»Entscheidend für eine Illusion sind der Kamerawinkel und das Licht«

Die Bilder des Fotografen Raymond Waltjen zeigen Gebäudefassaden und Stadtfluchten – die komplett aus Verpackungsmüll bestehen. Ein Gespräch über Sinnestäuschungen, brutalistische Architektur und die Frage: Wohin mit all dem Abfall, den die Menschheit produziert?

Name: Raymond Waltjen
Geburtsjahr: 1956
Wohnort: Amstelveen, Holland
Ausbildung: Art Academy, Amsterdam
Website: www.waltjen.nl

SZ-Magazin: Herr Waltjen, wie kamen Sie auf die Idee, Verpackungsmüll als Gebäude zu inszenieren?
R
aymond Waltjen: Ganz einfach: Als ich Verpackungsmaterial im Müll herumliegen sah. Lauter alte Kartons. Ich sah diesen Haufen und irgendwie erinnerte mich das Ganze ein bisschen an Gebäude. Das faszinierte mich, die Idee, dass Kartons aussehen können wie Gebäude, ließ mich nicht los.

Wie gingen Sie dann vor?
Ich sammelte immer mehr solcher Kartonagen, irgendwann hatte ich einen ganzen Schuppen voll. Wenn man die Kartons nebeneinanderstellte, sah das aus wie die Gebäudestruktur einer Stadt. Ich wusste nur nicht, ob das auf Fotos auch so rüberkommen würde, also fing ich an, zu experimentieren. Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich im Studio nach zwei Tagen eine Stadt gebaut.

Haben Sie dabei einen besonderen künstlerischen Trick angewandt?
Entscheidend für eine solche Illusion sind eigentlich immer der Kamerawinkel und das Licht. So kann aus altem Verpackungsmaterial vor unserem inneren Auge ein Tempel in Ägypten werden, ein brutalistisches Gebäude aus den Siebzigerjahren oder einer Millionenstadt im Libanon. Ich habe mal eine Dokumentation über libanesische Architektur gesehen. Diese kompromisslosen Formen haben mich beeindruckt. Sie wirken alt, haben dadurch aber besondere Schönheit in sich. Die Kartons erinnern mich daran.

Warum nannten Sie Ihre Serie »Recycling«?
Ich liebe Architektur, sie ist für viele meiner Arbeiten eine große Inspiration. Ich hatte für »Recycling« erst einen anderen Titel, etwas mit Architektur. Aber ich fand dann den Gedanken gut, dass man aus Müll etwas Neues schaffen kann. Dass man mit alten Kartons den Betrachter zum Staunen und Nachdenken bringen und seine Fantasie anregen kann. Das versuche ich immer mit meinen Serien. »Recycling« ist übrigens noch nicht fertig, ich arbeite gerade an neuen Fotos, unter anderem mit Bauschutt. Auch dabei geht es mir darum, eine Illusion zu erschaffen, die Menschen an ferne Orte trägt und sie gleichzeitig grübeln lässt.


Worüber?
Über unseren übermäßigen Konsum. Über die Fragen: Wie können wir die enorme Menge an Abfall reduzieren, die wir tagtäglich verursachen? Was können wir wiederverwenden, bevor es im Müll landet? Wie können wir nachhaltiger leben? Ich habe auf diese Fragen keine Antworten, deshalb soll die Fotoserie die Menschen, dazu bringen, darüber nachzudenken.

Sie arbeiten viel mit Strukturen und Symmetrie. Woher kommt das?
Nach der Uni habe ich als Art Director gearbeitet. Mir hilft das heute noch dabei, die grafische Seite an meinen Fotos zu finden, etwa über das Licht oder bestimmte Winkel. Mit der Zeit verliebte ich mich immer mehr in die Fotografie und beschloss 1999, nur noch als Fotograf zu arbeiten. Ich fotografierte für Magazine wie Italy Magazine und Life in France, inzwischen mache ich eigene Ausstellungen und Bücher, hauptsächlich mit Architektur- und Stadtlandschaftsfotografie.

Postproduction bei »Recycling«: Andre Beuving