Das Auslaufmodell

Vor 40 Jahren konnten sich Städteplaner nichts Tolleres vorstellen als Fußgängerzonen. Heute prägt die Idee noch immer unsere Innenstädte - dabei wäre es längst Zeit, neue Konzepte zu finden. Ein Spaziergang durch das müde Herz von München.

(Quelle: Kemper's Jones Lang LaSalle Retail GmbH)

Nur noch fünf Wochen bis Weihnachten, aber im Oberpollinger ist es für einen Einkaufssamstag erstaunlich menschenleer. Im »LeBuffet« auf der fünften Etage braucht man sich für die Fresh-Flow-Gerichte nicht anzustellen, und kaum tritt man einer Ware näher, wird einem auch schon Beratung angetragen. Wie kann es sein, dass so kurz vor der Bescherung sich niemand für den Steiff-Teddy mit König-Ludwig-Orden interessiert, oder für die Vuitton-Heels und Dior-Bags auf dem Luxusboulevard? Wollte der Oberpollinger nicht nach seiner Neueröffnung vor drei Jahren zu einer Basilika werden, in die man auch pilgert, wenn man sich bloß das Staunen, nicht das Kaufen leisten kann?

Doch das zum insolventen Arcandor-Konzern gehörende Luxuskaufhaus liegt mitten in der Münchner Fußgängerzone. Deren Besucher haben überschaubarere Wunschzettel: Modeschmuck, Handy-Flatrates und die Economy-Fashion der einschlägigen Ketten, zwischendurch vielleicht eine Tüte gebrannter Mandeln. Die Frauen mit den Burberry-Schals und den richtigen Stickereien auf den Jeans-Taschen, die Frauen mit dem Drang nach Trophäen wissen wahrscheinlich nicht einmal, dass es die Kaufinger- und die Neuhauser Straße gibt. Falls sie doch einmal da waren, wollen sie so schnell nicht mehr hin. Zu laut, zu voll, zu hektisch. Bis zu 17 000 Passanten ziehen hier stündlich durch. Da verliert man auf der Stelle die Gewissheit, etwas Besonderes zu sein.


Die Fußgängerzone wurde am 30. Juni. 1972 von Hans-Jochen Vogel der Öffentlichkeit übergeben. Es war die letzte Amtshandlung des damaligen Oberbürgermeisters, nur sieben Wochen vor den Olympischen Spielen, für die München sich systematisch modernisiert hatte. Seitdem fahren zwischen Stachus und Altem Rathaus nur noch zu den Lieferzeiten Autos. Auch die Radfahrer müssen absteigen, selbst spät nachts, wenn sich außer Polizisten niemand von ihnen gestört fühlt. Anfang der Sechzigerjahre hatten sich werktags noch 1400 Trams und 75 000 Autos durch die Kaufinger- und Neuhauser Straße gequält, und die Fußgänger mussten auf den engen Trottoirs »wie in Kolonnen« vorantrippeln, erinnert sich Vogel. So entschloss sich München zu einem radikalen Akt stadtplanerischer Notwehr: Unter Karlsplatz und Marienplatz wurden S- und U-Bahnhöfe vergraben, die Straßenbahnlinien in der Innenstadt abgeschafft, die Bürgersteige eingeebnet. Fortan hatten die Passanten freien Auslauf, 900 Meter lang. Damals galt es als revolutionär, dass eine Fußgängerzone sich so großzügig in einer Altstadt breitmachen durfte. Aus den Zeitungsartikeln jener Epoche spricht viel ungläubige Dankbarkeit. Dass Menschen keine Angst mehr haben müssen, über den Haufen gefahren zu werden! Dass sich eine Lärm- und Abgashölle durch eine urbane Idylle ersetzen lässt! Hans-Jochen Vogel ist immer noch stolz darauf, Münchens Mitte vor dem Individualverkehr gerettet zu haben, und Bernhard Winkler, der Architekt der Fußgängerzone, hat einmal gesagt: »Wer guten Willens ist, das Auto zu Hause in der Garage lässt, kann sich in dieser Stadt frei bewegen und glücklich sein wie die Menschen im Paradies, bevor sie vom Baum der Erkenntnis aßen.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Fußgängerzone hat ihre Unschuld verloren, ein Erfolg ist sie jedoch immer noch.)


Seitdem hat die Fußgängerzone ihre Unschuld verloren, ein Erfolg ist sie jedoch noch immer. Nirgendwo sonst in Deutschland werden höhere Mieten für Ladenflächen bezahlt, bis zu 310 Euro monatlich für den Quadratmeter. An manchen Samstagen stapfen bis zu 70 000 Kunden durch die Warenhäuser, eine ganze Kleinstadt also. An die 150 Läden vom kleinen Handy-Shop bis zum großen Kaufhaus bieten auf knapp 200 000 Quadratmetern ihre Waren an. Die allerdings bekäme man auch überall sonst: 69,6 Prozent der Geschäfte in der Münchner Fußgängerzone sind Filialen großer Ketten.

Und auch in den Traditionshäusern Hirmer oder Beck findet man wenig, was sich nicht auch in Oldenburg oder Tokio kaufen ließe. Immerhin gibt es im »Bistro-Café« am Marienplatz, vormals »Zum Ewigen Licht«, die Original-Weißwurst und beim »Augustiner« ein ordentliches Hendl, und wenn am Stachus das Eislauf-Wintervergnügen losgeht, sehen die Glühwein- und Bratwurstbuden aus, als hätte eine Transall alpine Skihütten abgeworfen. Das Lokale: bloßes Kolorit, das der städtischen Markenführung nützt, ein Souvenir für die Einheimischen, damit ihnen die globale Konsumwelt gemütlicher erscheint.

Beim Alten Peter versucht sich ein Saxofonist an Jazz-Standards, vor dem Rathaus reckt ein Junggeselle mit Orthografie-Schwäche ein Transparent »für das Verbot von BH’s, Autos, Flugzeugen, Alkohol und Stülen« hoch, an der Ecke zur Kaufinger fährt einer im Stand Rennrad für krebskranke Kinder. Man kann keinen Schritt laufen, ohne einem Touristen seinen Erinnerungsschnappschuss zu verhunzen, doch seit es digitale Kameras gibt, muss man wenigstens darauf keine Rücksicht mehr nehmen. Nur raus hier. Zara, Apple, New Yorker. Saturn, H & M, Pimkie, O2. Noch ein H & M, ach guck mal, und noch einer. Beate Uhse, Tretter, Deichmann. Benetton, St. Michael, Bürgersaalkirche, Christ, Christ, Christ. Und so weiter. Soll man sich wohlfühlen hier?

Wenn es warm ist, kann man sich wenigstens hinsetzen, auf die von der Stadtmarketinggesellschaft CityPartner spendierten Stühle »Modell München« – falls es sich mit der Selbstachtung vereinbaren lässt, auf angeketteten Stühlen zu sitzen. Man könnte sich auch vor dem »Augustiner« niederlassen oder dem »Schnitzelwirt«, und während man sein Bier vernichtet, dabei zusehen, wie sich in Augenhöhe die Unterleiber vorbeischieben und manchmal einem besonders gelungenen Gang hinterherschmachten. Es kommt aber hier selten vor, dass jemand seinen Gang auskostet. Dazu müsste sie anders beschaffen sein, nicht wie ein Einkaufsschlauch, der die Passanten an einem Ende ansaugt und am anderen wieder auswirft. Man hat in der Neuhauser und in der Kaufinger nicht sehr viele Gehtempi zur Auswahl: presto und allegro, aber nie scherzo, nie maestoso. Bleibt man stehen, staut sich im Rücken sofort das Gefühl, den anderen ein Hindernis zu sein. Es sind so viele unterwegs, dass man lieber bei sich bleibt, keine Sekundenflirts, keine Blickkontakte. Fürs Flirten und Angeflirtetwerden bräuchte man andere Straßen, andere Plätze, die den Körpern eine Bühne sein könnten und nicht nur den Waren Schaufenster. Kann man sich also wohlfühlen hier? Mag sein an manchen lauen Sommerabenden nach Geschäftsschluss. Meistens aber nicht, beim besten Willen.


(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Biegt man aus dem Hauptstrom ab, wird es nach all dem Gewusel manchmal so still, als wären plötzlich die Menschen verschwunden.)

Biegt man aus dem Hauptstrom ab, wird es nach all dem Gewusel manchmal so still, als wären plötzlich die Menschen verschwunden. Die Fußgängerzone zieht den benachbarten Wegen die Passanten weg. Im Hackenviertel, das tatsächlich noch sehr münchnerisch ist, gehen deswegen die Geschäfte mühsamer. Ähnliches ist aus vielen Fußgängerzonen bekannt, sie stehlen den angrenzenden Vierteln die Kunden. Manche Städte wie Kopenhagen haben die Konsequenz gezogen, gleich die ganze Altstadt, nicht bloß ein, zwei Hauptadern, fußläufig zu machen. So können sich die Passanten weiträumiger verteilen, in den dann besser frequentierten Seitenarmen sich auch kleinere Läden und Gastronomen ansiedeln, die zu wenig Umsatz-Potenz für die 1a-Mieten haben. Wer den Städtern angenehme Fußgängerzonen einrichten will, muss sich mit Strömungslehre befassen. Und dabei vor allem die Einsicht beherzigen, dass der Mensch nicht nur gehen, sondern auch stehen bleiben will.

Für Benjamin David ist die Münchner Fußgängerzone bloß »eine Autobahn – lauter Ein- und Ausfahrten, ein reines Verteilungssystem«. Der 33-jährige Geograf ist Mitbegründer der Urbanauten, einem Forum, das sich mit den öffentlichen Räumen in der Stadt beschäftigt und damit, wie die Öffentlichkeit sie sich zurückerobern kann.

Das Problem der Fußgängerzone, sagt David, ist nicht ihre Kommerzialisierung, gegen die man ohnehin wenig ausrichten könne. Das Problem besteht darin, dass die Passanten in ihr kaum Gelegenheit »zu Langsamkeit und Aufenthalt« finden. Öffentliches Leben sei nun einmal mehr als die bloße Anwesenheit vieler Leute, zu öffentlichem Leben gehöre auch die Neugierde aneinander, etwas Interessierteres als die »distanzierte Interaktion einander Fremder«. In München aber sei das schwieriger als in anderen Städten, weil zu viel reglementiert werde. Für jedes kleine Straßenfest müsse man mehrseitige Formblätter ausfüllen und so viele Auflagen erfüllen, dass man sich die Mühe gar nicht erst antun wolle. Die wirklich guten Straßenkünstler, »die acht Kettensägen jonglieren, während sie auf dem Hochrad fahren, und nach ein paar Minuten einen ganzen Platz in der Hand haben«, hätten keine Lust auf München, weil man sich hier jeden Morgen vor der Stadtinformation anstellen muss, um eine von zwölf Genehmigungen zu bekommen, »das machen gute Straßenkünstler nicht, dafür sind sie zu stolz«. Warum, fragt sich David, geschieht so wenig in der Fußgängerzone, und warum ist das Meiste, was geschieht, so zahm, so eintönig, so leblos?

Weil den Leuten nichts passieren soll, würden ihm die Beamten der für die Altstadt zuständigen Polizeiinspektion 11 antworten, die sich dabei auf die »Altstadt-Fußgänger-bereiche-Satzung« berufen können, gültig seit dem 13.7.1971. In diesem nur zweieinhalb Seiten umfassenden Regelwerk ist festgeschrieben, welche »Sondernutzungen« in der Fußgängerzone nicht der Erlaubnis bedürfen (der An- und Ablieferverkehr) und welche nicht erlaubnisfähig sind – das »Nächtigen in den Fußgängerbereichen«, das »Betteln in jeglicher Form« und das »Niederlassen zum Alkoholgenuss außerhalb zugelassener Freischankflächen«. Stimmt, denkt man, während man sich das vortragen lässt, in anderen Städten sitzen in den Fuzos immer ein paar Punks mit ihren Hunden herum und halten ihre Iros in die Sonne, und während einem das auffällt, beginnt man sie ein wenig zu vermissen, um der Artenvielfalt willen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Fußgängerzone in München ist ein sicherer und erstaunlich kriminalitätsarmer Ort.)

Andererseits: Die Fußgängerzone ist ein sicherer und erstaunlich kriminalitätsarmer Ort. Taschendiebstähle und Einbruchsversuche nehmen ab, Banküberfälle kommen praktisch nicht mehr vor. Nur am Stachus, wo sich die Jugendlichen treffen, kommt es öfter mal zu Reibereien, aber nichts, was aus dem Ruder liefe. Das größte Problem, sagt Josef Estner, Leitender Polizeidirektor, ist
der Alkohol, »wenn es ihn nicht gäbe, hätten wir nur noch halb so viel zu tun«. Neulich hat ein Betrunkener sich an der Wache erleichtert, »ein klarer Fall von Protestpinkeln«, der Bußgeldbescheid belief sich auf 123 Euro. »Wir lassen nichts durchgehen«, sagt Estner, »wir holen die Radfahrer auch nachts vom Sattel, die Leute müssen begreifen, dass die Regeln für alle gelten«, es ist ihm nur recht, wenn sich herumspricht, dass in der Fußgängerzone mit allzu viel Toleranz nicht zu rechnen ist, das hält die Bösewichte ab. Irgendwelche auffälligen Tendenzen? Ja, sagt Estner, die Mutproben bei den Junggesellenabschieden werden immer wahnwitziger, und neuerdings gibt es häufig Flashmobs. »Aber auch die beobachten wir.«

Erst neulich haben Benjamin Davids Urbanauten eine dieser Veranstaltungen inszeniert, die von einer Sekunde auf die andere über die Stadt hereinbrechen und sich genauso schnell wieder verflüchtigen, einen »Schwarm«, der per SMS und Twitter-Nachrichten gelenkt wurde. 380 Leute liefen durch die Fußgängerzone, pusteten in den Fünf Höfen Seifenblasen in die Luft, versammelten sich zum Synchron-Erstarren in der U-Bahn-Haltestelle unter dem Marienplatz. Eine Art Kinderspiel, getrieben von Übermut, von Selbstberauschung und von der Freude, eine Stadt zu verwirren, aber: Wieso soll man in der Öffentlichkeit nicht spielen können? Was ist sinnloser, was poetischer: das hektische Herumhetzen von Laden zu Laden oder Seifenblasen, die in den Abendhimmel tanzen?

Wahrscheinlich äußert sich in solchen Events ein Bedürfnis, das auch Wolfgang Fischer kennt, Sprecher von CityPartnerMünchen, einem Verein, zu dem sich die Unternehmer der Altstadt zusammengeschlossen haben. So erfolgreich und attraktiv das Stadtzentrum auch ist, sagt Fischer, es braucht einen neuen Schub. In den Siebzigern und Achtzigern sei es vor allem darum gegangen, sich gegen die Einkaufszentren auf den grünen Wiesen vor den Städten zu behaupten und die Innenstädte davor zu bewahren, zu Verkehrshöllen zu werden. Viel mehr hätten damals die Leute, abgesehen von ein paar besorgten Architekten und dem einen oder anderen hellsichtigen Politiker, gar nicht gewollt. »Jeder, der es sich leisten konnte«, sagt Fischer, »wollte im Grünen wohnen, nicht in der City.«

Das hat sich entschieden geändert: Die Leute drängen wieder in die Innenstadt, sehnen sich nach urbaner Vielfalt, nach einem Leben, in dem zwischen Arbeit, Einkaufen, Kultur und Erholung nicht immer endlose Fahrten liegen. Daher müsse man wieder in die Altstädte investieren. München, sagt Fischer, sei auf gutem Wege. Der neu gestaltete Sankt-Jakobs-Platz mit dem Jüdischen Museum sei ein Knüller, durch den Wegzug der Süddeutschen Zeitung aus der Innenstadt seien dort Areale frei geworden, die den Druck von der Kaufinger- und Neuhauser Straße nehmen können, und über kurz oder lang wird Einigung darüber herrschen, wie man das vernachlässigte »Tal« attraktiver gestalten kann. Seit ein paar Jahren steige in der Altstadt die Einwohnerzahl wieder, die neu gebauten Wohnungen gingen weg wie warme Semmeln. »Im Augenblick herrscht in der Innenstadt eine Dynamik wie seit Jahren nicht mehr.«

Das alles klingt ein wenig nach Ausweitung der Konsumzone und nach weiteren Arkaden für hochpreisigere Waren, aber wahrscheinlich hat Herr Fischer schon recht: Um die Fußgängerzone wieder wohnlicher zu machen, müsste man ihr mehr Platz geben und sich ein feinäderiges Passanten-Verteilungssystem ausdenken. Mit Autos hält man es ja ebenso: Sobald sich zu viele von ihnen stauen, leitet man sie um. Manchmal muss man die Fußgänger auch vor den Fußgängern retten.

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Nach ein paar Tagen in der Münchner Fußgängerzone hat Peter Praschl sich gefragt, ob man Autos und Fußgänger nicht auch miteinander versöhnen könnte. In der Schweiz wird seit einiger Zeit mit "Begegnungszonen" experimentiert, in denen beide zugelassen sind, aber aufeinander Rücksicht nehmen müssen.
Die schönste ist die von der Künstlerin Pipilotti Rist gestaltete Stadtlounge von St. Gallen; www.sanktgallen.ch/stadtlounge.

Fotograf: Samuel Zuder

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