Das Brüllen im Kopf

Wenn Ulrike Pichl abends einschläft, weiß sie nicht, ob sie am Morgen das Haus verlassen oder auch nur aufstehen kann. Die 33-Jährige leidet seit zehn Jahren unter chronischen Schmerzen. Wie sie Arbeit, Freunde und Liebe damit vereinbart und was sie über Schmerzmittel gelernt hat, erzählt sie in unserer neuen Kolumne. Folge 1: Ein verhängnisvoller Volksfestbesuch.

Illustration: Eleni Kalorkoti

Der letzte Tag meines alten Lebens war ein Samstag im Spätsommer. Ich weiß, dass es ein Tag war, auf den ich mich sehr gefreut hatte, weil ich mit einer Freundin das Volksfest besuchte. Seit frühester Kindheit war ich jedes Jahr dort, auch als junge Studentin noch, ich liebe Rummelplätze. Besonders angetan hat es mir alles, was sich überschlägt – und so ist es dann passiert. Wir saßen in einem wild rotierenden Fahrgeschäft, eingezwängt hinter einem großen, schweren Bügel. Hoch oben stoppten wir kurz und waren in Erwartung des nächsten Überschlags, da erkannte ich unten, in der Menge vor der Absperrung, ein vertrautes Gesicht. Ich wollte winken und streckte meinen Hals so weit es der Bügel zuließ nach vorne – genau in diesem Moment bewegten wir uns ruckartig weiter und mein Kopf wurde hart zur Seite geschleudert.

Kurz fühlte ich einen scharfen Stich, dann eine seltsame Hitze, die sich in meinem Nacken und dem Hinterkopf ausbreitete. Mir wurde flau. Ich überstand den Rest der Fahrt, anschließend setzte ich mich mit zittrigen Beinen in die Sonne. Das seltsame Gefühl verschwand, keine zwanzig Minuten später war es vergessen. Ich stand auf und fuhr an diesem Tag noch viele weitere Fahrgeschäfte.

Am nächsten Morgen wurde ich geweckt von vernichtenden, ja brüllenden Kopfschmerzen. Nichts was ich bisher als Kopfschmerz bezeichnet hätte, hatte etwas mit diesem Schmerz gemein. Als ich an diesem Morgen die Treppe hinunterstieg, presste ich meine Finger mit voller Kraft gegen die Schläfen – jede Erschütterung war unerträglich. Zugegeben, es beunruhigte mich trotzdem nicht. Ich nahm zwei Tabletten und legte mich wieder in mein Bett. Ich war Anfang 20, es war Sonntag, es war egal. Ich schlief wieder ein, in zwei Stunden würden die Schmerzen überstanden sein.

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Es vergingen zwei Tage, die Kopfschmerzen blieben nahezu unverändert. Aspirin beeindruckte sie nur wenig. Langsam schwante mir, dass etwas nicht stimmte. Ich wohnte damals noch bei meinen Eltern und mein Vater drängte mich, zum Arzt zu gehen. Doch zu welchem Arzt geht man mit derart starken Kopfschmerzen? Mein Hausarzt hatte Urlaub und ich bekam einen Termin bei der Vertretung. Erst während des Gesprächs mit ihr erinnerte ich mich an das Fahrgeschäft, an das Ziehen und die Hitze. Sie bearbeitete meine Wirbelsäule, verschrieb mir Tabletten und empfahl mir einen Orthopäden, bei dem ich am nächsten Morgen vorbeikommen konnte.

Es war Tag fünf meines neuen Lebens und die Kopfschmerzen hatten sich etwas reduziert. Ohne eine Vorwarnung führte der Arzt mit seinen Händen an meinem Hals eine ruckartige, schnelle Bewegung durch. Mir wurde schlecht und ich musste mich aufstützen. Er diagnostizierte ein Schleudertrauma und blockierte Halswirbel und verschrieb mir eine Halskrause, die ich drei Wochen tragen sollte. Anschließend wäre es wichtig, jeden Tag Sport zu machen, denn es sei nur verständlich, dass man an starken Kopfschmerzen leide, wenn man so wenig Muskulatur habe.

Der Sommer zog weiter, der Kopfschmerz blieb. Er veränderte ständig seine Stärke, mehrmals täglich, manchmal stündlich. Je mehr Sport ich machte, desto schlimmer wurde es. Mein Nacken war ständig steif, bei jeder Bewegung knackte oder knirschte es. Manchmal kam das heiße Ziehen zurück. Ich hatte Tag wie Nacht Wärmesalben und heiße Kissen im Nacken und stank nach Campher.

Ich merkte, dass ich mich zunehmend unsicher fühlte und mir Dinge, die mir bis dahin Spaß gemacht hatten, zu viel wurden. Ich hatte keinen Arzt oder Therapeuten, der mich wirklich ernst nahm, ich hatte keine sinnvolle Untersuchung, ich hatte keine Medikamente, die mir die Schmerzen genommen hätten, ich hatte nichts.

Mein Privatleben litt sehr darunter, denn ich verbrauchte fast alle Reserven, die ich hatte, für das Studium und die Diplomarbeit. Dann kam der Schmerz vom Anfang zurück, mit einer Wucht und Heftigkeit wischte er all meine Dehnungen und Salben und Tabletten und Atemtechniken und Yogaübungen und Akupunkturnadeln und überhaupt alle Bemühungen fort, als hätte es sie nie gegeben. Ich war ihm ausgeliefert.

Ich bekam Cocktails aus Medikamenten von Neurologen und Anästhesisten, und immer wieder fand ich mich verzweifelt und erschöpft in der Notambulanz ein, weil ich vor Schmerzen kaum mehr sprechen konnte. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass Schmerz nach oben hin nahezu keine Grenzen kennt. Immer wieder wurde ein von mir für maximal stark gehaltener Schmerz durch eine neue Erfahrung übertrumpft. Doch ich musste im Lauf der Jahre lernen, darüber einzuschlafen, denn ich habe sonst nicht mehr genug Medikamente für die restlichen Schmerzen übrig.

Ich schaffte es, mein Studium abzuschließen und ich beschloss, mich selbstständig zu machen. Ich wusste, dass ich keine Probezeit überstehen würde, denn ich war auf dem realen Arbeitsmarkt nur bedingt bis gar nicht arbeitsfähig und konnte mich nicht nach Bürozeiten richten. Dazu hätte ich keine Kollegen ertragen, die mich als Last sahen.

Es folgte ein jahrelanges Chaos aus Therapien und Diagnosen. Jeder Empfehlung, die ein Arzt oder Bekannter oder Freund oder einfach ein anderer Patient im Wartezimmer mir gab, ging ich nach – erfolglos. Aber selbst in diesem Zustand war ich noch nicht ganz unten angekommen, es ging noch tiefer. Der nächste Abschnitt begann in einem Wellnessbad. Ich lag im warmen Salzwasser und genoss die Wärme im Nacken. Langsam, ganz langsam, blühte ein wunder Schmerz in meinem Fuß auf, ein penetrantes Ziehen, das nach und nach mein ganzes Denken einnahm. Ich empfand Panik angesichts der Vorstellung, auch dieser Schmerz könnte nun zu meinem Leben gehören. Wir fuhren alarmiert nachhause.

Meine Befürchtungen bewahrheiteten sich: Nun jahrelang wütende Ganzkörperschmerzen hatten an diesem Abend mit meinem Fuß ihren Anfang genommen. Wadenkrämpfe, Schmerzen in den Händen, Armen, in den Zehen, ja in Regionen, die ich vorher nie beachtet hatte. An manchen Tagen hatte ich solche Muskelschwäche, dass ich nicht in der Lage war einen Schraubverschluss zu öffnen oder meinen Föhn zu halten. Kurze Spaziergänge waren oft die einzigen möglichen Aktivitäten und selbst diese erschöpften mich über die Maßen. Führte der Weg eine kleine Steigung hinauf, musste mein Freund mich ziehen.

Trotz allem konnten wir noch lachen. Es war unsere Rettung, dass wir immer etwas zum Lachen fanden. Meistens begriffen wir gar nicht, dass das, was da mit unserem Leben passierte, wirklich echt war. In den Stunden, in denen ich es an mich heranließ, erschrak ich zutiefst. Ich wusste, dass ich diese gedankliche Tür nicht zu weit öffnen durfte.

Manchmal glaubte ich mir das alles nur einzubilden oder verrückt zu werden, denn man fand keine organische Ursache, man fand keine ernsten Verletzungen, nur immer wieder Kleinigkeiten, die das ganze Ausmaß nicht erklären konnten. Brachte mich die klassische Medizin schließlich in einem Punkt nicht mehr weiter, las ich alles zu dem Thema, was ich sonst noch finden konnte. Ernährungsumstellungen, Entgiftungskuren, Nahrungsergänzungsmittel, Darmsanierungen und experimentelle Therapien aus dem Ausland, ich griff nach jedem Strohhalm. Wochenlang aß ich keine Milchprodukte oder Gluten, ernährte mich histaminarm oder nur von Reis, aß keine Eier, kaute jeden Bissen eine Minute, trank Essig oder Zitronenwasser und verzichtete auf Fleisch. Was ich auch machte, es half nichts.

Sechs Jahre nach der Fahrt auf dem Volksfest nahm ich im Schnitt an 25 Tagen im Monat unkontrolliert und planlos Schmerzmittel. Ich war erst 29 Jahre alt und hatte täglich starke Schmerzen und Erschöpfungszustände, für die niemand eine Ursache fand. Dazu kam die Angst, die bei mir einen idealen Nährboden fand, entkräftet und verwirrt, wie ich war. Es gab nicht viel, was ich ihr entgegensetzen konnte. Manchmal hatte ich Panikattacken während ich mich mit Freunden unterhielt oder bei meinen Eltern zu Besuch war. 

Mein Leben bröckelte weg, aber ich versuchte krampfhaft, alles zusammenzuhalten, was mir möglich war. Ich schleppte und quälte mich zu Verabredungen, ich nahm an Gesprächen teil, denen ich kaum folgen konnte. Ich war oft vergesslich. Aber ich war nicht bereit, mein Leben aufzugeben. Stoisch lud ich weiter Leute ein, ging zu Grillnachmittagen, ich sammelte meine letzten Reserven und feierte meinen Geburtstag. Ich spielte meinen Zustand herunter.

Manche Ärzte versprachen mir schon beim Erstgespräch, mich gesund zu machen. Ich hatte sie nicht danach gefragt. Manche wurden meiner recht schnell überdrüssig. Anderen aber bin ich sehr dankbar, denn sie haben nicht aufgegeben und dazu beigetragen, dass ich mich vor vier Jahren langsam und beharrlich aus dem tiefsten Sumpf ziehen konnte. Ohne Eigeninitiative und ständiges Forschen, Recherchieren und den Austausch mit anderen wäre ich jedoch nie an diesem Punkt angekommen. Hätte ich nicht ein so stabiles Umfeld gehabt, so treue Freunde und meine Familie, und wäre ich nicht trotz allem immer auch positiv und lebensmutig geblieben, weiß ich nicht wie es mir heute ginge.

Ich habe aktuell nur noch wenige Tage im Monat Ganzkörperschmerzen, ich leide nicht mehr unter chronischer Erschöpfung und mein Schlaf kommt meistens schnell. Ich kann meinen Föhn wieder halten und problemlos Flaschen öffnen. Ich kann an migränefreien Tagen wieder zwei Stunden spazieren gehen und manchmal sogar eine Strecke hinter dem Hund herrennen. Ich kann selbstständig kurze Strecken mit dem Auto fahren. Ich habe die Abwärtsspirale unterbrochen. Ich war am Grund und bin wieder nach oben getrieben.

Ich bin heute 33 Jahre alt und habe seit damals im August jeden Tag Schmerzen, oft aushaltbar, manchmal nur schwer zu ertragen. Etwa acht bis zehn Migräneanfälle in wirklich guten und bis zu 20 in sehr schlechten Monaten, dazu leichte Fibromyalgie und Endometriose. Und das Pochen in der Brust, das aber nur selten noch in einer Panikattacke endet. Mein Lebensgefährte von damals ist nicht gegangen, auch wenn ich ihn verstanden hätte.

Ich gehe immer noch gerne aufs Volksfest, wenn mein Zustand es zulässt, aber ich fahre höchstens Kettenkarussell. Bis heute hat niemand herausgefunden, was wirklich mit mir passiert ist und weshalb mir mein Leben entglitten ist. Ich denke, man wird es auch nicht mehr herausfinden. Kreiste früher mein ganzes Denken nur darum, endlich die Ursache zu finden, ist es mir heute nicht mehr wichtig. Meine Gedanken gelten nun meinem Leben, so wie es ist, und wie ich mich in diesen engen Grenzen möglichst frei bewegen und sie hier und da noch etwas erweitern kann. Mein früheres Leben wird wohl nicht mehr zurückkommen, und damit habe ich meinen Frieden geschlossen – zumindest meistens.

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