Die wahre Botschaft des Erotikbieres

Weil er sein Bier unbekleidet braut, geistert ein oberfränkischer Braumeister durch die Medien. Sind wir damit endgültig im posterotischen Zeitalter angekommen?

Ein 61-jähriger Bierbrauer aus Oberfranken mit dem passenden Namen Jürgen Hopf hat es in den letzten Wochen dank einer Meldung der Nachrichtenagentur DPA zu einiger Prominenz gebracht: Er behauptet nämlich, Deutschlands erstes und einziges Erotikbier herzustellen – weil er es angeblich immer nur nachts und lediglich mit einem Lendenschurz bekleidet braut. »Wo ich nachts nackt bin, da ist die Erotik«, sagt er kühn und liefert damit vielen Menschen in Langzeitbeziehungen endlich eine Antwort auf die Frage, wo denn bitte die Erotik hin verschwunden ist. Sorry, Leute, ihr könnt aufhören zu suchen, sie geistert durch eine Brauerei in Wunsiedel und kommt wohl auch nicht zurück.

Der Erfolg des »Gerstensafts für Manneskraft« in der Farbgebung »Libido-Gold« lässt sich auf der Webseite der Brauerei nachverfolgen, denn tatsächlich wird das Erotikbier schon seit 2002 national und international vertrieben. Noch erfolgreicher als das Bier selbst ist eigentlich nur seine Medienkarriere, diverse regionale Hörfunk- und Fernsehformate haben bereits berichtet, auch im  Frühstücksfernsehen und in den Abendnachrichten hat man den fidelen Nackt-Brauer schon gezeigt. Was vor allem dafür spricht, dass »Erotik« immer noch das magische Etikett ist, mit dem sich jedes noch so absurde Produkt auch Jahre nach seiner Einführung zur »neuen pfiffigen Geschäftsidee« hochjazzen lässt.

Es zeigt aber auch, dass wir längst im posterotischen Zeitalter angekommen sind, wenn mehr und mehr Menschen es tatsächlich für Erotik halten, dass irgendjemand irgendetwas unbekleidet tut. Vom Angelhaken bis zum Zungenschaber könnten diverse Produkte, die bislang nicht im Erotikfach verortet wurden, mit neuem Sexappeal aufgeladen werden, könnte man den Kunden nur glaubhaft versichern, eine Armada nackter Facharbeiterinnen und Facharbeiter würde nachts Manufakturen und Fabrikhallen bevölkern, um sie herzustellen. Um beim Zungenschaberbeispiel zu bleiben, müsste Deutschlands führender Zungenschaberhersteller eine Medienoffensive starten, sich »Erotikzungenschaber« markenrechtlich schützen lassen, eine leicht bekleidete Dentalhygienikerin und einen leicht bekleideten Materialspezialisten als Werbefiguren im Frühstücksfernsehen auftreten lassen, schon würden Millionen Zungenschabernutzer den Morgen mit dem guten Gefühl starten, sich im weitesten Sinne mit Erotik zu befassen, wenn sie sich dem Pelz in ihrem Mund widmen.

Ähnlich wie die Bilder von grünen Almwiesen und urigen Kannen auf Milchpackungen Konsumenten erfolgreich über das wahre Schicksal von Milchkühen hinwegtäuschen, müssten geschickt inszenierte Pressefotos von der Tristesse der sicher weitgehend automatisierten Zungenschaberherstellung ablenken. Eine tatsächliche Umstellung auf nacktes, nächtliches Produzieren in frivoler Atmosphäre würde allerdings arbeitsrechtlich wohl kaum durchzusetzen sein.

Umso größer ist unsere Ehrfurcht vor dem Erfinder des Erotikbiers, sollte er trotz des Erfolgs nach wie vor Nacht für Nacht nackt in seinem Braukeller stehen, ohne dabei Rücksicht auf die eigenen Schlaf- und Erotikbedürfnisse zu nehmen. Bei soviel Hingabe ans Produkt bleibt uns nur zu wünschen, dass in Zukunft statt der langweiligen nackten Frau mit dem Pornoblick Braumeister Jürgen Hopf höchstselbst vom Etikett der Erotikbierflasche grüßt, mit Bierbauch und Lendenschurz. Flasche um Flasche könnte dem Konsumenten so verdeutlicht werden, dass wahre Erotik nicht durch Äußerlichkeiten entsteht, sondern allein durch Leidenschaft und ein gerüttelt Maß an Selbstvergessenheit.

Foto: dpa

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