Beliebter als Sex

Der Suchbegriff »Pokémon Go« hat bei Google den ewigen Spitzenreiter »Porno« von der Spitze der Such-Charts verdrängt. Die erste gute Nachricht seit Monaten?

Irre Geschichten gibt es viele über Pokémon Go, das neue Handyspiel von Nintendo, bei dem man an realen Orten virtuelle Taschenmonster einfangen muss: Spontane Massenaufläufe an verschlafenen Orten, nur, weil die künstliche Intelligenz dort besonders viele Pokémons platziert hat; Atheisten, die in Kirchen rennen, weil ihr Telefon ihnen dort Monsterfunde verspricht; Falschmeldungen über durch Pokémon Go verursachte Massenkarambolagen, weil angeblich jemand auf der Autobahn ein Monster mit dem Telefon einfangen wollte.

Die seltsamste Meldung aber ist, dass Pokémon Go in dieser Woche »Porno« als meistgesuchten Begriff bei Google verdrängt hat. Die Verblüffung ist groß – vor allem darüber, dass es nach all den Jahren immer noch Menschen gibt, die sich an einen Computer setzen, die Tastatur zurechtrücken, flach durchatmen und dann mit zwei Fingern »P-o-r-n-o« in den Google-Suchschlitz tippen.

Was ist die Erwartung hinter dieser Suche, mit welchen Hoffnungen ist sie verbunden, und sind die vielen, vielen Menschen, die offenbar täglich so handeln, a) wirklich alle zum ersten Mal im Internet, oder b) wirklich davon überzeugt, aus dem nach 0,47 Sekunden bei Google auftauchenden Angebot von 1.040.000.000 Ergebnissen das für sie Passende herausfinden zu können? Oder interessiert sie einfach alles, was mit »Porno« zu tun hat, und sie arbeiten das von oben bis unten durch?

Auffällig ist die Anfangsähnlichkeit der beiden Suchbegriffe: P und O. Möglicherweise ist der übergroße Erfolg von Pokémon Go nicht zuletzt dadurch zu erklären, dass es Abermillionen Menschen auf der Welt gibt, die immer wieder vor Google gesessen und gedacht haben: »Ach, was könnte man denn hier mal suchen, hier gibt es doch alles«, und dann fällt ihnen doch wieder nichts anderes ein als »p-o ...«, und dann halten sie inne und denken: Was hat mich denn früher, vor zwanzig Jahren, sonst noch interessiert, muss es wirklich immer Porno sein, gab es nicht einmal etwas anderes in meinem Leben? Und so biegen sie auf ihrer Suche plötzlich von »porno« Richtung »pokemon« ab, denn das war das erste große Ding in ihrem Leben, damals, Mitte, Ende der Neunziger, aber nie ist dann irgendwas wirklich Interessantes und Neues gekommen bei Google. Bis jetzt, wo Google, wenn man anfängt, »p-o ...« zu tippen, schon von selbst vervollständigt zu »Pokémon Go«, weil das der neue Mega-Bringer in Augmented Nostalgia überhaupt ist.

Wenn das Internet und insbesondere die Suchanfragen bei Google ein Spiegel der Welt sind, dann ist also möglicherweise etwas fast Rührendes passiert in dieser Woche: die Welt hat endlich etwas gefunden, dass sie noch mehr interessiert als Porno, und sei es aus Versehen: »Pokémon Go«, ein großes, kleines Spiel. Das heißt: Die Welt hat ihre Unschuld wiedergefunden.

Dies wird sich aber natürlich ändern, sobald jemand die perfekte Synthese von Porno und Pokémon Go programmiert und vermarktet, schätzungsweise also nächsten Monat. Wir melden hiermit jeweils Titel- und Gebrauchsmusterschutz an für »Pornomom Go« in allen Schreibweisen.

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