Der kleine Vibrator Nimmersatt

Warum sieht Deutschlands beliebtester Vibrator wie eine Raupe aus? Phallus-Traditionalisten sind entsetzt.

Rund 400.000 Vibratoren werden in Deutschland pro Jahr verkauft, hauptsächlich an Frauen. Inzwischen besitzt jede vierte Bundesbürgerin einen oder gleich mehrere Vibratoren. Doch nun die Überraschung: Das mit Abstand beliebteste Model heißt »Patchy Paul«, ist in grün, pink und rot erhältlich und hat die Form einer grinsenden Raupe.

Eine Entwicklung, die konservativen Phallus-Anhängern Unbehagen bereitet. Uns ist das Redemanuskript anlässlich der Jahrestagung des Vorsitzenden des »Vereins zur Förderung der gesellschaftlichen Anerkennung peniler Ästhetik« zugespielt worden, das wir hier exklusiv veröffentlichen:

»Liebe Freunde,

die Entwicklungen der letzten Jahre haben es schon angedeutet, jetzt ist es traurige Gewissheit: Der Penis steckt in der Krise. Unser vormals respektiertes Genital wird heute verlacht und marginalisiert, ja, ich würde sogar sagen: seiner Würde beraubt. Seinen Höhepunkt findet diese Entwicklung im Siegeszug von »Patchy Paul«, einer impertinent grinsenden Raupe mit Vibrationshintergrund, die Frauen im ganzen Land heute als Lustspender dient und dem Penis in seinem angestammten Wirkungsbereich Konkurrenz macht, ihn gar gänzlich verdrängt. Wenn hunderttausende Frauen es vorziehen, mit der Silikonnachbildung eines Insekts zu verkehren als mit einem menschlichen Penis oder wenigstens der naturgetreuen Nachbildung eines menschlichen Penis, dann ist dies Anlass zu größter Besorgnis.

Wie also reagieren wir auf diese Entfremdung? Wie können wir Frauen wieder empfänglicher machen für die Schönheit und Anmut des männlichen Genitals? Wir müssen uns eingestehen, dass unsere bisherigen Maßnahmen wenig gefruchtet haben. Auf der letzten Jah-resversammlung hatten wir unsere Mitglieder ermutigt, Fotos ihrer zu voller Pracht erigierten Penisse an möglichst viele weibliche Bekannte zu schicken, um ein Zeichen zu setzen, dass der Penis nicht nur auf seine Funktion reduziert, sondern auch in seiner Ästhetik wertgeschätzt werden muss. Dieses Vorgehen hatte – wie Sie alle wissen – wenig Erfolg, im Gegenteil: Wir wurden verlacht, beschimpft, sogar angezeigt. Das unaufgeforderte Versenden von Raupen-Fotos ist jedoch nach wie vor straffrei, was vermuten lässt, dass »Patchy Paul« Freunde, beziehungsweise Freundinnen auch in den höchsten Staatsämtern hat.

Wir müssen also einen radikalen Strategiewechsel vornehmen und haben uns zu diesem Zweck einen Verbündeten aus dem Tierreich gesucht: Den Nacktmull. Dieses eindrucksvolle Nagetier hat eine bestechende Ähnlichkeit mit dem männlichen Genital, ist jedoch im Gegensatz zur Raupe von der Erotikindustrie bislang wenig beachtet worden. Zunächst versehen wir den Nacktmull mit einem positiven Image. Es ist zu vermuten, dass der Erfolg von »Patchy Paul« unmittelbar mit dem Erfolg des Kinderbuchklassikers »Kleine Raupe Nimmersatt« zusammenhängt. Daher werden wir den Nacktmull im gerade bei Frauen sehr beliebten Genre des Tierkrimis positionieren: Ein Kriminalfälle lösender Nacktmull wird den sympathischen Nager ins Bewusstsein der lesenden Bevölkerung katapultieren. Darüber hinaus arbeiten unsere Experten bereits an einem Prototyp von »Hungry Horst«, dem Nacktmullvibrator, der »Patchy Paul« dank seiner 24 Vibrationsprogramme, überragenden Verarbeitung und seines naturnahen, gleichzeitig verspielten Designs endgültig aus deutschen Schlafzimmern verdrängen wird.

Mittels »Hungry Horst« werden die Nutzerinnen langsam von der albernen Kinderspielzeugästhetik »Patchy Pauls« entwöhnt und wieder an die Schönheit des männlichen Genitals herangeführt. Es kommt eben nicht nur auf die inneren Werte an, liebe Freunde. Und es wird Zeit, dass auch Frauen das endlich begreifen. Lasst uns gemeinsam weiter daran arbeiten!

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit, das Buffet ist eröffnet.«

Illustration: Joe Webb