Wunderpille gesucht

Was tun, wenn Schmerztabletten nicht helfen? Und welche Nebenwirkungen sollte man riskieren? Unsere Kolumnistin sucht seit zehn Jahren das richtige Mittel gegen ihre Schmerzen. Dabei hat sie viel über Medikamente gelernt.

Illustration: Eleni Kalorkoti

Die Werbung suggeriert uns, Schmerzen wären nur ein vorübergehender Zustand, dem mit dem richtigen Medikament leicht beizukommen ist. Wir sehen im Fernsehen und auf Plakaten, dass die Schmerzfreiheit nur eine Tablette entfernt liegt. Schon toben wir weiter mit den Kindern, fahren Fahrrad, gehen in die Arbeit. Für viele Menschen trifft das zu. Für andere leider nicht.

Als chronischer Schmerzpatient fällt man aus dem Raster. Manche Menschen, zu denen auch ich zähle, können sich nicht auf die zuverlässige Wirkung ihrer Medikamente verlassen. Für die Betroffenen bleiben die Gründe meist nebulös und verwirrend, selten lässt sich ein klares Schema erkennen. Abhängig von Umständen und Unwägbarkeiten wie Lärm, Stress, Wetter, Monatszyklus, seelischer Verfassung, Blutzuckerspiegel, Häufigkeit oder Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme kann ein Wirkstoff am einen Tag helfen und am anderen außer Nebenwirkungen nicht viel ausrichten.

Es gibt leider auch Betroffene wie mich, bei denen der Schmerz nie vollständig verschwindet, sondern nur auf ein erträgliches Maß gebracht werden kann – ein Alltag ist damit kaum planbar.

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Und einige Patienten, bei denen die Medikamente die Beschwerden innerhalb einer vertretbaren Zeit vertreiben, haben Nebenwirkungen, die dem ursprünglichen Schmerzzustand in nur wenig nachstehen. Ein Hämmern im Kopf, Übelkeit und alle weiteren Begleiterscheinungen einer Migräne werden dann nur getauscht gegen Magenschmerzen, Schwindel, ein Gefühl als würde man sich auflösen, starke Müdigkeit, Desorientierung oder Mattheit (all das kann auch Bestandteil eines normalen Anfalls sein).

Man kann als chronisch Kranker problemlos das ganze Jahr in einem Kreislauf aus Aufdosieren und Ertragen von Nebenwirkungen verbringen, bis man sich entschließt, den Versuch mit einem Medikament abzubrechen. Dann erholt man sich ein paar Wochen und weiter geht die Suche nach einer Prophylaxe oder einem Schmerzmittel.

Für viele Migräniker war eine Antikörper-Therapie das heiß ersehnte Medikament der letzten Jahre, umgangssprachliche »Migräne-Impfung« genannt. Doch auch sie kann starke Nebenwirkungen haben. Zudem bleibt sie einen ganzen Monat im Körper. Wer sie nicht verträgt, hat vier Wochen mit noch eingeschränkterer Lebensqualität vor sich.

Ich persönlich habe nie einen anderen Menschen mit starker chronischer Migräne getroffen, der durch eine medikamentöse Therapie vollständig schmerzfrei und gleichzeitig ohne wesentliche Einschränkungen gewesen wäre. Beschwerdefreiheit ist generell ein sehr hehres Ziel und für kaum einen chronisch schmerzkranken Menschen zu erreichen. Die wenigsten Betroffenen machen sich nach einer gewissen Zeit noch falsche Hoffnungen, man wird bescheiden. 

Ein Arzt meinte, dass er ein bestimmtes Medikament nur noch auf ausdrücklichen Wunsch verschreibe – weil es dumm mache

Wer mit einer Migräneform lebt, die mit Sprachstörungen und Lähmungen einhergeht, könnte bereit sein mehr Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen, als ich es tue. Wer sehr sportlich oder viel in der Natur ist und sich darüber definiert, kann vielleicht Medikamente akzeptieren, die sein Gedächtnis, seine Kreativität oder seine Ausdrucksfähigkeit einschränken. Immerhin besser als Schmerzen, die keine Wanderung mehr erlauben.

Ich aber war schon immer ein Mensch, dem seine geistigen Fähigkeiten besonders wichtig waren. Lesen können, eine Sprache lernen, schreiben, kreative Tätigkeiten im Beruf – einige Medikamente schränken all das massiv ein. Ein Arzt meinte einmal zu mir, dass er ein bestimmtes Medikament nur noch auf ausdrücklichen Wunsch der Patienten verschreibe – weil es sie dumm mache. Ich weiß genau, was er meint.

Einmal sagte ich während der Therapie mit einem neuen Medikament zu meinem Lebensgefährten, dass ich mich wie ein Stein fühle, so müde, so schwer, ich wollte nur noch auf den Boden sinken und schlafen. Wochenlang hatte ich nicht den geringsten Antrieb noch Vokabeln zu lernen, zu kochen oder irgendetwas geistig anspruchsvolles zu tun. Worte sind mir nicht mehr eingefallen, mein Geschmackssinn war beeinträchtigt. Mein Gehirn lief auf Sparflamme – nicht jedoch meine Migräneanfälle, die völlig unbeeindruckt kamen und gingen wie sie wollten. Doch selbst wenn die Migräneanfälle deutlich weniger geworden wären, weiß ich nicht, ob ich sie gegen diesen Zustand hätte eintauschen wollen.

Manch ein gesunder Mensch mit selten auftretenden Schmerzen, die sich durch leichte Medikamente oder Physiotherapie behandeln lassen, ist oft schnell mit seinem Urteil. Der Betroffene tue zu wenig, er müsse nur mal, er habe noch nicht, er solle doch. Meist hat der Gesunde nicht die geringste Vorstellung, was der Erkrankte alles schon unternommen hat. Wie viele Kilometer er schon an das andere Ende des Landes gefahren ist, wie oft er schon Behandlungen über sich hat ergehen lassen, die er selbst beängstigend, demütigend oder überteuert fand, nur um nichts zu verpassen, was vielleicht helfen könnte.

Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die finden, man mache »zu viel«, solle endlich einmal Ruhe geben, aufhören, irrlichternd von Arzt zu Arzt zu reisen und immer neue Therapien und Medikamente zu testen, sich das Geld sparen, einfach mal leben. Solche Sätze können einen sehr verletzen.

Einer früheren Bekannten sagte ich, sie solle sich vorstellen, sie hätte eine starke Erkältung, mit Gliederschmerzen, Müdigkeit, Kopfschmerzen, verstopfter Nase, Antriebslosigkeit, Schwäche. Nur würde sie aus unerfindlichen Gründen nicht mehr gesund, sie hätte diesen Infekt Tag um Tag, Jahr um Jahr, mal stärker, mal schwächer. Und dann solle sie mir erzählen, sie würde aufhören, nach einer Behandlung zu suchen.

Es ist müßig und mittlerweile fast unmöglich, die Kosten und Stunden zu zählen, die in Verbindung mit meinen Erkrankungen aufgelaufen sind. Über viele Dinge, die ich ausprobiert habe in der Hoffnung auf Erleichterung, kann ich heute nur den Kopf schütteln.

Vielleicht aber ist ein Erkrankter auch noch nicht bei sehr vielen Ärzten gewesen. Vielleicht fehlt ihm schlicht die Kraft, selbst aktiv zu werden, den Marathon der Therapieversuche und Behandlungen auf sich zu nehmen. Man benötigt viel eigenen inneren Antrieb, um das anzugehen. 

Leider gibt es kein Recht auf Gesundheit. Ein Mensch wird von einem Auto angefahren, eine Operation misslingt, ein Kind fällt vom Fahrrad. Oder ich fahre in einem Fahrgeschäft auf einem Volksfest und verreiße mir den Hals – und eine Verkettung unglücklicher Umstände und genetischer Veranlagungen führten zu dem Zustand, mit dem ich jetzt lebe. Es geschieht einfach, und manche Menschen erholen sich auch wieder und werden gesund. Andere Menschen erholen sich nicht mehr, sie behalten ihren Schmerz.

Ich weiß, dass in nächster Zeit wohl kein Wundermedikament entwickelt wird, das mein Leben wie das eines Gesunden, also planbar und schmerzarm macht. Und trotzdem werde ich nicht aufgeben, nach einer geeigneten Therapie zu suchen. Nur manchmal brauche ich eine Pause.

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