruheabteil hat die Bahn also einen Aufreger geschaffen, an dem sie selbst vollkommen schuldlos ist. Kann es sein, dass das die einfachste Möglichkeit ist, die Reisenden von all den Zugausfällen und Verspätungen abzulenken, weil sie viel zu beschäftigt sind damit, sich über ihre Mitmenschen zu empören?

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