Wie ich die Angst besiegt habe

Unsere Kolumnistin litt einige Jahre an starken Panikattacken. Bis es ihr gelang, die Angst zu besiegen. Hier erzählt sie von ihrem Kampf gegen einen wortwörtlich furchteinflößenden Gegner.

Illustration: Eleni Kalorkoti

Als wären alle Muskeln in Säure getaucht. Wie der Moment, wenn man im Dunkeln auf einer Treppe ins Leere tritt, wie ein Fall in die Tiefe, nur im Inneren. Wie Müdigkeit, die die Luft tränkt. Wie »Lauf!«, aber du weißt nicht wohin, es gibt nichts, wohin du laufen könntest oder wolltest, und außerdem bist du dafür zu schwach. Wie ein tiefes Stöhnen zwischen den hektischen Atemzügen, wie ein sich-jetzt-sofort-setzen-müssen, das nicht mehr aufhört, auch wenn man doch schon längst sitzt. Und alles gewinnt unendlich an Bedeutung und wird aufgeladen von diesen sinnlosen Herzschlägen, dem Pumpen des Blutes und dem Rauschen, den fiebrigen Muskeln. Alles ist gefährlich und gleichzeitig doch nichts, alles ist trügerisch und somit kein Gefühl mehr wahr. Der ganze Körper ist vollgesogen mit Flirren und Bitzeln und Fizzeln und Prickeln und man muss so gut aufpassen, dass nicht auch der Geist davon überläuft. Denn wer Angst hat, kann nicht mehr unterscheiden, ob es der Geist oder der Körper ist. Und ist erst jeder Gedanke bis zum Zerplatzen angefüllt mit diesem Gefühl, das eigentlich gar nicht das eigene ist, gibt es überhaupt nichts anderes mehr. Und man ist selten so voll mit Leben und gleichzeitig so am Ende seiner Kräfte, wie es überhaupt nur bei Angst möglich ist.

Das schrieb ich vor langer Zeit auf, als ich versuchte in Worte zu fassen, wie ich mich fühlte.

Ich litt einige Jahre an starken Angstzuständen und Panikattacken. Ich ging abends mit Angst ins Bett und morgens, beim ersten Öffnen der Augen, lag sie klebrig auf mir. Angst und Schmerz waren bei mir teils so eng verwoben, dass ich manchmal nicht sagen konnte, was gerade stärker war.

Ich habe gehört, dass sehr viele chronische Erkrankungen mit Ängsten und Depressionen einhergehen. Von Depressionen wurde ich bisher verschont, aber mit meinen Ängsten kenne ich mich sehr gut aus. Mich wundert es nicht, dass jemand mit ständigen Schmerzen auch psychische Erkrankungen entwickelt.

Ich hatte mich sehr bald in einem schlimmen Kreislauf verirrt: Waren die Angstzustände da, empfand ich körperlich ein Potpourri an Symptomen. War der Angstzustand vorbei, hatte ich Angst, die Angstzustände könnten zurückkommen. Und noch während der Angstzustand anhielt, hatte ich zusätzlich Angst vor dem Angstzustand, was sich konsequenterweise immer weiter hochschaukelte. Die körperlichen Zustände, die ich eingangs beschrieb, hielten meist tagelang an – mit nur sehr kurzen Pausen, ohne einen für mich ersichtlichen Grund. Egal, was ich machte, sie waren da.

Mein erster Schritt war, mir selbst zu versprechen, niemals aufgrund eines Angstzustandes auf etwas zu verzichten

 

Die Frage, die sich mir unentwegt stellte, war, was ich tun konnte, um all das einzudämmen. Es dauerte lange, bis ich die Kraft hatte, dagegen anzugehen – eine Therapie zu machen oder mir mit Medikamenten zu behelfen, auf den Gedanken kam ich damals einfach nicht.

Ich las einige Selbsthilferatgeber und mein erster Schritt war, mir selbst zu versprechen, niemals, und damit meine ich wirklich niemals, aufgrund eines Angstzustandes oder einer Panikattacke auf etwas zu verzichten. Die Ängste waren da, aber ich beschloss, ihnen so wenig Beachtung zu schenken, wie es möglich war. Es war körperlich ekelhaft, aber sie würden nicht weiterhin meine Psyche besetzen. Meine Angstsymptome waren kein Grund, auf einen Kinofilm oder ein Essen zu verzichten.

Essen mit einem akuten Angstzustand ist eines der letzten Dinge, die man tun möchte, aber ich tat es dennoch. Ich aß kleine Bissen und nicht zu viel, aber ich ging essen, während ich innerlich einem Zusammenbruch nahe war. Ich musste einfach merken, dass mir nichts passieren würde. Ich konnte auf die Toilette und mir eiskaltes Wasser über die Handgelenke laufen lassen, aber das Essen wurde nicht abgebrochen.

Ich machte mir klar, dass die Angstzustände nichts anderes waren als Phantomschmerzen. Sie geisterten in meinem Körper herum, aber sie waren nicht wirklich real, sie waren nicht zielgerichtet. Ich hatte Angst, nicht gesund zu werden und ich hatte Angst, mit diesen Schmerzen leben zu müssen – aber das war eine andere Art von Angst, und die durfte ich haben. Aber ich durfte nicht morgens aufwachen und vor Angst fast ersticken, ohne dass es einen Grund gab. Ich fing an, die Ängste als außer Kontrolle geratene Gedanken zu betrachten, die sich manifestiert hatten. Es waren nur Gedanken. Es hatte keine Auswirkung auf mein reales Leben. Wenn die durch die Angst verursachten Symptome unerträglich wurden atmete ich tief durch und fuhr fort mit dem, was ich gerade machte. Ich sagte: »Geh weiter, hier gibt es nichts zu sehen.«

Eines Tages las ich vom außergewöhnlichen Fall einer Frau, die, als sie Alzheimer bekam, ihre psychischen Probleme vergessen hatte und zu einem unbeschwerten Menschen wurde. Nicht mehr daran zu denken, Angst zu haben, dachte ich, das wäre es. So gewöhnte ich mir an, »Stopp« zu sagen, sobald der geringste Gedanke an die Angst oder über die Angst kam. Wenn ich allein war, tat ich es laut. Ich hatte vielleicht körperlich viel zu kämpfen, aber das hieß nicht, dass ich länger bereit war, rund um die Uhr darüber nachzudenken: Wie ist es morgen, wie wird es mir gehen, werde ich etwas essen können, werde ich für immer Angst haben, werde ich für immer Schmerzen haben, wie werde ich leben müssen, es ist so schlimm. All dies kreiste mir im Kopf und ich lernte, es nicht mehr zuzulassen. Anfangs sagte und dachte ich nahezu ununterbrochen »Stopp«.

Ich sah eine andere Frau auf der Straße, die fröhlich und unbeschwert mit Freunden lachte und ich wurde ganz melancholisch, denn ich hatte ja – »Stopp«

Wenn ich nichts aktiv tat, wanderten die Gedanken sofort zur Angst. Ich sagte manchmal minutenlang lang nichts als »Stopp«. Ich war genervt von mir selbst, dass ich immer wieder daran dachte. Ich ertappte die Gedanken dabei, wie perfide sie versuchten, Umwege zu gehen und mich zu überlisten. Ich sah eine andere Frau auf der Straße, die fröhlich und unbeschwert mit Freunden lachte und ich wurde ganz melancholisch, denn ich hatte ja – »Stopp«. Hinzu kam, dass ich mir keinerlei Zweifel an dieser Methode gestattete. Es würde funktionieren, das redete ich mir kontinuierlich ein. So ging es monatelang und es verlangte mir viel ab. Einen ersten Erfolg erlebte ich, als ich eines Morgens aufwachte und keine Angst hatte. Ich bemerkte es sofort, denn ihre Abwesenheit war genauso eindeutig wie ihre Anwesenheit. Ich lag einfach da und genoss den Augenblick. Es dauerte zwei Minuten, dann kam das Pochen im Magen, der Druck im Solarplexus. Ich lächelte. Es waren 120 Sekunden, die ich ohne Angst war. Ich würde auch mehr schaffen, es funktionierte. Der Fuß war in der Tür.

Ab diesem Zeitpunkt konnte mir die Angst nichts mehr anhaben. Sie war lästig, aber ich wusste, dass ich sie besiegen konnte. Ich hatte gelernt, sie langsam zu verdrängen und schließlich zu vergessen. Irgendwann hatte ich stundenlang keine Angst. Dann erste Tage. Schließlich fing ich an in mein Tagebuch nicht mehr einzutragen, wenn ich keine Angstzustände hatte, sondern wann ich welche hatte. Die Abstände wurden länger. Die Angst machte mir keine Angst mehr.

Heute habe ich nur noch sehr selten ausgewachsene Angstzustände und vielleicht noch zwei Panikattacken im Jahr. Es macht mir nichts mehr aus. Es ist wie eine Erkältung, störend, aber ich nehme es hin, denn es hat keine Bedeutung und keinerlei Relevanz für mein Leben. Ich betrachte die Panikattacke wie einen Kurzschluss und kann sie gelassen über mich ergehen lassen. Was wie ein unvereinbarer Widerspruch klingt, wurde möglich.

Dieser Weg mag nicht für jeden der richtige sein – Schmerzzentren empfehlen, Angstzustände fachärztlich und medikamentös therapieren zu lassen. Das »Vergessen« von Angst gelinge tatsächlich den wenigsten, sagen Ärzte, doch für mich war es der Schlüssel, zu verstehen, dass Angst sich immer aus sich selbst ernährt und am Leben erhält.

Ich habe erkannt, dass für mich die übermäßige Aufmerksamkeit, die ich der Angst ganz selbstverständlich entgegenbrachte, fatal war, weniger die Angst selbst. Während der Angstzustände war es, als wäre ich aus mir selbst vertrieben worden – mühsam habe ich mir den Platz zurückerkämpft.