Ich trage Leggings. Jetzt gerade, während ich diesen Text schreibe, aber auch an den meisten anderen Tagen. Es hat sich die Gewohnheit eingeschlichen, diese Hose anzulassen – den ganzen Tag, egal wohin ich gehe. Anders gesagt: Mein Leggings-Radius hat sich drastisch vergrößert.
Früher trug ich Leggings vor allem als Sportkleidung, dann als gemütliche Kleidung zu Hause. Karl Lagerfeld hat angeblich mal gesagt, man habe die Kontrolle über sein Leben verloren, wenn man Jogginghose trage. Allein deshalb hätte ich mir das draußen früher nie erlaubt. Aber dann kam ein Job, den ich von zu Hause ausübe – und damit der große Umbruch.
Meine allgemein nachvollziehbarste Entscheidung ist vermutlich, sie auf dem Weg zum Bäcker anzulassen. Als Nächstes kam der Supermarkt, dann der Kiosk, zu dem ich am liebsten meine Pakete bringe – er liegt am Ende einer Einkaufsstraße. Und schon war diese Einkaufsstraße ein Teil meines Leggings-Radius.
Ich bin damit nicht allein. Um das festzustellen, reicht schon der Blick nach draußen. Aber auch die Verkaufszahlen sprechen für sich. Der Umsatz mit Sportkleidung lag 2025 in Deutschland bei 5,7 Milliarden Euro. Knapp die Hälfte davon entfällt auf Damensportkleidung – 2,8 Milliarden Euro. Und neben neuen Stoffen gibt es auch immer wieder andere Innovationen: Wegen ihrer kreativen Nähte, die den Po optisch anheben, gelten manche Leggins inzwischen schon als neuer Wonderbra. Neulich fragte selbst Günther Jauch in Wer wird Millionär? seinen verdutzten Gast nach der sogenannten Scrunch-Naht. Mit Leggings wird also neuerdings nicht mehr nur gechillt, sondern auch gepusht.
Ist die Leggings wirklich nur ein Symptom von Bequemlichkeit und schwindender Bedeutung der Dresscodes? Oder geht es da um mehr? Verschmelzen Privat- und Arbeitsleben so sehr miteinander, dass keine Unterscheidung mehr notwendig ist? In manchen Cafés sieht man mehr Leute mit Matcha und Sport-Outfit sitzen als emsig Arbeitende an aufgeklappten Laptops. Kommen wirklich alle vom Pilates, oder sehen sie nur gern so aus? Oder sind das Nutznießer der sogenannten Lifestyle-Teilzeit, die Teile der CDU verbieten möchten?
Entwerten wir Leggings-Trägerinnen den öffentlichen Raum?
Für mich ist es eine Bequemlichkeitsentscheidung. Ich mag Leggings, sie passen prima zu Strickpullovern und engen mich nicht ein – ich fühle mich wohl. Aber irgendetwas an dieser Art, mich zu kleiden, scheint mich doch zu stören. Denn selbst mein Leggings-Radius hat Grenzen.
Wenn ich meine Familie besuche, ziehe ich die Leggings tatsächlich nur zu Sportzwecken an. Dort käme ich mir nicht vollständig gekleidet vor, nicht fertig, nicht vorzeigbar. Das ist der stichhaltigste Beweisdafür, dass ich nicht an die vollendete soziale Akzeptanz meiner Bekleidungsgewohnheit glaube. Da wäre meine Großmutter, die sich zum Gang in den Supermarkt schick macht – was sollen die Leute denn sonst denken?
Entwerten wir Leggings-Trägerinnen den öffentlichen Raum? Wir können alles sein und alles tragen – und wählen die Leggings? Ich telefoniere mit Madeleine Darya Alizadeh. Sie ist besser bekannt unter ihrem Instagram-Synonym dariadaria, Inhaberin eines Modelabels und Leggings-Fürsprecherin. »Ich finde, es gibt keine Orte, an die man nicht mit der Jogginghose gehen kann.« Als Ausnahme fällt ihr nur die Beerdigung ein. Selbst bei ihrer baldigen Hochzeit soll es keinen Dresscode geben – Leggings also möglich. Der Schuhhersteller Birkenstock bringt gerade eine Kollektion von Brautschuhen raus: weiß, verziert, schick, aber halt immer noch nur eine Sandale.
Irgendetwas stimmt da nicht, bei der vollständigen Bequemisierung des Lebens. An einem meiner Zweifeltage rufe ich Katharina Starlay an. Sie berät Menschen in Stilfragen, ist Modedesignerin und außer-dem im Deutschen Knigge-Rat – wenn mir jemand sagt, dass mein Leggings-Radius fahrlässig ist, dann sie, denke ich.
»Kleidung hat auch immer etwas mit Haltung zu tun. Wenn ich einen festen Stoff trage, gibt mir das Halt. Nicht umsonst rate ich Menschen immer wieder dazu, auch bei wichtigen Telefonaten zu Hause Schuhe anzuziehen. Niemand hat eine überzeugende Stimme, wenn er nur Socken trägt«, sagt Starlay. Das sehe ich anders. Ein weicher Hosenbund hat keine Auswirkungen auf meine Gedanken oder Worte. Ich glaube, es ist ein Akt der Selbstliebe, zu tragen, was man mag. Mir käme andere Kleidung wie eine Verkleidung vor.
Und so scheint es vielen zu gehen. In meinem Stadtteil wäre es andersherum nicht normal, sich zu jeder Zeit herausgeputzt zu zeigen. Das hat Vorteile, denn wer in Leggings durch die Gegend läuft, muss sich hier nicht schlecht fühlen – verfusselte Couch-Leggings oder welche von Lululemon, egal. Den Vorzug sieht auch Katharina Starlay: »Menschen wollen heute so gesehen werden, wie sie sind, und keine Rolle mehr erfüllen. Mode ist immer auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung.«
Leben wir nicht in einer Zeit, in der ein fitter Körper ein Statussymbol ist – und Freizeit ebenso? Lasse ich, wenn ich mit Leggings auf die Straße gehe, also raushängen, dass ich keinen Job habe, für den ich mich in starre Kleidungskonventionen pressen muss, und mir stattdessen an diesem Tag Zeit für meinen Körper nehme? Der Gedanke gefällt mir. Und falls ich eines Morgens eine andere Botschaft habe, die ich der Welt mitteilen möchte, ziehe ich einfach mal was anderes an.

