We are Family

Seit sechs Jahren verheiratet, seit zwei Monaten Eltern: Über das öffentliche Familienglück von Elton John und David Furnish ist viel gespottet worden. Aber wie leben die beiden wirklich? Ein Besuch.

»Entschuldigung«, sagt David Furnish in seinem weichen kanadischen Tonfall. »Ich hätte mich schon früher melden sollen, aber er wird gerade gestillt.« Furnish ruft zurück, wegen der Interview-anfrage, bei ihm in Kalifornien ist es noch früher Morgen. Und »er«, das ist Zachary Jackson Levon Furnish-John, der Sohn von David Furnish und Elton John, der am ersten Weihnachtsfeiertag geboren wurde. Die beiden wurden mit Hilfe einer Leihmutter Eltern; die Geschichte ging um die Welt. »Er war früh dran«, erzählt Furnish. »Der Arzt meinte, wir sollen uns keine Sorgen machen, und fuhr in Urlaub. Dann setzten an Heiligabend die Wehen ein, und wir rasten ins Krankenhaus. Das war sogar ganz gut so, weit und breit keine Menschenseele. Wir marschierten da rein, und Elton sagte: ›Mann, das sieht hier ja so verlassen aus wie das Hotel in Shining.‹ Aber so waren auch weder die Presse noch irgendwelche Fotografen da.«

Normalerweise ist Furnish für seinen trockenen Witz bekannt. Jetzt klingt er wie jemand, der gerade aus der Narkose erwacht ist. Seine Stimme drückt die rosige Freude einer Glückwunschkarte aus, wie bei so vielen frisch gebackenen Eltern. »Wir leben gerade in einer Babyblase«, entschuldigt sich Furnish, »im Moment lungert ein Dutzend Fotografen vor unserer Wohnung herum. Elton war noch gar nicht vor der Tür; er bleibt mit Zachary im Haus.«

Rückblende: 14 Tage zuvor, eine Begegnung mit Elton John und David Furnish in deren Haus in Windsor, dort, wo London es aufgegeben hat, seine Umgebung zu kolonisieren – Windsor ist weder Fisch noch Fleisch, nicht mehr Stadt und noch nicht Land, zu nahe an der Königin, an Eton und Heathrow. Der Weg führt an einer von Hecken gesäumten Straße entlang, vorbei an Mähdreschern und Tankstellen, dann öffnet sich ein elektrisches Tor zu einer gewundenen Auffahrt, die Statuen zieren. Auf dem Grundstück befindet sich ein Teich, den man als orientalisch angehaucht bezeichnen könnte, ein Eisenbahnwaggon steht im überaus gepflegten Garten. Das Haus selbst müht sich, der aufgezwungenen Grandezza seiner Kulisse zu entsprechen. Es wirkt dabei eher gemütlich als protzig, eher überfüllt als geräumig.

Ein Butler bittet herein. Drinnen warten Elton und David, die vor Freundlichkeit nur so übersprudeln. Wir kennen uns von früher. Ich war mit ihnen in Nizza im Urlaub, wir haben uns immer wieder mal zum Abendessen getroffen. Aber ich bin seit Jahren nicht mehr hier gewesen. Wir dackeln hinter Arthur, dem Amerikanischen Cockerspaniel, in den Salon. Über dem Kamin hängt ein Tuke – ein Maler aus der Zeit Eduards VII., der auf seinen Leinwänden athletische junge Männer verewigte, die ausgelassen und nackt über herbstliche Strände tollen. »Davon haben wir noch ein paar mehr im Haus«, sagt Elton. In den Zimmern herrscht ein berauschender Duft, ein Aroma von Blumen, Zitrusfrüchten und Gewürzen. Überall glimmen Duftkerzen wie katholische Opfergaben an den Schutzheiligen der Schwulen. Auf jeder Oberfläche Nippes.

David Furnish und Elton John erzählen von ihrem Leben als schwules Ehepaar, aber sie suchen nicht nach positivem Feedback dafür oder wollen andere bekehren; sie sind weder defensiv noch stellen sie es zur Schau – es ist einfach das Fundament dessen, was sie gemeinsam sind. Ich möchte denjenigen sehen, der in ihrem Beisein nicht vierzig Prozent tuntiger auftritt. Anders gesagt: Ihre Homosexualität ist nicht ansteckend, aber mitreißend.

Das Kind von Elton John und David Furnish hat weltweit Aussagen provoziert, die einen an der grundsätzlichen Gutherzigkeit der Menschen zweifeln lassen. Die britische Politikerin Ann Widdecombe sagte, sie würde lieber bei den allerärmsten Eltern im Land aufwachsen als jemals Zachary Furnish-John zu sein. All der Spott und das Gewese um »Kinder als Accessoires«. Der einmütige Verdacht, dass in einer Art kosmischem Ausgleich reiche Promikinder offensichtlich emotional größeren Mangel leiden als die glücklichen Kinder der anonymen bürgerlichen Masse. Das ist alles unnötig. Nur eines lässt sich mit Bestimmtheit sagen: Irgendwo in jedem Menschen gibt es den brennenden Wunsch, das zu wiederholen, was man einst selbst hatte, oder das auszugleichen, was man niemals hatte. Bei David Furnish und Elton John mag beides zutreffen.

Im Gespräch geht es um die Familie, um Kinder, aber auch um die Arbeit. Eigentlich haben sie zum Interview gebeten, um über den Zeichentrickfilm Gnomeo und Julia zu reden. Furnish hat den Film produziert, Elton John hat dazu die Lieder geschrieben. Furnish erzählt, dass Elton, wenn er arbeitet, nie einen Zwischenstand meldet, dass er seine Probleme mit Meetings hat, die sich um den kreativen Prozess drehen. Er komponiert, wie man weiß, sehr zügig. Ein Ausbilder der Royal Academy of Music hat mal in einem Interview berichtet, dass Elton nach nur einmaligem Hören Mozart nachspielen konnte – so exakt wie ein Plattenspieler. Er hat die Musik für die Bühnenversion von Billy Elliot geschrieben, aber die Aufführung hat er bei der Premiere zum ersten Mal gesehen.

»Unsere Freunde geben uns ihre gebrauchten Babysachen.«

Über das Thema Musik kommt Elton John auf seine Familie zu sprechen. »Mein Vater hat mich nie spielen gehört«, erzählt er, »nicht ein einziges Mal. Er war ein kühler und gefühlloser Mann. Ein harter Kerl. Er war in der englischen Luftwaffe. Er war abweisend, frustriert und zum Schluss nicht mehr da. Ich wollte einfach nur, dass er an
erkennt, was ich geleistet habe. Aber das tat er nie. Ich hatte nie diesen Billy-Elliot-Moment. Es war auch nicht so, dass er nicht mit Kindern umgehen konnte. Er hat uns verlassen, wieder geheiratet und eine neue Familie gegründet. Allem Anschein nach war er ihnen ein guter Vater. Es lag nicht an Kindern per se, es lag an mir.«

Eltons und Davids eigene Ehe – die am 21. Dezember 2005 geschlossen wurde, dem ersten Tag, an dem in England gleichgeschlechtliche Eheschließungen erlaubt wurden – war ein wichtiges Ereignis für die britische Gesellschaft: Manche kamen endlich drauf, dass Individualität und Unterschiede nicht der Anfang vom Ende sind. Nein, die Hochzeit war weder Vorbild noch brachen im Anschluss alle Dämme. Sie war keine Mischung aus Ein Käfig voller Narren und Dornenvögel. Aber gerade weil sie trotz allem nur eine Hochzeit war, sentimental und rührend, war sie ein Moment, bei dem viele dachten: »Das ist alles? Das war doch jetzt nicht so schockierend. Das erschüttert unser Leben nicht in den Grundfesten.« Man könnte auch sagen: Nicht die widerwillige Akzeptanz von Unterschieden formt eine homogene Gesellschaft, sondern das Erkennen von Ähnlichkeiten – von all dem, was wir miteinander teilen.

Von der Ehe wechseln wir zum Thema Kinder – und zu Eltons und Davids trauriger Geschichte ihrer Reise in die Ukraine. Ganz gleich, wie viel Spott und Zynismus die Medien über die wohltätigen Stiftungen von Prominenten ausschütten: Eltons und Davids Aids-Stiftung zählt zu den größten und effektivsten der Welt. Bei einem Besuch in einem Haus für Aids-Waisen lernte Elton John einen kleinen Jungen namens Lev kennen.

Er lässt Furnish die Geschichte erzählen: »Elton hatte den Jungen einfach liebgewonnen. Er war was ganz Besonderes. Im Ernst, so hatte ich ihn noch nie gesehen. Wir fragten, ob wir ihn adoptieren könnten. Wir hatten schon oft darüber geredet, und da war nun dieser Junge, dem wir helfen konnten. Und dann bekam die Presse Wind davon und die christlich-fundamentalen Politiker, und es wurde ein ziemlicher Zirkus daraus.« Die Berichterstattung war selbst für den Boulevard überdreht, und die ukrainischen Behörden blockten alles ab. Elton und David kamen zu dem Schluss, dass das alles für Lev und seinen Bruder, den sie ebenfalls adoptieren wollten, zu schlimm geworden wäre. Also ließen sie die Idee mit der Adoption fallen. Eine schmerzhafte Erfahrung.

So kamen die beiden dazu, ein Kind mit Hilfe einer Leihmutter zu wollen, so entstand überhaupt erst der Wunsch. Sie hatten verständlicherweise Sorge, dass die Presse die Story lancieren könnte, bevor das Kind zur Welt kommt. »Der ganze Müll, den die seit
der Geburt schreiben, ist doch an den Haaren herbeigezogen«, sagt Furnish am Telefon. »Dass wir einen Designer für das Kinderzimmer angeheuert hätten – Blödsinn. Dass es ein halbes Dutzend Kindermädchen gäbe – wir haben genau ein Kindermädchen. Dass wir Tausende für Klamotten und Spielsachen ausgegeben hätten. Schwachsinn – man braucht nur ein paar Strampler und viel Mulltuch. Unsere Freunde geben uns ihre gebrauchten Babysachen.«

Nach dem Mittagessen gehen wir hinüber zu einer ehemaligen Garage, die zu einer Kunstgalerie umfunktioniert wurde und einen Teil von Eltons Sammlung zeitgenössischer Kunst beherbergt. Tracey Emins allseits bekannte Vagina lächelt auf uns herab, Damien Hirsts Taube schwebt regungslos in ihrem grünen Glassarkophag. Der Fotograf ist da, Elton und David stehen in Anzug und Krawatte lächelnd nebeneinander, und trotz all der Kunst um sie herum bleibt vor allem dieser Eindruck von ihnen: ein Ehepaar, das unbeholfen – und verliebt – für ein Foto posiert.

Die beiden haben übrigens jeweils eine Samenspende abgegeben. Im Einwohnerregister von Los Angeles ist zwar Elton John als Vater eingetragen, aber das ist eine reine Formalie – wer der leibliche Vater ist, wissen sie selber nicht. Wenn Zachary will, darf er es später durch einen DNS-Test feststellen lassen. Alles, was Furnish dazu sagt, ist: »Elton ist der Daddy und ich bin der Papa.«

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Als Elton John und David Furnish am 25.12.2010 mit Hilfe einer Leihmutter Väter wurden, sorgte das weltweit für Aufregung. Klatschmagazine wie das englische OKdruckten zarte Familiengeschichten – aber an manchen amerikanischen Kiosken wurde die Titelseite mit Pappdeckeln verdeckt, weil man den Käufern den Anblick des schwulen Familienglücks nicht zumuten wollte.

Deutsche Medien berichteten teilweise kritisch über die Geburt und stellten die Frage, ob das Baby nicht eher eine Art Lifestyle-Accessoire sei. Patricia Riekel schrieb in der
Bunten, sie frage sich, »wie ein Kind mit dem Bewusstsein aufwächst, dass es keine Mutter hat, nicht ein Foto, keinen einzigen Link in die Vergangenheit seiner mütterlichen Linie.« Und: »Vielleicht sind wir ja längst in einer Zukunft angekommen, die George Orwell in seinem pessimistischen Science-Fiction-Roman 1984 entwarf: Im totalitären Überwachungsstaat soll zur besseren Kontrolle der Gefühle die Sexualität durch künstliche Befruchtung ersetzt werden.«

Foto: AP