Ja! Toll! Lechz! Stöhn!

87 Prozent aller Frauen machen Geräusche beim Sex, um das Selbstwertgefühl ihres Partners zu steigern. Da stellt sich die Frage: Warum nur im Bett?

Eine Studie unter heterosexuellen Frauen zwischen 18 und 48 hat ergeben, dass 92 Prozent von ihnen glauben, Geräusche beim Sex würden das Selbstwertgefühl ihres Partners steigern. 87 Prozent gaben an, diese Annahme sei der eigentliche Grund für die von ihnen verursachten Sex-Geräusche. (Ein geringer Prozentsatz erforschter heterosexueller Frauen ist also offenbar der Ansicht, dass ihr Partner für sein Selbstwertgefühl selbst zuständig ist.)

Mit »Sex-Geräuschen« sind in diesem Zusammenhang nicht quietschende Bettfedern, vor der Schlafzimmertür miauende Hauskatzen oder Barry-White-Songs gemeint, sondern das, was die Wissenschaft als »Kopulations-Vokalisation« bezeichnet, vulgo Stöhnen oder minimalverbale Äußerungen wie »Oh mein Gott« oder »Ja! Ja!« (nicht zu verwechseln mit »Ja, ja, schon gut«).

Die Tatsache, dass heterosexuelle Frauen diese Geräusche machen, um das Selbstwertgefühl ihrer Partner zu steigern, wirft die Frage auf: Warum nur beim Sex? Oft wird heutzutage eine Krise der Männlichkeit beklagt, ein Verlust an männlichem Selbstbewusstsein, das männliche Geschlecht an sich wird als krank und geschwächt beschrieben, aufgerieben durch die Anforderungen neuer Rollen, verunsichert durch die Entthronung als Haushaltsvorstand. Würde es helfen, wenn der heterosexuelle Mann auch im Alltag oder in hohen politischen Ämtern mehr von Frauen durch vor-orgiastische Minimal-Verbalisierungen wie »Oh mein Gott, ja, ja, ja!« unterstützt werden würde?

Man möchte es sich nicht ausmalen, aber beim Nachdenken über Sexgeräusche darf es keine Denkverbote geben. Unter Umständen wäre es jedoch hilfreich, das Thema an dieser Stelle ausnahmsweise seiner sexuellen Komponente zu entkleiden: Vielleicht werden Männer einfach insgesamt zu wenig angefeuert. Die Gesellschaft muss lauter, hörbarer wohlwollend stöhnen, um das Selbstwertgefühl des Mannes aufzurichten. Kinderwägen schiebende Männer müssen sich durch Spaliere von Jubelnden drängen. Ihre Schultern müssen wund sein nicht von der Last des Mann-Seins, sondern vom zustimmenden Draufklopfen der ganzen Welt, wenn sie im Supermarkt eine Vorteilspackung Windeln aufs Band wuchten. Wenn sie sich Teilzeit trauen, müssen sie gefeiert werden wie die kühnen Recken aus Heldensagen, und ihr Weg zum Babyschwimmen muss führen durch die marmornen Ruhmeshallen wie aus heroischer Zeit. Denn wenn Anfeuern im Bett die Sache zum Ende bringen kann, dann kann der Rest der Welt dadurch auch den gesellschaftlichen Wandel voranbringen, der bisher lahmt, weil das männliche Selbstwertgefühl am Boden ist, seit Frauen Bundeskanzler, Zweitliga-Schiedsrichter, Fußballkommentatorinnen und Männer werden können.

Warum die übrigen 13 Prozent in der Studie Geräusche beim Sex machen, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Beobachtungen in Mehr-Parteien-Wohnhäusern legen jedoch die Antwort nahe: um die Nachbarn zu trollen.

Illustration: Sammy Slabbinck

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