»Ohne glückliche Kindheit führt man ein schöneres Leben«

Yasmina Reza, international bekannt durch das Theaterstück Der Gott des Gemetzels, hat früh gelernt, wie man sich von anderen Menschen abgrenzt. Ein Gespräch über Außenseiter und die Momente absurden Glücks.

Yasmina Reza schreibt über Menschen, die sich gut finden und dann selbst demontieren. Ihr Ton ist scharfzüngig - aber liebevoll.

SZ-Magazin: Sie wirken gehetzt. Wo kommen Sie her?
Yasmina Reza: Ich schreibe gerade ein Stück für Thomas Ostermeier, das im Mai in Deutschland uraufgeführt wird: Bella Figura, Schaubühne Berlin.

Wie kommt es, dass Ihre Stücke so oft zuerst in Deutschland und dann in Frankreich aufgeführt werden?
Ich weiß es nicht. Es ist das vierte Stück, bei dem das so ist. Angefangen hat das im Jahr 2000 mit Drei Mal Leben, das Luc Bondy inszenierte. Das nächste war Ihre Version des Spiels am Deutschen Theater.

Es wird dort immer noch gelegentlich gespielt. Der Gott des Gemetzels wird in Deutschland auch noch oft gespielt, in Hamburg, Mainz, Nürnberg.
Der Gott des Gemetzels war auch eine Auftragsarbeit, für Jürgen Gosch. Er hat keine Vorgaben gemacht, sondern einfach ein Stück bei mir bestellt.

Das Stück wurde so erfolgreich, dass ein Film daraus entstand. Zwei Ehepaare kriegen sich wegen ihrer Söhne in die Haare. Schreiben Sie gern über Eltern?
Ich kann nicht über meine Arbeit sprechen. Das hat man Ihnen doch wohl gesagt, oder nicht? Da bin ich störrisch wie ein Tier. Es steht ja alles in meinen Büchern. Also: Meine Lieblingsthemen weiß ich nicht. Sagen Sie mir, was meine Lieblingsthemen sind.

Im Buch Nirgendwo schreiben Sie, dass Wurzellosigkeit Ihr Lebensgefühl ist: »Ich habe keine Herkunft.« Ist das ein Thema, das Sie umtreibt?
Das, was ich da geschrieben habe, war nie für die Öffentlichkeit bestimmt. Es ist nur der Beharrlichkeit eines Verlegers zu verdanken, dass dieses Buch erschienen ist.

Aber nun ist es erschienen. Haben Ihnen Wurzeln gefehlt?
Gar nicht.

Sie empfinden bis heute keinen Mangel?
Im Gegenteil.

Ist Wurzellosigkeit also Freiheit?
Eine Art Freiheit schon. Weil jede Nähe uns bindet, die Nähe zu Menschen, zu einem Land, zu den Wurzeln, zur Vergangenheit. Ich war letzte Woche in Barcelona zum Erscheinen meines Romans Glücklich die Glücklichen und habe mit Freunden aus Katalonien wegen des Unabhängigkeitsreferendums diskutiert. Einer von ihnen sagte, das Problem der Katalanen sei: Sie haben zu viel Biografie. Ein wunderbarer Satz. Keine Wurzeln heißt: keine Biografie. Das ist vielleicht nicht Freiheit, aber Leichtigkeit.

Man könnte es auch so sehen, dass unser Gedächtnis uns zu den Menschen macht, die wir sind. Unsere Identität ist unsere Biografie.
Ich habe nicht weniger erlebt als andere. Ich habe nicht weniger Vergangenheit als andere. Ich bin ja irgendwo herausgewachsen: Ich bin in Paris geboren und aufgewachsen, meine Sprache ist Französisch. Aber die Sprachen meiner Eltern, ihre Wurzeln, sind nicht meine. Meine Wurzeln sind unsichtbar, oder in aller Welt verteilt: in Ungarn, Israel, Russland. Ich bin nicht entwurzelt worden. Das ist etwas ganz anderes. Das ist vielen Schriftstellern passiert. Ich wurde nicht aus dem Haus, das ich kannte, herausgerissen.

Worin besteht dann Ihre Wurzellosigkeit?
Ich kam mir als Kind vor, als wäre ich in einem fremden Haus. Das Haus war sehr offen, es gab keine Regeln oder Gewohnheiten, die mich eingeschlossen hätten. Ich fühlte mich anders als die anderen. Ich ging nicht in den Katechismus-Unterricht, ich ging auch nicht in den jüdischen Religionsunterricht, weil meine Eltern den Glauben nicht praktizierten. Ich ging nirgendwohin, wo die anderen Kinder hingingen. Wenn eine Freundin sagte, ich fahre zu meiner Großmutter in die Bretagne, hatte ich keine Großmutter in der Bretagne. Ich habe den Unterschied zwischen mir und den anderen ganz deutlich gespürt. Aber es hat mir nichts ausgemacht.

Sie haben nicht dazugehört. Und das hat Sie nicht gestört?
Als Kind habe ich es natürlich gehasst. Ich wollte dazugehören. Jedes Kind möchte dazugehören und sein wie die anderen. Aber ich habe nie dazugehört. Niemals. Auf bestürzende Weise. Selbst wenn die Kinder Himmel und Hölle gespielt haben, stand ich daneben und guckte zu. Man hat mir nicht erlaubt mitzuspielen. Diese Bilder sehe ich noch ganz deutlich vor mir. Ich habe es nicht geschafft, Teil einer Gruppe zu werden.

Warum war das so?
Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht.

Haben Sie mit Ihren Eltern darüber gesprochen?
Auf keinen Fall. Mit meinen Eltern hat man nicht über solche Dinge gesprochen. Meine Eltern haben sich nicht für den Zustand der Seelen ihrer Kinder interessiert. Sie haben nie mit uns über unsere Gedanken und Unsicherheiten, über unsere Sehnsüchte oder unseren Kummer geredet. Für meinen Vater war das Anderssein eine Qualität. Er war stolz darauf, nicht so zu sein wie die anderen.

Wollten Ihre Eltern nicht, dass Sie sich einfügen?
Doch. Mein Vater wollte unbedingt zur französischen Gesellschaft gehören, und das ist ihm gelungen. Er hat alles daran gesetzt, dass seine Kinder ein perfektes Französisch sprechen, und wir sprechen alle drei ein sehr gutes Französisch. Die Mutter meines Vaters konnte nicht lesen und nicht schreiben. Das ist ein großer Sprung zu Menschen wie uns, den er innerhalb von einer Generation hingekriegt hat. Er wollte, dass wir uns anpassen können. Doch gleichzeitig hat er unsere Andersartigkeit, unsere Einzigartigkeit kultiviert und hat das auch von uns
verlangt.

Wie hat sich das im Einzelnen gezeigt?
Wenn ich rote Schuhe haben wollte, weil meine ganze Klasse rote Schuhe hatte, bekam ich schwarze. Einmal haben mir meine Eltern Rollschuhe gekauft. Alle meine Freunde hatten Rollschuhe mit Schnürsenkeln. Meine Eltern kauften mir moderne Rollschuhe, mit Schnallen, nicht mit Schnürsenkeln. Als ich das Paket aufmachte, konnte ich nicht anders als meine Enttäuschung zu zeigen. Da gab es Ärger. Ich wurde gefragt: Möchtest du wirklich sein wie die anderen? Selbst beim Rauchen haben meine Eltern nicht gesagt: Das ist ungesund. Sondern: Alle rauchen. Unterscheide dich von ihnen, indem du nicht rauchst.

Haben Sie jetzt Verständnis für diese Haltung Ihres Vaters?
Ja. Ich glaube, man führt ein schöneres Leben, wenn man keine glückliche Kindheit hatte. Weil man sich immer danach zurücksehnen würde. Was bei mir überhaupt nicht der Fall ist.

Wie alt waren Sie, als Sie das verstanden haben?
Ich habe es sofort verstanden. Ich habe tausend Zurückweisungen erlebt, und das war sehr positiv für mich. Denn ich glaube, das Schreiben hat für mich damals angefangen.

Warum glauben Sie das?
Wenn man nirgends dazugehört, findet man seine Identität nicht. Also muss man sich einen Ort suchen, an dem man sich sicher fühlt. Ein Haus, in das man gehört. Für mich war das Haus das Schreiben.

Und wie haben Sie Ihre Kindheitserlebnisse als Mutter verwertet?
Indem ich sehr genau darauf geachtet habe, meinen Kindern nicht das anzutun, was mich als Kind unglücklich gemacht hat. Aber ansonsten habe ich mich wenig mit der Theorie der Kindererziehung befasst, sondern mich eher instinktiv verhalten und das getan, was ich für das Beste gehalten habe. In Absprache mit dem Vater der Kinder, natürlich. Ich kam auf die Idee zum Gott des Gemetzels, weil ich lustig fand, wie intensiv sich Eltern von heute mit Erziehungsfragen be-
fassen.

Die Eltern im Gott des Gemetzels finden sich eigentlich ganz gut und demontieren sich dann selbst, wie viele der Menschen, über die Sie schreiben. Mögen Sie Ihre Helden?
Absolut. Wenn man schreibt, hat man die Möglichkeit, sich in Menschen hineinzuversetzen, die weit entfernt sind von dem, was man selbst ist. Ich kann sogar in die Haut eines Mannes schlüpfen. Und um ehrlich zu schreiben, muss ich mich in seine Logik hineinbegeben. Das endet damit, dass ich jeden verstehen kann. Wenn ich Véronique im Gott des Gemetzels schreibe, werde ich Véronique. Und verstehe Véroniques Wesen. Die Leute in meinen Büchern haben ja eines gemeinsam: Es sind nicht ihre Ideen oder Meinungen, die zählen, sondern ihr Wesen. Meinungen von Menschen sind langweilig. Mich interessiert ihr Temperament. Ihre Nerven. Ihre Fähigkeit, das Leben zu ertragen.

Sie haben sich selbst mal als unsicher beschrieben. Sind Sie immer noch unsicher?
Ich denke schon. Aber das kommt natürlich auf die Situation an. Ich würde nie auf eine Gruppe zugehen und mich dazustellen. Unmöglich. Größere Gesellschaften meide ich. Ich mag kleine Beziehungen, überschaubare. Wenig Leute. Meine Unsicherheit ist existenzieller Natur. Sie wird aber von einer Art Sicherheit begleitet, was meinen Beruf betrifft. Ich weiß, dass Glücklich die Glücklichen gelungen ist, und es verunsichert mich nicht, dass Leute dafür 15 Euro bezahlen müssen. Ich bin unsicher, ob die Leute mögen, was ich zu bieten habe – aber ich fühle mich nicht illegitim in dem, was ich tue.

Führen Sie die Unsicherheit auf Ihre Erziehung zurück? Darauf, dass Sie nie dazugehören durften?
Solche Fragen stelle ich mir nicht. Ich möchte mich auf keinen Fall selbst analysieren.

Fühlen Sie sich mit der Veröffentlichung der privaten Texte so unwohl, weil andere Sie analysieren werden?
Wahrscheinlich. Diese Texte habe ich nicht beruflich geschrieben, sondern für mich. Aber wissen Sie, Schriftsteller sind ja sehr
widersprüchlich. Sie wollen und sie wollen auch wieder nicht. Wenn ich wirklich nicht gewollt hätte, dass diese Texte gelesen werden, hätte ich sie nie aus der Schublade gezogen. Aber ich habe sie jemandem gegeben. Der hat gesagt, die Texte sind großartig, also habe ich sie veröffentlicht.

Liegen jetzt wieder Texte in der Schublade?
Es liegen immer Texte in der Schublade. Es liegen auch welche drin, die ich unter keinen Umständen veröffentlichen würde.

In einer Szene des Buches Nirgendwo schreiben Sie, dass Ihre Eltern Sie von der Schule abholten und Sie Ihnen freudig entgegenliefen – »und dieses Übermaß an Freude war auch ein Kummer«. Wie meinen Sie das?
Diese Szene hat mich sehr geprägt. Denn in dem Moment, in dem ich mich so darüber gefreut habe, dass meine Eltern mich abholten, verstand ich, dass sie mich sonst nie von der Schule abholten, und war sehr betrübt. Alle anderen Kinder wurden ständig von der Schule abgeholt. Aber bis zu dem Tag, an dem ich abgeholt wurde, hatte ich nicht als Defizit begriffen, dass ich sonst nicht abgeholt wurde.

Und es war auch nur so toll, weil Ihre Eltern es sonst nie taten.
Genau. Seitdem weiß ich: Größte Freude beinhaltet größten Kummer. Große Freude kommt nur in Situationen auf, die außergewöhnlich sind. Also ist die Freude auch außergewöhnlich. Denn durch sie sieht man erst, was man nicht hat. Damals bin ich erwachsen geworden.

Ist das nicht eine etwas pessimistische Grundhaltung?
Ich bin weder Pessimistin noch Optimistin. Ich sträube mich gegen solche Definitionen. Das Wort Pessimismus ist mir auch viel zu vage. Das Wort Optimismus ist noch schlimmer. Worum geht es denn da? In welcher Hinsicht soll ich pessimistisch sein? Ich erkenne da keine Konturen.

Anders gefragt: Sehen Sie eher schwarz oder sind Sie ein hoffnungsvoller Mensch?
Der Dichter Jorge Luis Borges hat dazu einen wunderbaren Satz geschrieben, den ich gerade nur in etwa wiedergeben kann: Mein Gott, schütze mich nicht vor dem blutigen Schwert, sondern schütze mich vor der Hoffnung. Er betrachtet die Hoffnung als die größere Gefahr. Und ich verstehe das. Gleichzeitig kann man natürlich nicht in ständiger Sorge leben. So gefährlich die Hoffnung auch ist, man muss ihr trotzdem Zutritt gewähren. Sonst wird es zu traurig. Man kann sich nicht verbieten zu hoffen. Obwohl, manchmal sollte man sich verbieten zu hoffen.

Was ist gefährlich an der Hoffnung?
Eine schöne jüdische Weisheit lautet so: »Alles erhoffen, nichts erwarten.« Ist das nicht großartig? Nicht einfach natürlich, die Hoffnung von den Erwartungen zu lösen.

Sie beschäftigen sich also doch mit diesen grundsätzlichen Lebensthemen.
Nie. Ich stelle mir diese Fragen vielleicht, aber ich antworte nur, indem ich handle. Ich bin gar nicht so der denkende Mensch, auch wenn ich offenbar den Eindruck einer Intellektuellen mache. Mein Hirn funktioniert viel intuitiver, viel ungeordneter. Ich schreibe niemals Essays, gehe keinen philosophischen Themen auf den Grund. Das sind Bereiche, denen ich mich nur in fiktiven Texten annähere.

Was ist mit Politik?
Sehr spannend. Aber ich betrachte sie als reines Theater. Und ich kommentiere sie niemals, dazu habe ich viel zu wenig Ahnung.

Ist alles Leben für Sie Theater?
Nein, gar nicht. Aber die Politik in Frankreich ist doch ein wunderbares Schauspiel, das müssen Sie zugeben.

In Glücklich die Glücklichen hat ein fast perfektes Paar einen Sohn, der glaubt, er wäre Céline Dion. Wie kommen Sie auf so eine Idee?
Mein Sohn hat Céline Dion vergöttert, als er klein war. Er hat für seinen Vater und mich in seinem Zimmer Konzerte gegeben, als Céline Dion. Ich fand das genial. Sein Vater hatte manchmal Bedenken. Mein Sohn ist dann auch Sänger geworden.

Aber er ist nicht verrückt wie der Junge im Buch.
Nein. Aber seine Begeisterung für Céline Dion hat er nie verloren. Er betrachtet sie als seine Gesangslehrerin. Er hat mir bei der Entwicklung der Figur geholfen und kam auch auf die Idee, dass die Eltern die Psychiatrie als Aufnahmestudio ausgeben.

Der Junge scheint der Glücklichste im Buch zu sein.
Weil er ahnungslos ist. Aber es ist nicht meine Definition von Glück, nichts mitzukriegen.

Was ist Ihre Definition von Glück?
Ich glaube an Momente absurden Glücks. Nur diese Art von Glück impliziert keinen Kummer, weder vorher noch nachher. Ich gehe sehr gern in die Berge. Ich bin ein begeisterter Wanderer. In den Bergen gibt es diese Glücksmomente, die ohne jede Vorankündigung kommen. Der Weg macht eine Biegung, plötzlich empfindet man Glück. An diese Momente unbewussten Glücks erinnert man sich sein Leben lang. Aber reproduzierbar sind sie nicht.

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Yasmina Reza
wurde 1959 in Paris geboren. Sie ist eines von drei Geschwistern, ihre jüdische Mutter stammt aus Budapest, der jüdische Vater aus Sarmakand. Rezas Theaterstück »Der Gott des Gemetzels« von 2006 war so erfolgreich, dass Roman Polanski es 2011 mit Kate Winslet, Jodie Foster und Christoph Waltz verfilmte. Auch Rezas Roman »Glücklich die Glücklichen« von 2014 wurde in Deutschland ein Bestseller. Im Mai hat ihr neues Theaterstück »Bella Figura« Premiere an der Schaubühne Berlin.

Foto: Pascal Victor

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