Streifzug in die Wirklichkeit

Fotografie hat im SZ-Magazin schon immer eine herausragende Stellung eingenommen. Daher stellen wir Ihnen hier junge, talentierte Fotografen vor. Diesmal: Markus Bruckner verfremdet Fotografien von echten Dingen, damit der Betrachter eine bessere Sicht hat.


    Name:
    Markus Bruckner
    Jahrgang: 1969
    Ausbildung: Hochschule Coburg (Industriedesign)
    Kontakt: www.markusbruckner.de

    Wie kommt man als Industriedesigner zur abstrakten Fotografie? Normalerweise erwartet man Arbeiten wie Ihre Serie "Real Stripes" eher von experimentierfreudigen Fotokünstlern.
    Markus Bruckner:
    Im Prinzip bin ich Autodidakt, aber als Industriedesigner lernt man im Studium zumindest theoretisch all das, was auch Fotografen wissen müssen. Mir ging es bei dieser Arbeit auch eher um eine philosophische Frage, mit der sowohl Designer als auch Fotokünstler in der Ausbildung konfrontiert werden: Was ist die Wirklichkeit, die wir sehen? Ich habe versucht, diese Frage durch Abstraktion zu ergründen. Für Fotografen müssen Bilder ja oft bestimmten handwerklichen Ansprüchen genügen, also zum Beispiel perfekt ausgeleuchtet sein. Darum ging es mir gerade nicht.

    Die Bilder tragen Titel wie "Knochen", "Puppe" und "Höschen", also wirkliche Objekte. Wo ist bei Ihren Bildern die Wirklichkeit?
    Wenn man sich in der Wirklichkeit zum Beispiel einen Knochen anschaut, dann hat sofort jeder ein Bild im Kopf, eine Kette von Assoziationen. Da hört die Vorstellung aber leider auch auf, weil man über das Bild nicht länger nachdenken muss - man weiß ja, was man sich anschaut. Tatsächlich aber hat jeder von uns von dieser scheinbaren Wirklichkeit ein ganz anderes Bild, und auch das Foto von einem Knochen bildet nicht die Realität ab, ist also nicht die Wirklichkeit. Ich habe alle Farben aus den realen Fotografien am Computer mit einem Werkzeug horizontal oder vertikal verwischt. Das Ergebnis sind stark abstrahierte Bilder, die dem Betrachter nun viel mehr Spielraum für Interpretationen lässt. Der einzige Hinweis darauf, was man sich anschaut, ist der Titel des Bildes. Das klingt spannend, aber warum sollte man sich ein Bild von etwas anschauen, wenn man nicht sofort etwas erkennen kann?
    Ich wollte die Betrachter zum Träumen anregen, zum Nachdenken darüber, wie jeder von uns die Wirklichkeit wahrnimmt. Sehen heißt, sich eine Meinung zu bilden. Im weiteren Sinne ist mir aber eigentlich gar nicht wichtig, dass die Betrachter meine Bilder verstehen. Sie sollten sich Zeit nehmen und die Fotos auf sich wirken lassen. Je abstrakter das Bild ist, desto stärker kann man damit assoziieren. Dadurch wird man innerlich viel stärker aufgewühlt. Für solche Bilder muss man sich Zeit nehmen, und sich darauf einlassen.

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    Interview: Sebastian Schöbel

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