Was echte Freunde auszeichnet

Durch ihre Krankheit mutet unsere Kolumnistin ihren Freunden manchmal viel zu. Dabei hat sie gelernt, was wahre Freundschaft ausmacht – und warum man auch mal anstrengend sein darf. 

Illustration: Eleni Kalorkoti

Konrad Adenauer sagte einmal: »Schmerzen bedeuten Selbstzucht. Schmerzen bedeuten Training des Willens, und sie formen den Menschen.« Diesen Satz kann ich für mich persönlich nur unterschreiben. Bezogen auf mein Leben und das Pflegen von Kontakten, von Freundschaften und Beziehungen und das Meistern des Alltags.

Meine gesundheitlichen Probleme begannen in einer Lebensphase, als alles auf Neuanfang ausgerichtet war: Fast alle im Freundeskreis studierten, machten Auslandsjahre, zogen in andere Städte und konnten gar nicht genug kriegen von all den Möglichkeiten, die sich ihnen boten. Und mittendrin beziehungsweise zunehmend am Rand  stand ich, die bis vor kurzem dazugehört hatte und einfach nicht mehr mithalten konnte. Obwohl ich meine engsten Freundinnen schon seit der Kindheit kannte, waren mein Verhalten und mein Zustand plötzlich fremd und Ihnen unerklärlich.

Wer mit mir befreundet ist, muss bei einer Verabredung beispielsweise bis zum letzten Moment mit einer Absage rechnen. Nicht weil ich es mir aus einer Laune heraus spontan anders überlege, sondern weil ich auch Schmerzzustände habe, die sich innerhalb weniger Minuten aufbauen und durch nichts mehr aufzuhalten sind. Zigarettenrauch, schweres Parfum, rennende und schreiende Kinder, eine große Gruppe, die sich lautstark am Nebentisch unterhält, brüllend lacht, wummernde Musik aus einem ungünstig platzierten Lautsprecher, das ganz normale Leben also – an manchen Tagen habe ich dann bereits verloren. Es ist nicht so, dass mich als Mensch diese Dinge stören. Aber sie stören meine Gefäße, meine Migräneveranlagung, meine Reizverarbeitung.

Es kann auch sein, dass ich kurz vor einem Treffen darum bitte, es von einem öffentlichen Ort zu mir nach Hause zu verlegen. Je reizärmer an einem schlechten Tag die Umgebung, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich keine Attacke bekomme oder eine leichte nicht zu einer schweren wird.

Ich verspürte lange Zeit eine enorme Anspannung vor jeder Art von Verabredung. Denn ich möchte, dass man sich auf mich verlassen kann. Das führte dazu, dass ich mich in nahezu jedem Zustand, in dem es irgendwie machbar war, an meine Treffen hielt. Denn ich bildete mir ein, das würde von mir erwartet. Damals ging ich noch davon aus, irgendwann wieder gesund zu sein. Die Zeit dazwischen wollte ich nicht vollständig meinen Schmerzen unterwerfen, ich wollte den Alltag möglichst unverändert weiterführen.

Ich war sehr wahrscheinlich nicht beim Open-Air-Konzert, ich reise wohl  nie nach Australien. Ich werde nicht im Dschungel übernachten, den Jakobsweg gehen oder Rom erkunden

Das war gut, weil ich meine Beschwerden nicht direkt die Oberhand gewinnen lies, aber auch schlecht, weil ich mich damit zu sehr erschöpfte. Heute versuche ich, ein gutes Mittelmaß zu finden. Mich nicht quälen, aber auch nicht jeder Befindlichkeit nachgeben. Es ist ein großer Unterschied, ob man versucht, sein Leben aktiv mit Schmerzen zu gestalten oder ob man daran festhält, es im gleichen Tempo mit den gleichen Aktivitäten wie vor der Erkrankung zu führen – und alles, was nicht dem Leben Gesunder (oder der Vorstellung davon) entspricht, als blasses Abziehbild zu empfinden.

Es gibt Tage, an denen meine Lider bleischwer sind vor Müdigkeit oder von zu vielen Gedanken, Tage, an denen ich allem so überdrüssig bin, dass ich nur liegenbleiben will, nicht mehr kämpfen, mich nicht mehr züchtigen. Absagen, aufgeben, einfach alles sein lassen, schlafen. Doch würde ich diesem Gefühl immer wieder nachgeben, wäre ich heute sehr einsam.

Ich musste lernen, nicht jedem dummen Gedanken Raum zu geben, denn manche haben es nicht verdient. Nicht jeder körperlichen Einschränkung nachzugeben aber auch zu erkennen, wann es nötig ist. Und so wähle ich doch immer wieder den mir selbstauferlegten, aber auch wunderbaren Druck, ein Sozialleben zu führen, eine Beziehung zu haben.

Ich war sehr wahrscheinlich am letzten Wochenende nicht beim Open-Air-Konzert und nicht auf einem Festival, ich reise wohl niemals nach Australien. Ich werde vermutlich nie auf einem Klappermoped über thailändische Straßen fahren. Ich werde sehr sicher nicht im Dschungel übernachten, den Jakobsweg gehen oder stundenlang die Kulturstätten Roms erkunden. Ich kann nicht einmal in eine Sauna (die Hitze, die Gefäße). Das schmerzt mich manchmal, denn es ist so absolut sinnlos.

Aber ich höre gerne zu, wenn jemand etwas erzählt. Ich kann immer einen Buch- oder Filmtipp geben, denn kaum einer hat so viel Zeit wie ich, zu lesen oder Filme zu sehen. Ich liebe gutes Essen und schöne Abende in ruhigen Restaurants. Ich habe immer ein Plätzchen auf meiner Couch oder meinem Balkon, wenn jemand mich besuchen möchte. Ich grille gern im Garten in großer Runde mit Freunden. Ich unterhalte mich, wenn der Gesprächspartner Lust hat, bis spät in den Abend über nahezu jedes Thema. Und wann immer es geht, bin ich auch für einen Spaziergang zu haben.

Nach so langer Zeit mit verschiedensten gesundheitlichen Problemen und Einschränkungen sind die Freunde übrig, die mit all dem umgehen können. Das sind in meinem Fall glücklicherweise fast alle – und es sind auch neue dazugekommen.

Und: Die Zeit spielt für mich. Es sind so viele Jahre vergangen seit jenem verhängnisvollen Volksfesttag und die Menschen in meiner Umgebung bekommen Kinder, möchten am Nachmittag entspannt grillen, um 22 Uhr nach Hause. Je älter sie werden, desto weniger falle ich auf. Wer Kinder hat, weiß plötzlich, wie es ist, kurzfristig absagen oder früher gehen zu müssen, völlig erschöpft zu sein. Schon jetzt habe ich Bekannte, die sich bester Gesundheit erfreuen und weniger unternehmen als ich.

Man hat einen Wert als Freund und Mensch, der unabhängig ist von »Können« und »Machen«

Manchmal denke ich, es wäre leichter für mich gewesen, mich rar zu machen. Nicht mehr auf Anrufe reagieren, keine Zusagen mehr treffen, keine eigenen Vorstöße mehr machen. Aber ich wollte mich nicht als Opfer sehen – sondern als aktiven Menschen, von dem auch Andere bis zu einem gewissen Maß etwas fordern dürfen. Die Schmerzen nicht zum Dauerthema machen aber auch nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Menschen auch zuzutrauen, dass sie verstehen, dass sie zu einem halten. Immer wieder »Selbstzucht« betreiben und den Willen zeigen, es sich nicht zu leicht zu machen. Aber auch nicht zu schwer. Sich entschuldigen, aber nicht zu demütigen, sich nicht kleiner zu machen als man ist. Erkennen, dass man auch einen Wert als Freund und Mensch hat, der unabhängig ist von »Können« und »Machen«.

Ich habe einen Freund, der mich zum Abschied immer umarmt und dabei sagt »Schön, dass du dabei warst«. Freundinnen fahren nach Feierabend im Berufsverkehr ans andere Ende der Stadt, um zwei Stunden bei mir in der Wohnung zu sitzen. Und einmal schrieb mir eine Freundin, sie sei stolz darauf, dass sie für mich so einen Wert hätte, dass ich trotz meiner Schmerzen immer wieder Zeit mit ihr verbringen wolle – und sei es mit Sonnenbrille im Kino oder nur auf dem Sofa. Dank all dieser Menschen mache ich es mir gerne nicht zu einfach.