Durch den Kampf zum Spiel

Eine nervige Stimme? Vor allem eine wichtige: Niemand fördert Frauen in der Männerwelt des Fußballs so sehr wie die Sportreporterin Sabine Töpperwien.

Jetzt ist Frauenfußballweltmeisterschaft in Deutschland – und ausgerechnet die bekannteste deutsche Fußballreporterin wird zu Hause auf dem Sofa sitzen und kein Spiel kommentieren. Immerhin, Sabine Töpperwien hat es selbst so entschieden. Klar, es sei schade, sagt sie, aber es bringe sie nicht um. Was sie hingegen umbringen würde: Wenn sie am Samstagnachmittag nicht im Radio bei der Bundesliga-Konferenz dabei wäre. »Da bleibt keine Zeit für die Frauen-WM. Aber ich werde mitfiebern, bin ja Fan.«

Die Bundesligakonferenz ist also die Königsklasse, mehr noch als eine Fußball-WM. Der Samstag im Stadion und auf Sendung, wenn acht Millionen zuhören, das ist das Leben und das Glück von Sabine Töpperwien. Wie sie strahlt und vibriert, wenn sie im Einsatz ist! Wie sie im Reinen ist mit sich und der Welt! Da vergisst man fast, wie kritisch viele – vor allem Männer – über sie denken, ihre Stimme und ihre Art, im Radio zu moderieren, gar nicht mögen: Sie klinge gepresst, so künstlich, man nehme ihr die Begeisterung nicht ab.

Andererseits ist ihre Stimme unverkennbar, nicht schlecht für eine, die im Radio moderiert, und  sie ist die einzige Reporterin, die regelmäßig aus den Stadien berichtet. Sie hat natürlich eine Menge Fans, darunter viele Frauen. Die mögen, dass sie es geschafft hat, dass sie wirklich was geworden ist in der Männerwelt des Fußballs. Wenn Schalke im Halbfinale der Champions League gegen Manchester United spielt, kommentiert: Sabine Töpperwien. Und wenn Dortmund am 30. April, am drittletzten Spieltag der Bundesliga 2011, Deutscher Meister wird, berichtet: Sabine Töpperwien.

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Eineinhalb Stunden vor dem alles entscheidenden Spiel trifft sie im Presseraum der Dortmunder Arena ein, um sich vorzubereiten. Und Leute zu begrüßen – im Westfalenstadion kennt sie fast jeden Journalisten, und es sind viele gekommen an diesem 30. April. Küsschen rechts, Küsschen links, Take Five, die Stimmung ist aufgeheizt. An der Theke schnappt sie sich eine Gulaschsuppe, kein Bier dazu, »im Dienst niemals«, und bespricht den Ablauf des Spieltags mit den beiden Kollegen vom WDR. Eine Pranke landet auf ihrer Schulter, sie dreht sich um, große Begrüßung: »Was für ein Tag«, seufzt der Reporter, der für den Bayerischen Rundfunk gekommen ist, »da geht meine schwarz-gelbe Seele auf.« »Ein Bayer mit schwarz-gelber Seele«, lacht Sabine Töpperwien, sie ist gerührt. Es geht auf halb vier zu, von draußen, aus dem ausverkauften Stadion schwappen die Lieder herein, You’ll Never Walk Alone – 85 000 Menschen singen.

Ist sie aufgeregt, vor so einem Spiel? »Aufgeregt ist das falsche Wort, aber heute, das elektrisiert«, sagt sie. »Ich halte es wie Klopp: nicht entspannt sein, aber auch nicht aufgeregt, sondern hochkonzentriert.«

Von Jürgen Klopp, dem Dortmunder Meistertrainer, weiß man, dass er als junger Mann beim damaligen Zweitligisten Mainz mit großer Leidenschaft, aber ohne überragendes Talent Fußball gespielt hat. Seine Begeisterung, sein Fleiß, sein methodisches Vorgehen haben ihn zu dem gemacht, was er nun ist: Deutscher Meistertrainer. Vielleicht liegt es deshalb nahe, dass Sabine Töpperwien sich mit ihm vergleicht – ihren Erfolg verdankt auch sie vor allem ihrem Biss, ihrem Kampfgeist. Und ein bisschen der Familie.

Ihre Kindheit im Harz war stark von Fußball geprägt, die Eltern gingen mit den Kindern zu jedem Spiel des VfR Osterode. Sabine Töpperwien ist 1960 geboren, zehn Jahre und zehn Tage nach ihrem Bruder Rolf, der Sportreporter wurde, da ging sie noch in die Grundschule. Als sie 16 war, arbeitete er fürs ZDF und nahm die kleine Schwester mit ins Stadion nach Braunschweig, die Eintracht spielte Bundesliga. »Da dachte ich: Mensch, wenn du eine Karte für so ein Spiel nicht kaufen musst, weil es dein Beruf wäre, hinzugehen - das wär’s.«

Sie studierte Sozialwissenschaften, Publizistik und Sport in Göttingen und schrieb als erste Frau in Deutschland ihre Diplomarbeit über Fußball: Tendenzen der Professionalisierung des Fußballsports in Deutschland in seinen historischen und sozialen Dimensionen. Dabei kam sie gar nicht auf Idee, dass irgendetwas an ihrer Leidenschaft komisch sein könnte.

Nach dem Diplom 1985 fing sie in der Sportredaktion des NDR an. Was ihre Lieblingssportart sei, wurde sie in ihrer ersten Konferenz gefragt. »Ja, Fußball«, sagte sie. Stille. Entsetzen. »Und was noch? Sie sind doch eine Frau!« Die Männer im Sender schlugen ihr vor, sich auf Rhythmische Sportgymnastik zu verlegen. Ja, wenn sie sich reinhängen würde, meinten die, dann könnte sie es mit Rhythmischer Sportgymnastik in zwei Jahren zu einer EM oder WM schaffen.

Damit hatte Sabine Töpperwien nicht gerechnet. Sie war ganz neu dort, und sie wollte was erreichen. »Ich bin Waage und kein Heißsporn. Ich habe ernsthaft abgewogen, wie ich vorgehe«, erinnert sie sich. »Ich habe gesagt, Entschuldigung, dann bin ich die Falsche hier, ich interessiere mich nicht für Gymnastik, habe keine Ahnung davon und keine Lust, mich in die Frauenecke drängen zu lassen.«

So eine Beharrlichkeit imponierte den Männern im Sender dann doch. Sie boten ihr einen Kompromiss an: Hockey. Das spielen Männer und Frauen. Es machte ihr Spaß, aber sie ließ nicht locker mit dem Fußball. Nach drei Jahren durfte sie zu einem Spiel nach Meppen fahren, zweite Liga, weit weg, das nahm keiner ernst, da wollte keiner hin.

1989 suchte der WDR eine Frau für die Sportredaktion und machte Töpperwien ein Angebot. Sie sagte, aber nur, wenn ich die Chance im Fußball bekomme. Nun ist sie Sportchefin bei WDR 2, der federführend bei der Bundesligaübertragung ist, und managt das gesamte Sportprogramm für den Hörfunk. Die Samstage im Stadion sind ihr vielgeliebter Ausgleich zum Büroalltag. Allein unter Männern sitzt sie auf der Pressetribüne, vor sich ein Monitor und drei Uhren: eine digitale, die auf die Sekunde gehen muss, für die Tageszeit; eine Stoppuhr für die Spielzeit; eine für die Länge des Wortbeitrags. Dortmund führt 2:0, das Stadion tost, sie muss ins Mikrofon brüllen und dabei überschlägt sich ihre Stimme. Man fängt an zu begreifen, was für eine Herausforderung die Lautstärke für eine weibliche Stimme ist. »Man wird nie von allen geliebt«, sagt sie, wenn man sie fragt, wie sie mit der Kritik umgeht. »Mein Ziel sind 51 Prozent, die absolute Mehrheit, das reicht.« Ihr Lachen ist breit und entwaffnend, die braunen Knopfaugen blitzen. Sie hat sich ein dickes Fell zugelegt.

Es gab ja auch schon härtere Zeiten: Als sie beim WDR anfing, sagte Christoph Daum ihr bei einem Interview ins Gesicht: »Mit Ihnen unterhalte ich mich doch nicht über Fußball.« Otto Rehhagel warf ihr vor, noch nie den Schweiß einer Kabine gerochen zu haben. Hörer riefen an und empörten sich: »Die soll uns nicht Fußball erklären, die soll lieber Strümpfe stopfen.« In diesen Jahren hat sie begriffen, dass eine Frau es im Fußball doppelt schwer hat. »Als Frau hat man wenig Spielraum. Da darf man keinen Bock schießen.« So wie Carmen Thomas’ historischer Ausrutscher »Schalke 05«, der bis heute an der damaligen Sportmoderatorin klebt.

Steckt hinter Sabine Töpperwiens Entscheidung gegen die Frauen-WM vielleicht Strategie? Weil Frauenfußball immer noch nicht so cool ist?  »Das ist es nicht«, sagt sie. Sie hat 1989 das erste Frauenfußball-Länderspiel, das live im deutschen Fernsehen übertragen wurde, kommentiert, zehn Pokalfinalspiele der Frauen in Berlin, Deutsche Meisterschaften, vorletztes Jahr die Laudatio auf die »Mannschaft des Jahres« gehalten und Bundestrainerin Silvia Neid den Preis überreicht. »Da ist große Verbundenheit. Aber die Samstage in der Bundesliga, das ist meine Welt. Und ab und zu brauche ich auch mal eine Pause.«

Als Sportchefin bei WDR 2 versucht sie, Frauen im Sender zu fördern: von dreißig Mitarbeitern sind inzwischen elf Frauen, aber die meisten möchten Interviews machen, keine Live-Reportagen, wegen der Arbeitszeiten, fast jedes Wochenende geht drauf und viele Abende auch. Und sie? Lebt in Köln, mit Katze, ist Single. »Und ja, ich glaube, das hat mit dem Job zu tun. Aber ich habe meinen Traum zum Beruf gemacht, mehr kann man nicht verlangen.«

Das Spiel ist längst abgepfiffen. Zwei junge Fans in gelb-schwarzen Trikots verirren sich auf die Pressetribüne. »Man hat mir geflüstert, dass die Spieler in den Katakomben wild feiern«, spricht Sabine Töpperwien ins Mikrofon. »Die Sonne scheint immer noch ins Stadion an diesem 30. April – meisterlich, könnte man sagen.« Das Stadion ist fast leer, sie ist jetzt sehr gut zu verstehen. »Sind Sie die Stimme vom WDR?«, fragt einer der beiden Jungs begeistert. Da lacht sie und freut sich. Dann spricht sie weiter ins Mikrofon, der Sender möchte noch etwas Atmosphäre, wie schön, sie will ja auch gar nicht aufhören, beschwört die Ausnahmestimmung des Nachmittags ein ums andere Mal, erzählt von tanzenden Fans, von Bierduschen und vom »Wundertrainer Klopp«. Sie hätte es gar nicht sagen müssen, man sieht ihr ja an, dass sie ihren Traum zum Beruf gemacht.

Foto: Frank Schemmann

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