»Plötzlich war der warme Klang weg«

Richard Dorfmeister im Interview über das Plattensammeln im Wandel der Zeit, die Musik der Siebzigerjahre und eine alte Wiener Kifferhymne, die er nun wieder zugänglich gemacht hat.

Foto: Andreas Bitesnich

Heutzutage ist es leider aus der Mode gekommen, Musik auch als Klangerlebnis zu begreifen. Popmusik wird auf dem iPod oder Computer abgespielt und tönt aus billigen Lautsprechern oder Kopfhörern. Vor allem die Mainstream-Produzenten haben sich diesem Umstand angepasst und machen inzwischen Musik, die auf diesem minderwertigen Equipment noch einigermaßen wirkt, auf einer Hifi-Anlage allerdings erschreckend flach und konturlos klingt.

Vor anderthalb Jahren habe ich mit Peter Kruder vom weltberühmten DJ-Team Kruder & Dorfmeister über diesen Kulturverfall gesprochen; Anlass war damals seine Private Collection, ein Sampler mit 17 Lieblingsstücken. Nun zieht Richard Dorfmeister, Kruders Kompagnon, endlich nach: Morgen erscheint seine eigene Private Collection (G-Stone), ebenfalls mit 17 Lieblingsstücken. Ich muss sagen, ich habe schon lange keine CD mehr gehört, die so fantastisch klingt! Dorfmeisters Private Collection ist eine »journey into sound«, die auch abgebrühte Musikfans überraschen und begeistern dürfte.

Wie zu erwarten ist die Auswahl der Künstler durchaus eklektisch. Es sind mehrere Mainstream-Rockacts wie Santana, David Essex und Alan Parsons Project dabei, aber man findet auch Blues (John Lee Hooker, Peter Green), Jazz (Oscar Peterson), Folk (Nick Drake), brasilianische Musik und den Latin-beeinflussten Softrock von Michael Franks. Verbindendes Element ist der ausnahmslos exzellente Klang der Tracks, die größtenteils aus den Siebzigern stammen. Aber hören wir, was Richard Dorfmeister selbst zu seiner CD zu sagen hat.

Richard Dorfmeister, morgen erscheint Ihre Private Collection, ein Sampler mit 17 Lieblingsstücken. Was ist das für eine Auswahl?
Ich habe mich gefragt, welche Musik im Alter von 14 bis 20 für mich wichtig war. Alles war damals noch ganz neu, und ich habe viel Musik in mich reingesaugt. Welche Songs, die mir damals etwas bedeutet haben, machen heute noch Sinn für mich? So kam ich zu der Auswahl.

Gibt es über diesen persönlichen Aspekt hinaus ein weiteres verbindendes Element?
Die Sounds. Alle Stücke klingen sehr warm, sehr analog. Viel Fender Rhodes, viele warme Gitarren.

»Es war damals ja noch nicht so einfach, an die Platten ranzukommen. Heute bekommst Du eigentlich alles problemlos auf CD oder aus dem Netz«

Durch den Sound ist Ihre CD in einer bestimmten musikalischen Ära verhaftet. Diesen warmen, analogen Sound findet man heute eigentlich nicht mehr, oder?
Ja. Sehr schade, dass er verschwunden ist. Es ist der Klang der späten Siebziger, als man den Jazzfunksound der frühen Siebziger mit besseren Mischpulten optimiert hat. Für einen kurzen Moment hatten viele Platten einen ganz tollen Klang, dann ist es ins Digitale rübergeschwappt. Plötzlich war dieser warme Klang weg. Alles wurde hart, kristallen.

Wäre es technisch heute noch möglich, diesen Sound zu reproduzieren?
Theoretisch schon. Lenny Kravitz hat das gemacht. Da müsste man die alten Beatles-Mischpulte checken, die alten Bass-Amps rauskramen. Aber wenn man so klingen will wie früher, dann stimmt es halt auch nie so ganz. Besser, man macht etwas eigenes.

Auf Ihrer CD finden sich einige Künstler, mit denen Fans von Clubmusik kaum rechnen dürften, zum Beispiel Peter Green (von Fleetwood Mac) und Santana.
Viele werden die Compilation wahrscheinlich für zu kommerziell halten. Aber ich schleppe diese Tracks schon seit Ewigkeiten mit mir im Kopf herum. »Slabo Day« von Peter Green ist von seinem Soloalbum In The Skies. Alle Soloalben von Peter Green sind super. Seine Licks sind eigentlich nicht so schwierig, aber er spielt unglaublich nuanciert, genau wie Santana.

Der nächste Schock für die Coolness-Polizei!
Aber der Song ist Wahnsinn! »Aquamarine« ist eine der bestaufgenommenen Nummern, die ich kenne. Ich stehe ein für diese Tracks.

Besonders nuanciert spielt auch der Jazzpianist Oscar Peterson. Sie haben ein Stück ausgewählt, dass er für die Plattenfirma MPS aufgenommen hat.
Ich habe fast alle Oscar-Peterson-Platten auf MPS. Da spielt er oft unglaublich virtuos. Für den Sampler habe ich aber einen Song von dem Album ausgewählt, das er zusammen mit der Vokalgruppe Singers Unlimited gemacht hat. Da interessieren mich vor allem die Harmoniesounds.

Selbst Eugen Cicero, Vater von Roger, ist auf dem Sampler dabei.
Dessen Platten sind eigentlich unhörbar. Aber diese eine Chopin-Adaption finde ich super.

Bald danach kommt John Lee Hooker.
Einer meiner Favorites! Die Nummer stammt vom Soundtrack des Films The Hot Spot, auf dem auch Miles Davis mitspielt. Blues hat einfach drauf gehört.

Und all das haben Sie schon als Teenager gehört?
Der Vater eines Freundes hatte eine Jazzsammlung, da gab es die ganzen CTIs, Milt Jackson, Jobim in Top-Qualität. Habe ich alles auf Tape aufgenommen, das war eine irre Fundgrube. Es war damals ja noch nicht so einfach, an die Platten ranzukommen. Heute bekommst Du eigentlich alles problemlos auf CD oder aus dem Netz.

Aber hat man sich nicht damals, als man noch lange nach Platten suchen musste, viel intensiver mit Musik beschäftigt?
Auf jeden Fall. Wenn man kämpfen muss, ist es immer intensiver. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal »Summer Madness« von Kool & The Gang gehört habe. Diese Nummer mit dem irren Rhodes-Anfang, tausend mal gesampelt. Die habe ich lange gesucht, zu der Zeit, wo Rare-Groove-Platten sehr teuer waren. Ich war irrwitzig stolz, als ich sie endlich gefunden hatte. Seitdem hat sich viel geändert.

Wir wollen nun aber nicht den Anschein erwecken, als lebten Sie nur in der musikalischen Vergangenheit. Was ist Ihr Eindruck vom aktuellen Stand der Clubmusik?
Die ist gut aufgestellt, einfach weil es so viel gibt. Man kann wahnsinnig viel entdecken und muss immer mehr wegwerfen, weil so viel da ist. Allerdings sind die Sachen, die neu rauskommen, oft auch recht ähnlich. Und nur selten erscheint ein Album, dass komplett durchhörbar ist. Beim Auflegen fällt mir auch immer wieder auf, dass man allein mit den neuesten heißen Remixen nicht durchkommt. Man muss auch ein paar ältere Sachen dabei haben, mehrere Facetten zu zeigen.

Sagen Sie zum Abschluss noch ein paar Worte zu Harry Stojka, dessen Stück »Bau No Was Au« die CD beschließt. Von diesem Künstler hatte ich noch nie gehört.
Der ist eine Wiener Legende. Bei uns ist er relativ bekannt, außerhalb von Österreich kennt ihn keiner. Ein Gypsy, der Gitarre spielt, von Django Reinhardt beeinflusst. Ende der Siebziger erschien auf Warner sein erstes Album, darauf ist der Track »Bau No Was Au«, so eine alte Kiffernummer. Das Album kam nie auf CD heraus, das wurde irgendwie vergessen. Auf die Nummer habe ich schon sehr viel Resonanz bekommen. Ich glaube, da freuen sich einige, dass »Bau No Was Au« endlich auf CD erhältlich ist.