Die Pistensau

Zum ersten Mal seit 39 Jahren hat ein deutscher Skifahrer am Samstag das Rennen auf der Streif gewonnen. Im Jahr 2003 ist unser Autor diese schwierigste Weltcup-Abfahrt der Welt hinuntergefahren, um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen. Hier noch einmal sein turbulenter Bericht.

Wann habe ich das Rennen wohl das erste Mal gesehen? Mit fünf? Oder doch schon mit vier? Es war das Topereignis im Fernsehen, auch für meine Familie. Siebziger Jahre, selige Zeiten. Im Sommer spielten wir Tennis, im Winter fuhren wir Ski. Im Sommer schauten wir Wimbledon an, im Winter - eben die Streif, die Herrenabfahrt in Kitzbühel. Wer als Erster aufstand, machte den Fernseher an, meist flimmerte noch das Testbild. Zur Eurovisions-Fanfare um 12 Uhr saß dann die Familie komplett im Wohnzimmer, manchmal noch im Schlafanzug. Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich - alle tobten wir vor dem Fernseher, wenn die Fahrer in der Mausefalle sechzig Meter weit sprangen oder in der Ausfahrt des Steilhangs mit hundert Sachen am Fangzaun entlangstreiften. Oder wenn Franz Klammer mit Zwischenbestzeit angekündigt wurde, mein großes Idol.

Wie oft habe ich davon geträumt, selber am Start zu stehen! Ich kannte die Strecke auswendig, alle Schlüsselstellen, wusste aus dem Fernsehen, dass es wertvolle Hundertstel kostet, wenn man in der Mausefalle zu weit springt, weil man in der Luft langsamer ist als auf Schnee. Oder dass man die Hausbergtraverse hoch erwischen muss, um im Zielschuss auf 140 Stundenkilometer beschleunigen zu können. Trotzdem blieb die Streif ein Traum. Ich fuhr zwar ab sechs Jahren Skirennen, Riesenslalom beim ESV 1897 Ingolstadt. Aber für die Streif war ich damals zu jung und später war ich mit meiner Familie zum Skifahren nur noch am Arlberg, weit weg von Kitzbühel. Mit 21 verlor ich die Lust. Zu viele Holländer und Snowboarder auf der Piste. Auch Skirennen im Fernsehen hatte ich genug gesehen.

Seit zwei Jahren fahre ich wieder. Nicht mehr so schnell wie früher, aber immer noch schneller als die meisten. Voriges Jahr habe ich sogar wieder die Streif im Fernsehen angeschaut - aufregend wie eh und je, noch schneller als zu Klammers Zeiten. Sofort brach das Rennfieber wieder aus: Ich muss da endlich runter, dachte ich. Endlich selber herausfinden, wie schlimm die angeblich schwierigste Abfahrt des Skiweltcups wirklich ist. Einmal richtig runter. Wie die Rennläufer, ganz allein auf der Piste. Aber würde jemand für mich die Piste absperren? Es ist Anfang Dezember, ab Mitte Januar trainieren die Profis hier, mir bleiben also gut vier Wochen. Vorbereitung inklusive

Anruf beim Kitzbüheler Ski Club, dem Veranstalter. Vorsichtshalber sage ich nur, dass ich die Strecke gern mal besichtigen würde. Wer weiß, wie viel Irre sich da am Tag melden. Kein Problem, sagt die Sekretärin Barbara Thaler, rufen S' doch den Peter Obernauer an, den Streckenchef. Im Tal liegt noch kein Schnee, aber am Wochenende soll es schneien, meldet der Wetterbericht. Ich verabrede mich mit Herrn Obernauer für nächsten Mittwoch. Der erste Schritt ist getan.

Ich muss mir ein Ziel setzen. Eine Richtzeit, wenn ich schon keinen Gegner habe. Frau Thaler vom Kitzbüheler Ski Club hat mir eine Liste gegeben, alle Ergebnisse des Hahnenkammrennens von 1955 bis 2002. Der Streckenrekord stammt vom Österreicher Fritz Strobl, gefahren 1997: eine Minute, 51 Sekunden und 58 Hundertstel, für 3312 Meter Strecke. Ihm nachzueifern wäre illusorisch. Aber vielleicht dem Letzten des Vorjahres? Scott McCartney, ein Amerikaner, fuhr 2002 eine Zeit von 1:59.48, fünf Sekunden langsamer als der Sieger Stephan Eberharter. Das sind immer noch mehr als hundert Stundenkilometer im Schnitt. Schaff ich nie.

Siebzig Kilometer Durchschnittsgeschwindigkeit halte ich für realistisch. In der Spitze wären das immer noch hundert, aber das bin ich früher sicher auch gefahren, auf der Valluga in St. Anton. Auf der Streif hieße das: eine Zeit von drei Minuten. Eine Minute langsamer als die Besten - hart genug, aber mit professioneller Hilfe könnte es klappen.

Sepp Ferstl ist der letzte Deutsche, der die Streif gewonnen hat, vor 24 Jahren. Er besitzt heute ein kleines Fuhrunternehmen in Traunstein, fährt selbst Bagger und trainiert nebenbei die Nachwuchselite des Skiverbands Chiemgau. Der ideale Trainer, den ruf ich an.

»Streif in drei Minuten?«, meint Ferstl, »des schaffst du nia.« Ich erkläre ihm, dass ich früher Rennen gefahren bin. Jedes zweite Wochenende im Gebirge war. Gewonnen habe ich zwar nur zweimal: beim Vergleichskampf mit dem TSV Kösching 1973, neun Jahre später bei der Vereinsmeisterschaft. Aber das muss ja Sepp Ferstl nicht wissen. Wir einigen uns, dass ich drei Minuten schon schaffen kann, wenn die Piste gut präpariert ist. Und dass ich nächste Woche nach Traunstein komme, zum Training mit dem Chiemgauer Nachwuchs.

Und jetzt - jetzt rufe ich Franz Klammer an. Bester Abfahrer aller Zeiten. Viermaliger Streifsieger. So wie er wollte ich immer fahren. Breitbeinig, mit den Armen immer am Rudern, wegen des Gleichgewichts. Volles Rohr. Ich hatte nie was für die Skilehrer übrig, die mir Bögen beibringen wollten. Ziemlich nervös greife ich zum Hörer: mein großes Idol. Hoffentlich lacht er mich nicht einfach aus.

Im Gegenteil. Er ist tatsächlich interessiert an meinem ambitionierten Projekt. Will wissen, wie alt ich bin. 35? Geht ja, der Eberharter, der Vorjahressieger, ist kaum jünger. Auch mein Gewicht findet er okay, 87 Kilo, die Burschen wiegen heute alle um die neunzig Kilo. Oberschenkel brauche ich, Mut, ein gutes Kreuz. Wegen der Schläge auf der Piste,»die spürst im Kreuz«. Die Strecke sei heute besser präpariert als früher, »wenn du koan Fehler machst, passiert dir nix. Des war bei uns ned so.« Was soll ich essen? »Wir ham abends vorm Rennen einen Schweinsbraten gegessen«, sagt Klammer. Ich bedanke mich für die Tipps, er wünscht »viel Glück beim Wachseln«.

Wachsen. Im Keller habe ich ein Paar Salomon stehen, fünf Jahre alt, haben mal meiner Mutter gehört. Damit kann ich unmöglich auf die Streif. Topmaterial muss her, sonst wird das nichts mit den drei Minuten. Ich ordere ein Paar Testski bei Atomic. Solche, wie sie Vorjahressieger Eberharter fährt. Jetzt fehlt noch ein Rennanzug. Mein Anorak und die aufgeplusterte Skihose würden mich locker fünf Sekunden kosten - Lichtjahre im alpinen Hochleistungssport.

Die Firma Schneider in Altenmarkt ist langjähriger Ausrüster des österreichischen Nationalteams. Abfahrtsanzüge sind zwar gerade aus, aber einen Slalomanzug kann mir Theresia Schneider anbieten. »Kein großer Unterschied«, meint sie, »ein bissl mehr Polsterung halt. In Ihrem Fall vielleicht eh das Beste.« Die Chefin der Firma Schneider scheint mir nicht viel zuzutrauen.

Erste Streckenbesichtigung. Machen die Profis auch, um sich den Lauf einzuprägen. Aber nicht zu Fuß, wie ich. Streckenchef Obernauer hat gesagt, zum Fahren liege noch zu wenig Schnee. Kunstschnee meint er, Naturschnee ist fürs Rennen zu weich, die Helfer des Bundesheers räumen ihn vorher weg. Abfahrer sind blankes Eis gewohnt, seit zwei Tagen zischen vierzig Schneekanonen an der Strecke.

Franz Klammer erzählte, was geschah, als er 1973 zum ersten Mal hier oben stand, am Start auf 1665 Meter. Er hat sich umgedreht und gesagt: »I fahr do ned runter.« Abfahrt? Sieht eher nach Absturz aus.

Nach einer Stunde, zehn Minuten Fußweg bin ich im Ziel. Ich habe sogar einen Streckenteil entdeckt, in dem ich mir tatsächlich vorstellen kann, bei der Abfahrt in die Hocke zu gehen: das Mittelstück. Das Fernsehen blendet sich bei der Live-Übertragung hier immer aus, weil es so flach ist und die Rennläufer nur hundert fahren.

Montag, 16. Dezember 2002. Mit ABC-Pflaster komme ich zum Fitnesszentrum Reha-Med in Traunstein, tags zuvor habe ich mir den Nacken verrenkt. Sepp Ferstl weist mich ein. Radtrainer zum Warmwerden, Adduktoren-Trainer für die Oberschenkel, Rudertrainer für die Rückenmuskeln. Ich schlage mich wacker im Gerätepark. Ferstl nickt zufrieden. In der benachbarten Schulturnhalle dann der Rückschlag: Ferstl hat für seinen Ski-Nachwuchs und mich einen Parcours aufgebaut. Wir sollen über mehrere Kästen hechten und abrollen, dann zwei Rückwärtsrollen, am Reck dreimal mit den Füßen die Stange berühren, Slalom durch vier rot-weiße Hütchen, über zwei umgekippte Bänke balancieren, Spurt ins Ziel, das Ganze auf Zeit. Ich war auf Skigymnastik vorbereitet, nicht auf militärischen Drill.

Steifer Nacken hin oder her, ich will nicht kneifen und wenigstens die Zeit von Ferstls jüngstem Sohn schlagen. Christian, zehn Jahre alt und schon im Leistungskader, braucht 58 Sekunden für den Parcours. Bei mir hört Ferstl nach einer Minute, 15 Sekunden auf zu stoppen. Dabei habe ich noch zehn Straf-Liegestütze vor mir, weil ich mangels Kraft vom Barren geplumpst bin. Ich bin am Ende, das Training nicht. Zwanzig Minuten Streck- und Dehnübungen noch. Nach zwei Stunden Folter klopft mir Ferstl auf die Schulter. »Des macha mia dreimoi in der Woch, seit Sommer.«

Einziger Lichtblick am nächsten Tag: Ich spüre meine Nackenschmerzen kaum, vor lauter Muskelkater in Kreuz und Schultern. Am übernächsten Tag kann ich die Arme nicht heben. Dafür treffen meine Abfahrtsski von Atomic ein. Richtige Ski, wie ich sie von früher kenne, 2,15 Meter lang. Früher war es nämlich so: Die besten Skifahrer hatten die längsten Ski. Meine Fischer Vakuum waren 2,05 Meter. Dann kamen diese blöden Carving-Dinger auf den Markt. Und auf der Streif liegt immer noch kaum Schnee.

Donnerstag, Anzugprobe bei der Firma Schneider in Altenmarkt. Am besten passt mir das Modell »Drive«, Größe 56, windkanalgetestet. Anerkennend mustert Theresia Schneider meine Oberschenkel. 58 Zentimeter Umfang, schätzt sie, »fast wie bei den echten Rennläufern«. Das freut mich. Franz Klammer hat erzählt, dass er es in seinen besten Jahren nur auf 55 Zentimeter brachte. Ich fahre weiter nach Kitzbühel, morgen soll der erste Trainingslauf sein.

Um sieben klingelt der Wecker, mit einem Schlag wird mir bewusst, was ich die vergangenen drei Wochen schlicht verdrängt habe: Zuletzt stand ich vor zehn Monaten auf Skiern, jetzt will ich die schwierigste Strecke der Welt runter, mit neuen Skiern - im Grunde Wahnsinn. Im Sportgeschäft ist dann der Techniker unsicher, wie er meine Rennbindung einstellen soll. So ein Gerät hat er noch nie gesehen, sagt er. Ich muss eine Erklärung unterschreiben, dass ich seinen Laden für Unfälle nicht haftbar mache. Von der Gondelbahn aus zeigt mir Streckenchef Obernauer die Stellen, wo die ehemaligen Streifsieger Franz Heinzer und Patrick Ortlieb schwer stürzten.

Große Weltcupkarrieren endeten auf der Streif, kein Wunder. Joachim Mester, Professor für Trainingslehre an der Sportuni Köln, hat die enormen Kräfte gemessen, die auf die Läufer wirken, wenn sie mit 120 über Bodenwellen oder kleinere Rippen fahren. »Das ist ein Druck, als müssten Sie - wenn auch nur für Sekundenbruchteile - 1200 Kilo stemmen. Auf einem Bein.« Wenn man da ein bisschen falsch steht, reißt leicht mal ein Band. Einen Vorteil habe ich gegenüber den Profis: Ich kann bremsen, wenn es mir zu schnell wird.

Der große Moment: Ich stehe am Start, die Streif ist gesperrt und gehört nur mir. Leider ist sie in einem desolaten Zustand. Nur Bruchharsch im ersten Drittel, Tiefschnee, überzogen von einer Eisschicht. Im Mittelstück kommen meine Atomic kurz zur Geltung, ab Seidlalm werde ich wieder gebremst, von Grasbüscheln und Felsbrocken, die aus der dünnen Schneedecke auftauchen. Wegen der Nebelschwaden der Schneekanonen sehe ich kaum was während der Fahrt. Enttäuscht schwinge ich im Zielraum ab. Ich bin zwar gesund, habe aber zehn Minuten, 14 Sekunden gebraucht. »Super Zeit«, baut mich Obernauer auf, »bei den Verhältnissen.« Nach Weihnachten sei die Piste fertig, dann könne ich voll angreifen. Wie die Profis halt: sich im Training an die Strecke herantasten, im Rennen ans Limit gehen.

Von wegen angreifen. Die nächsten zwei Wochen taut die Streif weg. Zwölf Grad plus an Weihnachten, ich war auf alles vorbereitet, darauf nicht. Der Kälteeinbruch im Januar kommt zu spät, Herr Obernauer sagt, dass er die Strecke für mich nicht mehr hinkriegt. »Herr Obernauer, ich hätte so gern geschrieben, dass ich die drei Minuten doch noch schaffe«, jammere ich. »Des können S' trotzdem schreiben, weil Sie des sicher gefahren wären«, sagt Obernauer, in den siebziger Jahren Trainer des österreichischen Alpinnachwuchses - er hat sogar Franz Klammer trainiert. Wenn der das sagt. Dann muss ich doch gar nicht mehr runterfahren. Drei Minuten ist nämlich eine Bombenzeit. Ich wäre damit sogar Vorletzter geworden - beim Hahnenkammrennen 1960.

Fotos: Rainer Martini

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