Rippchen im Deckmantel

Diane Krugers Auftritt beim Deutschen Filmpreis zeugt von Superkräften und sportlicher Disziplin. Oder vermisst sie in Hollywood ein hessisches Traditionsgericht?


Superheldenverfilmungen sind seit einigen Jahren ein ganz großes Thema in Hollywood, böse Zungen, darunter Steven Spielberg, prognostizieren dem Genre, bald einen Überdruss-Tod wie einst der Western zu sterben. Vielleicht wollte Diane Kruger beim Deutschen Filmpreis dem Abgesang also nur entgegenwirken und sich als Fan outen: mit einem Kleid, das von der Comic-Heldin Supergirl inspiriert zu sein schien.

Die stilsichere Schauspielerin trug ein Abendkleid des indisch-amerikanischen Modedesigners Naeem Khan mit purpurrotem, bodenlangem Cape: einmal die Clutch-umklammernde Faust gen Himmel gereckt und sie wäre sicher über den Berliner Funkturm davongerauscht.

Beim zweiten Blick kommt man jedoch ins Grübeln – möglicherweise stand gar nicht die Superheldin Pate für Krugers Outfit, sondern ein weiterer bekannter Mantelträger: Sankt Martin. Auch in Krugers Fall scheint jemand bereits Teile der Robe mit einem Schwert abgetrennt zu haben, allerdings weniger der Wohltätigkeit als vielmehr einem aktuellen Modetrend zuliebe.

Cut-Outs, das sind die oft sichelförmigen Ausschnitte in enganliegenden Kleidungsstücken, finden sich derzeit in unzähligen Kollektionen wieder. Diane Kruger legt ihre Schulterbeine sowie seitlichen Rippen frei, Kollegin Heike Makatsch trug am selben Abend einen hellblauen Jumpsuit mit Cut-Outs in der Magengegend, und überhaupt waren die Roten Teppiche in den letzten Monaten beherrscht von ungewöhnlichen Einblicken – oft an Bauch und Rücken, aber auch an Hüftknochen, Oberschenkeln oder Steißbein. Wer früher Haut zeigen wollte, griff zu tiefen Ausschnitten oder kurzen Röcken, heute scheinen die Möglichkeiten unbegrenzt. Sind Cut-Outs vielleicht die elegantere, weil weniger plumpe Art der textilen Freizügigkeit?

Nein, mit Zurückhaltung hat das wenig zu tun. Die offenherzigen Kleider sind nur eine weitere Ausprägung des herrschenden Körper- und Fitnesskults, der Sixpack ist längst auch bei Frauen ein Statussymbol, und wirkt marktwertsteigernd dank Eigen-PR-Plattformen wie Instagram. Hinter der Begeisterung für Cut-Outs steht also vielmehr das Bestreben der Celebrities, ihre makellosen und gestählten Körper zur Schau zu stellen. Wer fünfmal die Woche zum Pilates geht, sich fett- und zuckerfrei ernährt und aus Angst von Hautalterung die direkte Sonneneinstrahlung meidet, hat selbst an den entlegensten Stellen seines Körpers nichts mehr zu verbergen – gleichzeitg aber halt auch wenig zu lachen.

Vielleicht sind die großzügigen Sichtfenster auch eine Art Trotzreaktion der von verzichtgeplagten, hungrigen Stars: Wenn schon keine Rippchen, dann doch wenigstens Rippen.

Wird getragen von: Superheldinnen, Rotkäppchen, Graf Zahl, St. Martin
Wird getragen mit:
Sixpack, Spray-Tan, Klebe-BH
Trageanlass:
Stehparties (im Sitzen kann selbst der festeste Bauch nicht mehr kräuselfrei bleiben)
Das fragt sich der Comic-Fan:
Wann kommt noch mal die zweite Staffel von Supergirl?

Foto: Gettyimages / Clemens Bilan

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