München braucht einen neuen Konzertsaal!

Ein Plädoyer.

Vielleicht muss man bis ans andere Ende der Welt fahren, um zu erkennen, dass Mariss Jansons nicht verrückt ist. Und dass München tatsächlich noch einen dritten Konzertsaal für klassische Musik vertragen könnte. Seit Jahren klagt Jansons, Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, über die schlechte Akustik im Gasteig und im Herkulessaal, oftmals unter Verweis auf die hervorragen-den Säle in Japan. Als der Maestro im vergangenen Herbst mit seinem Orchester nach Fernost reiste, bot sich die Gelegenheit, seine Worte zu überprüfen. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks war schon oft in Japan, die Konzerte der vorvorigen Tournee wurden von japanischen Kritikern zu den besten des Jahres 2005 gewählt.

Es gilt also, einen Ruf zu verteidigen, als die Musiker in Tokios Suntory Hall zusammenkommen, wo im Foyer ein in Stein gemeißelter Brief Herbert von Karajans hängt: Der legendäre Dirigent lobt den Klang der Halle und berichtet von der »großen Freude«, die ihm sein Konzert bereitet habe. Mariss Jansons, einst Schüler Karajans, läuft während der Probe im Saal umher, um zu ermitteln, wie sich die 1. Sinfonie von Johannes Brahms auf den hinteren Plätzen anhören wird. »Der Saal ist wie ein Instrument«, sagt Jansons. »Wenn ein Geiger eine schlechte Geige hat, ist er unzufrieden. Dasselbe gilt für ein Orchester, das in einem schlechten Saal spielen muss. Aber die Suntory Hall ist ein sehr guter Saal – einer der besten der Welt.«

Vom besonderen Ort beflügelt, spielt das Orchester ein Konzert, das ein japanischer Kritiker unmittelbar danach als »Sternstunde der Musik« bezeichnet. Und der Klarinettist Werner Mittelbach erklärt, was die besondere Akustik der Suntory Hall ausmacht: »Dort hört man die Kollegen so, wie man sie hören muss. Und man hört sich selbst so, wie man sich hören muss. Man hört das ganze Orchester, aber auch die einzelnen instrumentalen Stimmen – wie Adern, die den Gesamtklang durchziehen. Brahms’ 1. Sinfonie habe ich bestimmt schon fünfzigmal gespielt, aber hier höre ich noch Neues.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: »Im Gasteig denkt man, das eigene Instrument sei kaputt, weil es so komisch klingt«)

Während der drei Abende in Tokio scheinen die Musiker trotz Tourneestress von Zufriedenheit durchglüht. Nach dem zweiten Konzert mit Mahlers 5. Sinfonie wartet der Geiger Florian Sonnleitner strahlend am Aufzug und sagt: »Am Ende des 1. Satzes kommt eine Stelle, wo die Trompete noch mal die Fanfare vom Anfang des Stücks spielt und dann die tiefe Trommel geschlagen wird. Haben Sie den Klang dieser Trommel gehört? In einem Saal wie der Suntory Hall ist das kein eindimensionales Geräusch, sondern ein kosmischer Klang!« Bevor Sonnleitner im Aufzug verschwindet, sagt er noch: »Das sind die entscheidenden Momente. Da fühlt man in sich Kräfte schlummern, die nicht jeden Abend hervorkommen.«

In München, darüber sind sich die Musiker einig, ist es deutlich schwieriger, solche Kräfte zu wecken. »Im Gasteig denkt man, das eigene Instrument sei kaputt, weil es so komisch klingt«, meint Werner Mittelbach, der Klarinettist. Dem Hornisten Ralf Springmann fallen, auf den Raumklang im Gasteig angesprochen, Worte wie »großer Brei« und »kalter Kaffee« ein. Diese Unzufriedenheit wird von der lokalen Konkurrenz geteilt. »Die Akustik im Gasteig ist wirklich schlimm«, bestätigt Christian Thielemann, Chefdirigent der Philharmoniker. »Ich finde es gut, dass nun eine Diskussion über die Zukunft der Münchner Konzertsäle angestoßen wurde.«

Die Diskussion um den Gasteig und um den möglichen Umbau des Marstall zum Konzerthaus fällt in eine Zeit, in der Städte in der ganzen Welt spektakuläre neue Hallen planen oder bereits errichtet haben. St. Petersburg, Los Angeles, Hamburg, Paris – bei all diesen Neubauten ist der japanische Akustik-Papst Yasuhisa Toyota federführend, der Mitte der Achtziger bereits den Klang der Suntory Hall konzipierte. Mittels aufwändiger Modelle berechnen Herr Toyota und sein Team bereits in der Planungsphase, wie der Schall vom Raum reflektiert wird. Durch Einflussnahme auf Baudetails lässt sich zum Beispiel unerwünschtes Echo vermeiden; Ziel ist ein Raumklang, bei dem die Musik Klarheit und Präsenz entfaltet und der auch in den hinteren Reihen differenziertes, ästhetisch genussvolles Hören ermöglicht, egal, ob ein Orchester oder ein Streichquartett spielt.

Ob der Münchner Marstall nun aber tatsächlich zum Konzerthaus gemacht wird, steht in den Sternen. Treibende Kraft hinter dem Projekt ist Kurt Faltlhauser, bis vergangenen Oktober bayerischer Finanzminister und seit Dezember Vorsitzender des Vereins »Konzerthaus Marstall e.V.«. Unter Faltlhausers Ägide wurde im vergangenen Jahr ein Ideenwettbewerb durchgeführt, aus dem der auf diesen Seiten gezeigte Entwurf der Berliner Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank als Sieger hervorging. Bei geschätzten Kosten von mindestens 100 Millionen Euro gibt es zwar auch Widerstand gegen das Projekt, allerdings wäre ein Scheitern nach Ansicht der Befürworter fatal. »Die Musikstadt München wird in zehn Jahren ausgetrocknet sein, wenn wir jetzt keinen Konzertsaal bauen«, glaubt Kurt Faltlhauser. Mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit will der Marstall-Verein deshalb bei Bürgern – und Entscheidungsträgern – für das Projekt werben. Falls das nicht fruchtet, wäre zu überlegen, die Gegner des Umbaus nach Tokio zu fliegen, für einen Bildungsaufenthalt in der Suntory Hall.

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