Was verraten unsere Privatpornos über uns?

Jeder sechste Deutsche hat schon einen Sexfilm gedreht. Wie werden zukünftige Generationen mit diesem kulturellen Schatz umgehen?

Nach Erkenntnissen einer Datenanalyse im Auftrag der Firma Vexcash hat jeder sechste Deutsche schon einen »Privatporno« gedreht. Obwohl leicht rätselhaft bleibt, was um Himmelswillen die übrigen fünf Sechstel mit ihren hochleistungsfähigen Smartphonekameras anfangen, entsteht hier eine beeindruckende Datenmenge. Selbst, wenn wir konservativ annehmen, dass also rund 10 Millionen Deutsche jeweils einen etwa fünfminütigen »Privatporno gedreht« haben, ergibt dies eine akkumulierte Privatporno-Laufzeit von fast hundert Jahren. Ist dies der wahre Datenschatz, den die Cyberarchäologinnen der Zukunft heben werden, und mit Hilfe dessen sie analysieren werden, wer wir waren? Ist es das, was am Ende von uns und unserem Zeitalter bleiben wird?

Zwar werden auf den Speicherkarten und in den Clouds nach dem Untergang unserer Zivilisation noch weitaus mehr Bilder und Filme von Ostsee-Urlauben, Einschulungen, Katzenbabys, One-Pot-Pasta-Gerichten und kleineren Blechschäden zu sehen sein. Aber die privaten Sexfilme sind besser versteckt und werden daher a) den finalen Daten-Wipe-Out überleben, und b) den Anthropologen der Zukunft besonders bedeutsam erscheinen.

So, wie wir heute mit pflichtschuldigem Bildungsinteresse die Sport- und Sexbildchen auf antikem Steingut bewundern, werden unsere Nachfahren in eigens dafür errichteten Multimedia-Museen Querschnitte durch das »Privatporno«-Schaffen unserer Epoche betrachten. Ein ganzer Flügel eines solchen Museums wird der kultischen Bedeutung der Herrensocke gewidmet sein. Eine akademische Richtung wird sich auf die Analyse der hellen, oft weißen Sportsocke konzentrieren, eine konkurrierende auf die schwarze, dunkelblaue oder dunkelbraune, und nie werden sie Einigkeit darüber erzielen, weshalb diese Socken so selten ausgezogen wurden, alles andere aber schon. Die gängige These wird sein, dass der Herrensocke in unserer Kultur aphrodisierende Wirkung nachgesagt wurde, und im Museumsshop wird man mit nur scheinbarer Ironie Nachbildungen berühmter Sockenformen unserer Epoche erwerben können.

Die Kunsthistorikerinnen jedoch, die sich aufs weite Feld der Bettwäscheanalyse spezialisiert haben, werden immer hinabschauen auf die Sockenforscher. Ganze Sonderausstellungen werden sie der Frage widmen, welche kulturelle Bedeutung die Satinbettwäsche von der in Feinbiber trennte. Oder, werden sie auf Konferenzen verhandeln, waren es am Ende nur technische Gegebenheiten, weil Feinbiber das Licht so viel weicher machte?

Kernstück eines jeden dieser Museen aber wird die Etage sein, auf der in mühevoller musealer Kleinarbeit die klassischen Interieurs der privaten Erotikfilmkunst unserer Epoche rekonstruiert sind: eine Reihe von nur halb aufgeräumten Schlafzimmern mit ordentlich Gerummel auf den immer gleichen »Pax«-Kleiderschränken. Diese Schrankeinheiten, werden unsere Nachkommen schlussfolgern, müssen in unserer Epoche den Menschen von einer höheren Instanz zugeteilt worden sein, womöglich waren sie das zentrale kultische Element dieser rätselhaften Zivilisation, so, wie einst die überdimensionalen Steinprofile auf den Osterinseln.

Da von unserer Zeit vermutlich nichts anderes übrig bleiben wird als eine über 100 Jahre lange »Privatporno«-Compilation, werden die Museumsbesucherinnen und -besucher der Zukunft diese Ausstellungen mit einem seltsam heiteren Gefühl verlassen. Was muss es, werden sie denken, für eine wunderbare, sorgenfreie und unschuldige Welt gewesen sein, in der die Menschen nichts anderes zu tun hatten, als einander rund um die Uhr beim Sex zu filmen. Und eine zeitlang werden sie versuchen, diese unsere untergegangene Welt für sich heraufzubeschwören, indem sie sich bei den alten Namen rufen, die sie im Museum gelernt haben: »Schnucki«, »Süßer«, »Hengst« und »du geile Sau«. Aber es wird nicht dasselbe sein, und am Ende wird ihnen nur Wehmut bleiben, dass sie unsere Zeit nicht miterlebt haben, die sexyste von allen.

Illustration: Sammy Slabbinck