Blaues Wunder

Ein Lebensmittel, dessen Verkaufsargument nicht der Geschmack, sondern allein die Farbe ist: Warum hält sich Schlumpfeis in so vielen Eisdielen?

Illustration: Jean Jullien

Annalisa Carnio hat einen reizenden italienischen Akzent, aber wenn die Rede auf Schlumpfeis kommt, klingt sie, als zöge sie gerade ein Büschel Haare aus dem Abfluss. »Schlumpfeis ist ein Widerspruch zu dem, wofür wir stehen«, sagt die Sprecherin des Verbandes italienischer Speiseeishersteller. »Wir stehen für handgemachtes Eis mit natürlichen Zutaten.« Dabei hätte man so viele Fragen! Wie viele Schlümpfe braucht man für Schlumpfeis? Werden nur junge Schlümpfe verwendet? Oder besonders reife? Werden die Schlümpfe püriert oder gemahlen? Muss bald auf Schlumpfzucht umgestellt werden, weil die natürlichen Bestände gefährdet sind? Fast jede konventionelle deutsche Eisdiele hat Schlumpfeis schon im Angebot, so nennen es die Kunden, auch wenn es an manchen Theken als »Azzurro« oder »Blauer Engel« firmiert.

Mit konventionellen Eisdielen sind jene gemeint, die keine Bindestrichsorten wie Birne-Parmesan (»Eis des Jahres« 2014) oder Erdbeer-Balsamico (2015) anbieten, sondern nur Klassiker wie Vanille, Zitrone, Haselnuss. Schlumpfeis braucht keinen Bindestrich. Es braucht noch nicht mal einen Geschmack. Seit es vor ungefähr zwanzig Jahren eingeführt wurde, ist sein Unique Selling Point die Farbe, es ist seine eigene blaue Leuchtreklame.

Genau deswegen hat nie ein Erwachsener Schlumpfeis probiert. Nur Kinder essen es. Ernährungswissenschaftler vermuten: Die Farbassoziationen, die uns blaue Lebensmittel als künstlich und ungesund empfinden lassen, sind nicht angeboren, sondern erlernt. Bei Kindern sind sie noch nicht ausgeprägt – dafür aber ein inniges Verhältnis zu ihrer Lieblingsfarbe. Wären Brokkoli und Blumenkohl blau, es gäbe keine Wortgefechte am Mittagstisch mehr.

Und wie kommt das Blau in das Eis? Fragen Sie bei Großhändlern nach, riet die Dame vom Eisverband. Die erste Erkenntnis: Ein Großteil der Nicht-Bindestrich-Eisdielen lässt das Eis heute liefern. Das Prinzip Backshop in kalt. Diese stets identisch dekorierten, wellig aufgetürmten Eiswannen kamen einem ja schon lange verdächtig vor. Das Unternehmen Bruno Gelato in Rhauderfehn, Ostfriesland, beliefert nach eigenen Angaben mehr als 2000 Eisdielen in Deutschland. Anruf, Auskunft, zweite Erkenntnis: Es sind keine Schlümpfe im Schlumpfeis. Sondern Patentblau V, das klingt nach Yves Klein, ist aber doch nur der Farbstoff E 131, also das Zeug, mit dem auch Blue Curaçao und blaue Smarties gefärbt werden. Chemie. Dass »Azzurro«, wie man bei Bruno Gelato versichert, von ihren hundert Sorten regelmäßig zu den zehn beliebtesten gehört, verwundert in Zeiten, in denen Eltern ihren Kindern Rote-Bete-Reiscracker zum Knabbern geben. Aber im Belohnungszentrum Eisdiele herrschen einfach andere Gesetze. Immerhin: Seit Kurzem gibt es mit der Spirulina, einer Blaualge, ein natürliches Mittel, um Lebensmittel blau zu färben. Einige Eisdielen verwenden es bereits.

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