Im Feigenschatten

Neulich, ein Nachmittag am Mittelmeer.

Eine Fliege stört die Stille, ihr Summen wird lauter, leiser, lauter und verstummt. Es riecht nach frisch gemähtem Rasen und nach Wasser, das auf dem heißen Plattenweg verdunstet. Auch der alte Gartenschlauch hat einen Geruch, wenn die Sonne seinen brüchigen Gummi warm und geschmeidig macht. Ein Geräusch hat er auch, wenn die Messingkupplung, die das rotbraune Stück mit dem grün-gelb gestreiften verbindet, über die Granitplatten schleift.

Wenn der harte Wasserstrahl aus der Schlauchdüse den verzinkten Waschzuber füllt, singt er hell und heller, bis der Ton geschluckt wird vom kalten Wasser. Wenn es so warm geworden ist, dass Kinder darin planschen können, werden schon ein paar Insekten darin zappeln.Der rote Anstrich des Gartentischs hat ein paar Blasen geworfen. Man kann draufdrücken mit dem Finger, das noch ein Fingerlein ist, bis sie zersplittern. Darunter ist Rost.

Das Sirupglas ist quer gestreift, rot, blau, grün. Sein Inhalt wird nach unten immer himbeerroter. Man kann umrühren oder sich das Beste für den Schluss aufsparen.

Das Gartentor des Nachbarn hat eine Schließfeder. Beim Öffnen quietscht sie tief, beim Schließen quietscht sie hoch. Wenn das Tor ins Schloss fällt, schnappt es zu wie eine Falle.

Eine Fliege summt, schweigt, summt, schweigt.

Weit oben im Blau löst sich gemächlich ein alter Kondensstreifen auf. Der Wind hält sich still, selbst die Birkenblätter rühren sich nicht. Eine Fliege summt auf, summt, summt, schweigt.Aus einem Fenster plötzlich Musik. »Volare, o-ho! Cantare, o-ho-ho-ho.« Das Fenster wird geschlossen. Schade.

Ich schreibe dies im Schatten einer alten Feige. Zwei, drei Grad kühler sei es an einem heißen Sommertag im Feigenschatten, heißt es, ich habe es nie gemessen. Die Erde ist rot, der Tisch aus verwittertem Olivenholz. Es duftet nach sonnenwarmen Feigenblättern. Im fernen Pinienwäldchen ahnt man das Sirren der Zikaden. Das Glas ist ungestreift, sein Inhalt von oben bis unten vom selben Rot.

Eine Fliege summt, schweigt, summt, schweigt.
Der Schweizer Martin Suter arbeitet gerade auf Ibiza an den Korrekturen seines nächsten Romans.

Foto: Jo Magrean

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